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16. Januar 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 03 Ausgabe: Nr. 3 » January 15, 2009

Einem Phänomen entgegenwirken

January 15, 2009
Mit dem Krieg in Gaza kommt es in der Schweiz vermehrt zu antisemitischen Zwischenfällen. Wie begegnen jüdische Orginsationen diesem Problem? tachles hat die Arbeit der verschiedenen Organisationen seit November 2008 genauer beobachtet.
GEGEN ANTISEMITISMUS Auch jüdische Organisationen sind gefordert, sich gemeinsam antisemitischen Strömungen zu stellen

Antisemitismus äussert sich auf verschiedene Art und Weise. Als latente Einstellung, als Ressentiment, als diskriminierende Handlung oder als offener Hass. Antisemitismus zu bekämpfen bedeutet, antisemitische Erscheinungsformen in deren ganzer Breite zu verstehen. Dabei kann ein historisch so weit zurückreichendes und gesellschaftlich so tief verankertes Phänomen wie Antisemitismus nur durch eine langfristig angelegte Strategie angegangen werden. Schnellschüsse machen hier keinen Sinn.
Erst nachhaltige Arbeit, die sich auf fundierte, wissenschaftlich abgesicherte Untersuchungen des Phänomens stützt, kann positive Effekte erzielen. Solche eigentlich banalen Erkenntnisse waren nicht immer leitend in der Art und Weise, wie seitens jüdischer Organisationen in der Schweiz an das Thema herangegangen wurde. Weder wurde systematisch die Verbreitung antisemitischer Vorurteile in der Gesellschaft untersucht, noch wurde auf einer professionellen Basis Antisemitismus bekämpft. Viel Geld wurde für Beratermandate ausgegeben, in kurzlebige Projekte wie das Jüdische Medienforum oder Media Watch gelenkt, oder es wurde mit wenig transparent agierenden Organisationen wie der in Riehen beheimateten Aktion Kinder des Holocaust (AKDH) zusammengearbeitet. Diese betreute unter anderem auf Mandatsebene jahrelang eine sogenannte Meldestelle für Antisemitismus sowie andere Projekte des Dachverbands. Dabei war man bei der AKDH noch Anfang 2007 nicht in der Lage, genauere Angaben über die eigene Arbeitsweise und deren Hintergrund zu machen (vgl. tachles 1/07).

In Bewegung

Daneben bleibt bis heute unklar, wie hoch die Aufwendungen in diesem Bereich in den letzten Jahren gesamthaft waren. Auf Anfrage von tachles konnte der Finanzchef der Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) Daniel Rothschild keine konkreten Angaben dazu machen – unter anderem auch, weil die verschiedenen Projektbeiträge auch verschiedenen Ressorts zugeordnet wurden. Es bleibt also weiterhin Spekulation, wie in diesem Bereich in den letzten Jahren gewirtschaftet wurde und wie dabei mit Mitgliederbeiträgen umgegangen wurde.
Durch den Führungswechsel in der SIG-Geschäftsleitung scheinen die Dinge in Bewegung zu geraten. Kaum hatte Sabine Simkhovitch-Dreyfus das Ressort Prävention und Information in der Geschäftsleitung des SIG übernommen, wurde seitens der AKDH die Zusammenarbeit aufgekündigt. Eine Entwicklung, die insofern überraschte, als ihr Vorgänger Josef Bollag noch im letzten Jahresbericht des Verbandes von einer «Intensivierung der Zusammenarbeit» mit der AKDH berichtet. Wie zu erfahren war, wird der Dachverband in Zukunft die Arbeit einer Meldestelle selbst übernehmen, teilweise in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft gegen Antisemitismus und Rassismus (GRA). Ob es die Kritik an der Arbeitsweise der AKDH unter ihrem Vorsitzenden Samuel Althof war, die zu diesem Schritt geführt hat, oder ob andere Gründe den Ausschlag gaben, bleibt unklar. Während der Riehener Verein tachles grundsätzlich keine Auskunft gibt, wollte auch  die Ressortchefin Simkhovitch-Dreyfus keinerlei Informationen über die Hintergründe des plötzlichen Endes geben.

