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16. Januar 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 03 Ausgabe: Nr. 3 » January 15, 2009

«Wieder holen ist gestohlen?»

von Wilfried Weinke, January 15, 2009
Das Jüdische Museum Berlin beschäftigt sich mit dem Thema Raubkunst und Restitution.
NS-KUNSTRAUB Ausgestellt wird unter anderem das einst entwendete Bild «Winterlandschaft mit Schlittschuhläufern bei einem Wirtshaus» von Jan van Goyen (1641)

Verfolgt man mit oberflächlichem Blick Debatten über von Nationalsozialisten geraubte Kunst und deren Rückerstattung, so könnte einem, insbesondere beim Verhalten deutscher Museen, ein alter Kinderspruch einfallen: «Wieder holen ist gestohlen.» Eine solche Entrüstung, wie im Kehrreim ausgedrückt, basiert aber auf dem ersten Teil des Spruches, der da lautet: «Geschenkt ist geschenkt.» Von Schenkungen jedoch kann bei «NS-Raubkunst» nicht die Rede sein, geht es doch um Raub, um organisierten, systematischen Raub. Erst Jahrzehnte nach Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft wurde in vielfältigen, regionalen Studien jener Prozess untersucht, der von den Nationalsozialisten euphemistisch «Arisierung» genannt wurde. Am Ende dieses Prozesses, den die Nazis auch als «die Entjudung der deutschen Wirtschaft» bezeichneten, standen Deportation und Ermordung. Zuvor aber wurden Wohnungen, Mobiliar, Bibliotheken und Wertsachen vom Staat konfisziert. Angesichts der mit dem «Judenboykott» vom 1. April 1933 einsetzenden Verfolgung der Juden von «Freiwilligkeit» bei Verkäufen von Eigentum, Firmen oder Kunstwerken zu sprechen, ist eine Verhöhnung der Opfer. Sie ignoriert willentlich, dass es entweder um die schlichte Sicherung der materiellen Existenz oder um die Organisation der Emigration, besser: der Flucht aus Deutschland ging. Die nachträglich gerne behauptete Mär von der vermeintlichen «Freiwilligkeit» bei diesem grössten «Besitzwechsel» in der deutschen Geschichte zählt zu den Legenden über den Nationalsozialismus. Schon 1998 stellte Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, fest: «Für Arisierungen gab es zur Zeit ihrer Durchführung kein Unrechtsbewusstsein – man hatte ja schliesslich ‹jüdische Volksschädlinge› beerbt …
Die heute von Juden erhobenen Forderungen nach Rückgabe oder materieller Kompensation des geraubten Besitzes lösen deshalb besonders heftige Abwehrreaktionen aus, weil sie die Rechtmässigkeit des ‹arisierten› Besitzes vieler Privatpersonen, Firmen, Versicherungen und Banken immer wieder in Frage stellen.» Heute kann diese Aufzählung erweitert werden um Museen und Kunstsammlungen.

Die «Volksseele» kochte

Spätestens mit der Rückgabe des viele Jahre im Bestand des Berliner Brücke-Museums befindlichen, 1913 entstandenen Gemäldes «Berliner Strassenszene» des Malers Ernst Ludwig Kirchner und der Versteigerung des expressionistischen Bildes im Auktionshaus Christies in New York für den stolzen Preis von
38 Millionen Dollar, kochte es in Teilen der deutschen Volksseele. Bildungsbürgerliche Empörung fand ihren Niederschlag in scharfer Kommentierung der Restitution als «eilfertig» oder «grundlos». Konservative (besser gesagt: scheinheilige) Kritiker brandmarkten die Restitution als Verrat an den Idealen des Museums, gar an der ganzen deutschen Kulturnation. Der Kunsthändler Bernd Schultz vom Berliner Auktionshaus Villa Grisebach verstieg sich gar zu der Behauptung, die Regierungs- und Parteienvertreter hätten verantwortungslos gehandelt. Schultz wörtlich: «Nicht die pflichtgemässe Verantwortung für das nationale Kulturerbe trieb die Berliner Kulturverwaltung an, sondern der heftige Wunsch, mit einer grandiosen Reuegeste mitzuspielen im grossen moralischen Drama von Schuld und Erinnerung.» Auch wenn solche wohlgesetzten Formulierungen eher an dumpfe Stammtischparolen erinnern: Spätestens seit November 2006 war das Thema auch in den Spalten bundesdeutscher Feuilletons angekommen und es interessierten sich neben Historikern wie Kunsthistorikern auch Journalisten für NS-Raubkunst. Rechtzeitig zum 10. Jahrestag der Washingtoner Erklärung zur NS-Raubkunst, in der sich 44 teilnehmende Nationen, darunter auch die Bundesrepublik Deutschland, auf Grundsätze einigten, nach denen von den Nationalsozialisten geraubte Kunstwerke identifiziert, publiziert und deren eigentliche Eigentümer ausfindig gemacht werden sollten, präsentiert das Jüdische Museum Berlin in Kooperation mit dem Jüdischen Museum in Frankfurt die Ausstellung «Raub und Restitution. Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute».
Auch wenn in der Ausstellung Otto Muellers Gemälde «Knabe vor zwei stehenden und einem sitzenden Mädchen», Lovis Corinths «Römische Campagna» oder Corinths Porträt «Bildnis Walther Silberstein» zu sehen sind, so handelt es sich bei der Berliner Präsentation beileibe nicht um eine Kunstausstellung. Kunstbeflissene und -flaneure kämen nur bedingt auf ihre Kosten. Doch auch sie könnten sich von dieser Ausstellung unmittelbar angesprochen fühlen. Denn sie präsentiert zum Thema Kunstraub kein abgeschlossenes historisches Kapitel, sondern eine bei aller Sachlichkeit der Darstellung in deutsches Mark und Bein gehende Dokumentation. Eine Dokumentation, die auf Grund zahlreicher ungeklärter Restitutionsfragen in unsere unmittelbare Gegenwart reicht.

