Die Folgen der Milliarden-Pleite
Am 11. Dezember wurde der prominente Wall-Street-Investmentmanager Bernard Madoff verhaftet. Er hat Anleger über Jahrzehnte um etwa 50 Milliarden Dollar betrogen – ein Verbrechen, dass in der Geschichte der Finanzwirtschaft seinesgleichen sucht. Madoff hat ein Schneeball-System betrieben, bei dem er Anleger aus den Einzahlungen späterer Investoren bedient hat. Zahlreiche seiner Opfer sind jüdisch. Darunter finden sich neben prominenten Philanthropen auch Stiftungen und Investitionen in der elitären Welt, in der sich Madoff zwischen New York City, Palm Beach und Europa bewegt hat.
Das Institute for Jewish Research in Manhattan, Yivo genannt, hat die Affäre jüngst zum Anlass einer Diskussionsveranstaltung «zur Aufarbeitung aus jüdischer Sicht» genommen. Doch gleich zu Beginn hat sich der Verleger und Immobilienkaufmann Mort Zuckerman gegen die Annahme gewehrt, bei Madoffs Betrug handele es sich in erster Linie um eine jüdische Angelegenheit. Der Milliardär hat durch Madoff in seiner eigenen Stiftung angeblich etwa 40 Millionen Dollar verloren. Von dem Moderator, dem Verleger der «New Republic» Marty Peretz, als «Intellektueller, der an den Tischen der Mächtigen speist» eingeführt, lehnte Zuckerman jede Verantwortung der jüdischen Gemeinschaft für Madoffs Untaten ab und erklärte: «Ich halte es für unfair, dass seine Jüdischkeit Teil der Darstellung dieser Affäre ist. Was Madoff getan hat, ist die Antithese jüdischer Ethik und Werte.» Indem das Yivo Madoff in erster Linie als Juden betrachte, folge es der Presse, welche die jüdische Identität des Betrügers ständig hervorgehoben habe. Dabei seien die Medien nie auf den Gedanken gekommen, etwa den Enron-Chef Kenneth Lay als «protestantischen» Energiehändler zu charakterisieren.
Alte Stereotype werden belebt
Doch der enorme Publikumsandrang im Zentrum für jüdische Geschichte, der Heimat des Yivo, liess sich nur durch den «jüdischen» Aspekt des Skandals erklären. Die Besucher kamen, um neben Zuckerman die Hedgefonds-Manager Michael Steinhardt und William Ackman, den Philosophen Michael Walzer sowie den Historiker Simon Schama zu hören. Zuckerman wich bald von seiner eigenen These ab und griff während seiner Bemerkungen das sehr jüdische Thema Antisemitismus auf. Zuckerman befürchtet, dass Madoff die uralten Stereotype vom gierigen und unzuverlässigen Juden belebt. Der Unternehmer gab sich davon überzeugt, dass Madoff den Juden Amerikas den grössten Schaden seit der Überführung von Julius Rosenberg zugefügt hat, der im Kalten Krieg für die Sowjetunion spionierte. Laut Zuckerman wird es Jahre dauern, ehe sich das Ansehen der Juden von diesem Schlag erholt.
Simon Schama wies Zuckermans Proteste zurück und stellte den Anwesenden die Frage: «Wenn die Madoff-Affäre keinen jüdischen Kontext hat, was suchen wir alle dann hier?» Ihm ging es nicht um die Selbstkritik, die der Titel der Veranstaltung anzudeuten schien, sondern um «Trauer, Weinen und Kreischen angesichts dieser fürchterlichen Untaten», so Schama dramatisch: «Madoffs Verbrechen besteht darin, dass er sich wie ein Parasit an den alten jüdischen Geschäftstraditionen bereichert hat, an den Netzwerken von Familien und Freunden, am gemeinsamen Gottesdienst, an den Verbindungen, die es etwa den Amsterdamer Juden im 17. Jahrhundert erlaubt haben, lukrative Handelswege rund um den halben Erdball zu unterhalten.»