Eine Vielzahl an Organisationen

SIG und AKDH sind nicht die einzigen Organisationen, die diese Themenfeld bearbeiten. In der Westschweiz ist hauptsächlich die CICAD, eine Gründung verschiedener jüdischer Gemeinden der französischen Schweiz, in diesem Bereich aktiv. Daneben bearbeiten unter anderem das in Zürich beheimatete Zentrum «David», die GRA, die verschiedenen Sektionen der Gesellschaft Schweiz-Israel sowie die verschiedenen jüdischen Gemeinden ein ähnliches Feld. Dabei wird ein Grossteil dieser Arbeit nebenberuflich und von Laien betrieben.
Insgesamt sind verschiedene Strategien in der Bearbeitung des Themas erkennbar. So versucht die GRA schon seit Längerem, das Thema Antisemitismus in einem grösseren Kontext innerhalb der Bekämpfung sämtlicher Formen von Diskriminierung zu stellen. Dabei agiert sie oftmals im Hintergrund und sucht Gespräche mit den Beteiligten. Als Kontrast dazu fallen die Organisationen «David» und CICAD durch eine sehr offensive Öffentlichkeitsarbeit auf. Als es im November im Rahmen eines Fussballspiels zu Auseinandersetzungen mit einem offenbar antisemitischen Hintergrund gekommen war, reagierte «David» mit einer Presseerklärung. Auf der Internetseite des Zentrums wird der «Kampf Israels» als «Kampf der Kulturen» bezeichnet. Auch die Genfer CICAD  wagt durchaus die offene Konfrontation. Als die Westschweizer Zeitschrift «Le temps» eine Karikatur zum angeblich übertriebenen proisraelischen Kurs der amerikanischen Aussenministerin veröffentlichte, mobilisierte die CICAD umgehend ihre Mitglieder. Dabei ist nicht immer ganz klar, wie dies mit ihrer Kernaufgabe, dem Kampf gegen Antisemitismus und Diffamation, zusammenhängt. Gegenüber tachles verneinte Johanne Gurfinkel, CICAD-Generalsekretär, dass man in diesem Fall eine Kampagne gegen das Westschweizer Blatt organisiert habe. «Wir wollten unsere Mitglieder über die in unseren Augen problematische Darstellung informieren. Wie darauf reagiert wird, bleibt den Adressaten unserer Aussendungen überlassen», so Gurfinkel.
Trotzdem scheinen solche Skandalisierungsstrategien auch bei den Verantwortlichen des jüdischen Dachverbands nicht nur auf Sympathien zu stossen. SIG-Präsident Herbert Winter zeigt sich auf Anfrage zwar durchaus zufrieden über die Aktivitäten der CICAD – sie machten «sehr gute Arbeit in der Romandie» und würden daher gerne unterstützt. Gleichzeitig gibt er offen zu, dass man «nicht immer ganz glücklich mit dem Vorgehen der CICAD» sei. Vizepräsidentin Sabine Simkhovitch-Dreyfus, die im Vorstand der CICAD sitzt, würde «Kritikpunkte in solchen Fällen aufnehmen».

Verteilung der Finanzen

Der SIG spielt auf diesem Feld nicht nur deswegen eine wichtige Rolle, weil er die offizielle Vertretung der Schweizer Juden darstellt, sondern auch weil er dafür seitens der Mitgliedsgemeinden Finanzmittel gestellt erhält. Wie stark sich der SIG aber tatsächlich finanziell in diesem Bereich engagiert, bleibt, wie schon anfangs erwähnt, unklar. Im Budget 2008 des SIG sind gemäss Angaben des Finanzverantwortlichen Daniel Rothschild rund 80 000 Franken für die Bekämpfung von Antisemitismus eingeplant, teilweise durch Stiftungen mitfinanziert. Ein Teil dieser Summe ging im letzten Jahr an die AKDH. Diese 80 000 Franken erfassten vor allem diejenigen Projekte, welche sich – wie die Meldestelle und teilweise die Datenbank – direkt sich mit der Bekämpfung von Antisemitismus befassen. Rothschild betonte gegenüber tachles, dass diese Summe nur begrenzt Aussagen über des gesamte Engagement des jüdischen Dachverbands erlaube. «Eigentlich hilft ein Grossteil unserer Aktivititäten dabei, Antisemitismus zu bekämpfen. Dazu gehören auch unsere Aktivitäten in der Jugend-, Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit, welche in dieser Zahl nicht enhalten sind.» Auch die Subventionen an die CICAD, welche mittlerweile von 40 000 Franken im Jahr 2006 auf 80 000 Franken im Budget 2009 gestiegen sind, und an andere Organisationen sind dabei nicht berücksichtigt.
Das finanzielle Engagement des SIG in diesem Bereich ist auch für andere Organisationen wie «David» relevant. Nach dem Rückzug von Hauptsponsor Branco Weiss im Jahre 2007, ist die Zürcher NGO in finanzieller Notlage, es droht die Einstellung der Arbeit im Jahre 2010. «Man plant die nächsten Jahre und versucht, sich breiter abzustützen», so William Wyler, Geschäftsführer von «David». Die Chance, dass der vom ehemaligen ICZ-Präsidenten Werner Rom präsidierte Verein seitens des SIG stärker unterstützt wird, ist gering: «Die Bekämpfung des Antisemitismus ist eine Kernaufgabe des SIG. In der deutschen Schweiz wollen wir dieser Aufgabe selber nachkommen und tun dies auch», betont Herbert Winter gegenüber tachles. Es sei aber dabei denkbar, «dass der SIG einzelne Projekte von ‹David› weiterhin unterstützt». Der Gemeindebund scheint also als grösserer Geldgeber ausgeschlossen zu sein, inwieweit andere Geldgeber in Sicht sind, bleibt unklar.