Ross und Reiter

Anhand von 15 Beispielen verdeutlichen die Kuratoren der Ausstellung, wie Juden ihr Besitz gestohlen wurde, wie die Nationalsozialisten Gemälde, Sammlungen von Porzellanfiguren und Musikinstrumente, Judaica und ganze Bibliotheken raubten. Die Beispiele stammen aus Berlin, Breslau, Hamburg, Düsseldorf, Wien, Frankfurt, Dresden, auf Grund der nationalsozialistischen Kriegsführung auch aus Paris, Amsterdam, Wilna. Jenseits dieser regionalen biografischen Beispiele führt die Ausstellung zudem auf detaillierte Weise vor, wie systematisch der nationalsozialistische Raubzug durchgeführt wurde. Mittels unzähliger Dokumente und Fotos verdeutlicht die Ausstellung die Arbeit des «Einsatzstabes Rosenberg», der von Alfred Rosenberg gegründeten Organisation, die «herrenloses Kulturgut von Juden sicherstellte».In Tausenden Transportkisten wurden beschlagnahmte Kunstwerke, Gemälde, Aquarelle, Plastiken, Textilien, Möbel, Bibliotheken aus Frankreich, den Niederlanden, Belgien, später auch aus Osteuropa nach Deutschland gebracht. Und es sind sinnfälligerweise Transportkisten, die das Medium der Ausstellung bilden und die klassische Vitrine ersetzen. Auf und in den aufeinandergestapelten Kisten kann der Besucher das «Schicksal» der geraubten Kunstgegenstände und das ihrer Besitzer verfolgen. Bei der Rekonstruktion des Restitutionsvorganges – und das ist ein unbedingt hervorzuhebendes Verdienst – bleibt die Ausstellung keineswegs abstrakt, sondern nennt Ross und Reiter. Selbst dem unbefangensten Ausstellungsbesucher wird schnell deutlich, wie viele am NS-Kunstraub teilnahmen und von ihm profitierten, der private Sammler, das führende Museum oder die Nationalbiblio-thek, der Auktionator, der Kunsthändler, der Kunsthistoriker, der Museumsdirektor. Die Liste der – auch nach 1945 wieder in Amt und Würden tätigen – Erfüllungsgehilfen ist lang.Auf einer im Dezember 2008 in Berlin durchgeführten Konferenz «Verantwortung wahrnehmen. NS-Raubkunst – eine Herausforderung an Museen, Bibliotheken und Archive» hob Bernd Neumann, Staatsminister für Kultur, hervor, dass Deutschland «uneingeschränkt» zu den Verpflichtungen der Washingtoner Erklärung stünde. Die Realität aber – von der dürftigen Provenienzforschung, der von den deutschen Museen höchst unterschiedlich ausgelegten Selbstverpflichtung zur Selbsterforschung und der eher niedrigen Zahl tatsächlich restituierter Kunstwerke – sieht anders aus. Nach der beschämend späten Debatte um die Entschädigung von Zwangsarbeitern und Ghettorenten scheinen die unmittelbar Betroffenen, Museen wie Kunsthandel, noch gar nicht gemerkt zu haben, dass es auch beim Thema NS-Raubkunst keinen Schlussstrich geben kann.  


«Raub und Restitution. Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute», bis 25. Januar im Jüdischen Museum Berlin; vom 22. April bis 2. August im Jüdischen Museum Frankfurt a. M. Ein 326 Seiten umfassender, reich illustrierter Katalog zum Preis von 24.90 Euro ist im Wallstein Verlag, Göttingen, erschienen.   





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