Michael Walzer ging auf die jüdische Haltung zum Geld ein. Im Gegensatz zu Buddhisten oder Katholiken legten Juden keinen grossen Wert auf Verzicht. Das Lob des Asketentums sei ihnen fern und sie unterdrückten den Wunsch nach Luxus und Komfort nicht. Da ihnen der Besitz von Land historisch untersagt war, blieben ihnen nur Handel und Geldverleih, um zu überleben. Daher habe das jüdische Recht auch Unternehmertum, Wettbewerb und das Recht auf Eigentum unterstützt. Allerdings sei das jüdische Besitzrecht auf Eigentum nicht absolut, so Walzer weiter: «Die Unterstützung der Bedürftigen ist keine Frage der Wohltätigkeit, sondern der Gerechtigkeit.» Um so verbrecherischer sei Madoffs Beraubung jüdischer Stiftungen gewesen.
Eine brillante Fassade
William Ackman räumte zunächst ein, er habe die Einladung angenommen, an der Diskussion teilzunehmen, weil er die Unschuld seines Freundes Ezra Merkin verteidigen wollte. Der bekannte Hedgefonds-Manager habe alles verloren, weil er mit Madoff zusammengearbeitet hat: sein eigenes Vermögen, das seiner Klienten und das mehrerer Stiftungen. Ackman versuchte zu erklären, wie ein erfahrener Mann vom Kaliber Merkins schuldlos gehandelt hätte, indem er sein ganzes Vertrauen in Madoff gesetzt habe. Worauf man achten solle, um die Vertrauenswürdigkeit eines Menschen zu beurteilen, fragte Ackman.
Madoff sei über viele Jahr ein respektiertes Mitglied der jüdischen Gemeinschaft gewesen. Er gab Spenden an Wohlfahrtsinstitutionen und lebte zwar sehr gut, prahlte aber nicht mit seinem Reichtum. Zudem sei er Schatzmeister der Yeshiva University sowie angesehenes Mitglied etlicher Firmenverbände gewesen, und gute Leute hätten Empfehlungen für ihn ausgesprochen. Obendrein sei seine in seinen Abrechnungen dargestellte Investitionsstrategie konsistent, konservativ und beruhigend gewesen. So habe Madoff über Jahrzehnte eine brillante Fassade bewahrt. Wer auf ihn hereingefallen sei, habe einen Fehler begangen, nicht jedoch ein Verbrechen, so Ackmans Plädoyer.
Michael Steinhardt kam dann wieder auf den Antisemitismus zu sprechen und fragte, warum sich die jüdische Gemeinschaft so verletzbar fühle. Woher rühre die Sorge um das Urteil der Nichtjuden? Warum seien Juden so unsicher? Steinberg selbst gab sich unbekümmert. Als die Wall Street durch Affären um Insider-Handel erschüttert worden sei, waren etliche Angeklagte Juden. Aber trotz der Befürchtungen der Gemeinde sei die erwartete antisemitische Reaktion nicht eingetreten. Steinhardt ergriff die Gelegenheit, um für eine andere Art der Abrechnung zu plädieren. Er beschrieb jüdische Stiftungen in deutlichen Worten als «archaisch, unattraktiv und unfähig, die Gemeinschaft angemessen zu vertreten: Produkte jüdischer Trägheit – Organisationen, die sich weigern, zu sterben, auch wenn sie ihren Zweck längst überlebt haben».
Zusammenbruch der Moral
Bei den abschliessenden Fragen dominierte das Thema Moral. Während Steinhardt einen negativen Trend und den Zusammenbruch der Moral in der Finanzwirtschaft und bei den Buchprüfern sieht, führte Ackman die momentane Situation auf die ewigen Schwächen der menschlichen Natur zurück. Walzer wollte die Verantwortung auf die Schultern des Staates legen und betonte, es obläge den Behörden, die Geschäftswelt vor «Räubern und Kriminellen» zu schützen. Schama erinnerte das Publikum daran, dass die Ablehnung von regulativen Auflagen das «giftige Erbe von Ronald Reagan» sei.
Erst ganz am Ende der Veranstaltung provozierte eine Frage eine spontane Zusammenfassung der «jüdischen» Komponente der Madoff-Affäre. Eine 30-jährige Frau erklärte, sie und ihre Altersgenossen würden niemals Antisemitismus erleben und darauf auch keinen Gedanken verschwenden. Aber warum, so ihre Frage, empfinde sie dann Scham über den Betrug Madoffs an so vielen? Darauf gab Michael Walzer zurück: «Achte auf diese Gefühle. Wir sind immer noch eine Gemeinschaft und einander verantwortlich. Wir haben eine Verpflichtung, gegen Missetaten in unserer Gemeinschaft zu protestieren!»