Neue Strategien

Durch die Wechsel in der Ressortleitung stellt sich die Frage nach der zukünftigen Strategie des Dachverbands. Verschiedentlich wurde schon eine Professionalisierung der Arbeit sowie eine klare strategische Ausrichtung der im Milizsystem geführten Organisation angemahnt. Auf Anfrage betont Sabine Simkhovitch-Dreyfus die Kontinuität zur bisherigen Arbeit. «Wir werden unsere Arbeit (...) weiterführen und vertiefen und auch von anderen Verbänden geführte Projekte unterstützen», so die Genfer Rechtsantwältin. Verstärkt werden soll hingegen die Information der Öffentlichkeit. So wolle man vermehrt über «Juden und Judentum» aufklären sowie die Website des Verbandes neu «aufgleisen». Mit dem Einwand konfrontiert, dass Antisemitismus kein Informa¬tionsdefizit über Juden darstelle und daher Wissensvermittlung nicht ausreiche, entgegnet Simkhovitch-Dreyfus: «Untersuchungen zeigen, dass Vorurteile gerade dort häufiger sind, wo es kaum Juden gibt. Eine bessere Kenntnis des Judentums hat überdies eine vorbeugende Wirkung und trägt zum besseren Verständnis unserer spezifischen Anliegen bei.»
Auch Experten wie der Genfer Erziehungswissenschaftlerin Monique Eckmann ist wichtig, über das Judentum aufzuklären. «Es gilt, Elemente jüdischer ¬Kultur zu vermitteln ohne dabei religiöse Fragen ins Zentrum zu stellen, und die stetigen Beiträge der Juden zur europäischen Kulturgeschichte aufzuzeigen», so Eckmann. Hinsichtlich der Frage, ob dies dem heutigen Antisemitismus effektiv entgegenwirke, bleibt Eckmann skeptisch: «Dies ist keinesfalls erwiesen, es könnte aber zur besseren Verständigung des Judentums beitragen und bestenfalls ambivalente Personen erreichen.»
Dass Antisemitismus immer auch in den Kontext mit anderen Diskriminierungsformen gestellt werden muss, betont Jacques Picard, Professor für jüdische Studien an der Universität Basel. Picard definiert Antisemitismus als Teil eines «Settings verschiedener Formen von Menschenfeindlichkeit», welcher im Kontext von anderen Diskriminierungsformen untersucht und bekämpft werden sollte. Dabei sei – so Picard – die ganze Zivilgesellschaft gefragt.

Grundlagen für Antisemitismusbekämpfung

Geht man von diesem Statement aus, dann lassen sich erste Schlüsse auch für eine sinnvolle weitere Strategie des SIG ableiten. Nur durch die breite Koalitionsbildung mit anderen gesellschaftlichen Gruppen – insbesondere mit solchen, die selbst Opfer von Diskriminierungen geworden sind – lässt sich dem Kampf gegen Antisemitismus eine nachhaltige Basis verschaffen. Diese Überlegung lässt sich auch durch die Ergebnisse einer 2007 veröffentlichten Studie zum Antisemitismus ergänzen. Letztes Jahr wurde vom Forschungsinstitut gfs unter dem Patronat von tachles die erste qualitative Untersuchung, welche die Verbreitung von antisemitischen Einstellung in der Schweizer Bevölkerung untersucht, publiziert.
Dabei ergab sich, dass in der Schweiz antisemitische Haltungen vor allem dann gedeihen, wenn mangelhafte Schulbildung, ländlich geprägte Lebenswelten sowie rechte politische Positionen zusammenspielen. Eine dramatische Erkenntnis war, dass in der Schweiz bei bis zu 70 Prozent der Bevölkerung antisemitische Stereotype vertreten sind. Somit bleibt noch viel Arbeit zu erledigen. Gerade diese tiefe Verankerung von stereotypem Denken, das sich nicht alleine auf Juden erstreckt, gilt es anzugehen. Auch wenn Antisemitismus meistens von Nichtjuden ausgeht, sind Juden alleine schon als Teil der Zivilgesellschaft verpflichtet, ihren Teil zur Bekämpfung beizutragen. Und will man sich nicht auf eine Opferrolle beschränken, ist ein aktiver Einsatz auf diesem Gebiet notwendig. Entsprechende und zum Teil bereits aufgegleiste Veränderungen auf der Ebene der Organisationen bieten dabei die Möglichkeit, die Arbeit auf eine neue, professionelle Grundlage zu stellen.





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