logo
23. Januar 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 04 Ausgabe: Nr. 4 » January 22, 2009

Die Bilder sprechen lassen

January 22, 2009
Die Stiftung Elsbeth Kasser stellt im Historischen Museum Luzern Zeichnungen, Aquarelle und Fotografien von Häftlingen des französischen Internierungslagers Gurs aus. Die Ausstellung «Hinschauen – nicht wegsehen!» bietet eine eindrückliche Lektion in Sachen Kunst und Geschichte.
EINBAHNSTRASSE NACH GURS Ein Bild das Lagerinsassen Kar Borg

Eine Sammlung von Zeichnungen und Fotografien ist Zeugnis eines Stücks europäischer Geschichte. Auftrag der Elsbeth-Kasser-Stiftung und Ziel des Holocaust-Gedenktags ist es, die Erinnerung an das Geschehene auch für die nächsten Generationen wachzuhalten. Die rund 150 Exponate aus der Sammlung Elsbeth Kasser sind in den Kriegsjahren von Künstlern geschaffen worden, die im französischen Internierungslager Gurs inhaftiert waren. Sie zeigen eindrücklich den Lageralltag und die schrecklichen Zustände, die dort herrschten. Die Bilder wurden von Elsbeth Kasser, die im Auftrag des Schweizerischen Roten Kreuzes in Gurs humanitäre Hilfe leistete, in die Schweiz gebracht. Die Sammlung befindet sich heute im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich.

Vorort von Auschwitz

In den Jahren 1939 bis 1945 wurden im französischen Lager Gurs rund 60 000 Menschen interniert: zunächst Soldaten der im Spanischen Bürgerkrieg geschlagenen republikanischen Armee, später waren im Lager «unerwünschte» Frauen und Kinder sowie «Politische» interniert. In der Zeit des staatlich geschürten Antisemitismus hielten die Nazis jüdische Männer, Frauen und Kinder im Lager fest. Auch Sinti und Roma wurden als Unerwünschte inhaftiert, bevor das Lager Gurs nach Kriegsende geschlossen wurde. Ab August 1942 wurden die 3907 jüdischen Internierten durch die Nationalsozialisten mit französischer Beteiligung aus Gurs ins KZ Auschwitz deportiert.
Die Deportationen in das Vernichtungslager hat Elsbeth Kasser, eine Schweizer Mitarbeiterin des Roten Kreuzes, beobachtet. Während zweieinhalb Jahren hat sie in Gurs humanitäre Hilfe geleistet, Schulunterricht organisiert, Lebensmittel an Kinder verteilt und versucht, die unsäglichen Lebensbedingungen im Lager zu verbessern. Sie wirkte bei Einsätzen in Spanien und in Gurs. Sie ermunterte die Inhaftierten, sich künstlerisch zu betätigen, um den schlimmen Lageralltag wenigstens für ein paar Stunden verdrängen zu können.
So entstanden im Lager Zeugnisse künstlerischen Schaffens. Knapp 200 Zeichnungen und Aquarelle konnte Kasser in die Schweiz retten. In einer Schachtel unter ihrem Bett bewahrte sie diese Sammlung über 50 Jahre lang auf. Erst Ende der Achtzigerjahre zeigte sie Freunden in Dänemark die Schachtel mit den Bildern. Die Ausstellung wurde in den folgenden Jahren an über zwei Dutzend Orten in Europa und in der Schweiz gezeigt.

Gurs in drei Kapiteln

Die Ausstellung ist eine Kooperation zwischen der Stiftung Elsbeth Kasser, der Hochschule Luzern und der Pädagogischen Hochschule Luzern. Die Ausstellung wie auch der gesamte Bildkatalog wurden von Studierenden der Hochschule Luzern anlässlich des Holocaust-Gedenktags konzipiert und gestaltet. «Die moderne Gestaltung soll besonders jungen Menschen die schwere Thematik zugänglich machen», sagt Karolin Linker, Koordinatorin des Projekts. Deswegen sei es auch gut gewesen, dass junge Menschen an der Ausstellung gearbeitet haben. «Somit erhält die Geschichte den Bezug zur Gegenwart.»
Der durch die Kunst dokumentierte Lageralltag zeigt Bilder, die sowohl erschreckende als auch romantisierende Situationen darstellen, aber auch Karikaturen und Kinderzeichnungen. Die Ausstellung wurde mit einfachen Mitteln in drei Kapitel gegliedert. Ein erster langer Gang gibt Auskunft über die Herkunft der Internierten. Der Weg ist durch den sich verjüngenden Korridor bedrängend. Der Besucher weiss nicht, was ihn erwartet. Im Hauptraum wird das Innenleben des Lagers durch Bilder und Fotos dargestellt. Im Gang, der nach aussen weist, wird auf die Deportation aufmerksam gemacht. «Es soll nicht angenehm sein, durch diesen Gang zu gehen», heisst es im Ausstellungskonzept der Studierenden, denn es gebe keinen anderen Ausweg – «den hatten auch die Internierten nicht.» Der Besucher ist aufgefordert, das Vergangene nicht zu vergessen. So spricht das Zitat des Zeitzeugen und Auschwitz-Überlebenden Primo Levi deutliche Worte: «Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben. Es kann geschehen, überall.»    


«Hinschauen – nicht wegsehen!» Gurs 1939–1943. Aquarelle, Zeichnungen. Sammlung Elsbeth Kasser. Ausstellung im Historischen Museum Luzern im Rahmen des Holocaust-Gedenktages. 27. Januar bis 15. März. Dienstag–Sonntag, 10.00–17.00 Uhr, Pfistergasse 24. Für Schulklassen ist der Eintritt gratis (Voranmeldung erforderlich). Telefon 041 228 54 24.





» zurück zur Auswahl