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09. Januar 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 02 Ausgabe: Nr. 2 » January 8, 2009

Die Hamas zeigt kein Mitleid für die Palästinenser

von A.B. Yehoshua, January 8, 2009
A. B. Yehoshua ist israelischer Autor und Philosoph. Der vorliegende Artikel erschien als Erstveröffentlichung in der französischen Wochenzeitung «Le Nouvel Observateur».

Donnerstagmorgen, 1. Januar. Ich schreibe diese Zeilen bei Anbruch des neuen Jahres. Aber bis zu ihrer Veröffentlichung werden einige Tage vergehen, in deren Verlauf wir zweifellos noch etliche Entwicklungen dieses Blitzkriegs erleben werden, der jetzt vor sich geht. Werden bis dahin die Bemühungen um einen Waffenstillstand zu einer Einstellung der Gewalttaten geführt haben, oder wird die israelische Armee im Gegenteil nach den Luftangriffen eine Bodenoffensive begonnen haben, mit dem Risiko, im undurchdringlichen Flechtwerk der Gassen Gazas festzusitzen? Vielleicht wird es der Hamas in dieser Zeit ja auch gelingen, mit Selbstmordattentaten innerhalb der Grenzen Israels Vergeltung zu üben und damit das Feuer auch in anderen Regionen zu entfachen.

Gestern, am Vorabend zum neuen Jahr, sind wir aus Solidarität mit den in die Bunker verbannten Einwohnern Südisraels nicht Silvester feiern gegangen. Wir haben uns entschieden, zuhause zu bleiben, um im Fernsehen zuzuschauen, wie die Welt den Übergang ins Jahr 2009 feiert. Wir haben den Sender ARTE eingeschaltet, der direkt aus der Pariser Oper unter anderem die Orchestersuite aus „Der Feuervogel“ von Igor Strawinsky und den „Bolero“ von Ravel zeigte, wundervoll choreographiert von Maurice Béjart. Unfähig, den Krieg im Süden zu vergessen, zappten wir jedoch ständig zwischen dem Feuervogel und den mörderischen Vögeln, die zwischen Han Yunis und Sderot, Gaza und Berscheeba flogen, hin und her. Und danach zwischen dem eigensinnigen Perpetuum mobile von Ravels Bolero und dem tragischen Perpetuum mobile, das sich im israelisch-palästinensischen Konflikt bis zur Übelkeit wiederholt. Es ist kaum zweieinhalb Jahre her, da waren wir es, die Einwohner im Norden Israels, die uns in die Bunker flüchten mussten, um den Raketen der Hizbollah zu entkommen. Heute ist die Reihe an den Einwohnern des Südens, sich in dieser Situation zu befinden. Die Waffen können noch so sehr perfektioniert werden, die Medien noch so leistungsfähiger, die Globalisierung unserer postmodernen Welt noch so immer schneller vor sich gehen: Die Essenz dieses Konflikts bleibt davon unverändert. Der Eigensinn, die Dummheit, der Fundamentalismus, der schlechte Wille, der Hass, die Verzweiflung und die Fantastereien regieren auf beiden Seiten - ja, auf beiden Seiten!!! Wen erstaunt es, dass wir vor den Bildern des israelischen Fernsehens in den Anblick jenes eleganten Tänzers flüchteten, umrahmt vom Ballettkorps der Pariser Oper, in jene gemeinsame meisterhafte Interpretation des Bolero, dessen eindringliche Wiederholung des Themas sich bis zur finalen Apotheose in ein ungestümes Crescendo steigert.



Wird das Perpetuum mobile des israelisch-palästinensischen Konflikts, der sich seit mehr als 130 Jahren hinzieht, ebenfalls in einem ungestümen Crescendo kulminieren? Wird dies ein katastrophales Crescendo sein oder eines der positiven Katharsis, das Resultat einer Versöhnung und gegenseitigen Akzeptierung der Existenz des jeweils «anderen»?

Was könnte ich dem Leser, der dieses Konflikts nicht schon müde und bereit ist, noch einen Artikel über die Ereignisse im Nahen Osten zu lesen, Neues bieten? Was jenem Leser, der hofft, sich im Chaos der Fernsehbilder und der Fülle der Kommentare und Berichte zurecht zu finden, damit er entscheiden kann, wem er seine Sympathie und moralische Unterstützung gewähren will, wer im derzeitigen Stadium für ihn der Aggressor ist, ob der Angegriffene das Recht hat, sich mit solcher Gewalt zu verteidigen, wer das Mitgefühl verdient und wer den Tadel und die Entrüstung?

Will man die Falken im israelisch-palästinensischen Konflikt korrekt beurteilen, muss man jedenfalls fähig sein, die Dinge in ihrer ganzen Komplexität zu betrachten. Man muss die Palästinenser in Gaza rügen, weil sie die kriminellen Handlungen der Hamas unterstützen, während ihre palästinensischen Brüder im Westjordanland als Folge der israelischen Machenschaften in den Siedlungen, des aggressiven und ungerechten Verhaltens der Israeli mit ihren Blockaden und Checkpoints das Recht auf Mitgefühl und Sympathie haben. Die Israeli, die gegen Gaza vorgehen, um dem Abfeuern von Raketen auf ihr Territorium ein Ende zu setzen, verdienen unser Verständnis, während die gleichen Israeli im Westjordanland sich mit ihrer Besatzung der Ungerechtigkeit und des Missbrauchs schuldig machen.

Ebenso müsste der aussenstehende Beobachter sich eine komplexe und differenzierte Beurteilung aneignen, die es ihm erlaubt, sich gerecht zwischen den beiden Parteien aufzuteilen und zu vermeiden, in die Falle der Simplifizierung oder Parteilichkeit zu tappen.

Nach dem Sechstagekrieg wurde die israelische Kontrolle Gazas, die fast 38 Jahre angedauert hatte, problematisch, insbesondere im Hinblick auf die Siedlungen. Israel hatte annähernd einen Viertel des Territoriums des Streifens konfisziert, auf dem - gegenüber einer Bevölkerung von mehr als einer Million Palästinenser - nur gerade 9000 Juden lebten. Zu diesem Zeitpunkt war die gewalttätige Opposition der Bewohner Gazas gegenüber der Armee und den jüdischen Zivilisten gerecht und wirksam. Und aus diesem Grund sah sich Israel nach fünf Jahren der Intifada - die Jahr für Jahr ungefähr 40 israelische Zivilisten und Soldaten das Leben kostete - gezwungen, sich aus Gaza zurückzuziehen, die Siedlungen und Militärcamps abzubauen und den ganzen Gazastreifen an seine Einwohner und somit in die Macht der demokratisch gewählten Hamas zurückzugeben.

Nach diesem Rückzug hatten die Palästinenser allerdings weder Gelegenheit zum Aufatmen noch dazu, die von den Siedlern zurückgelassenen Grundstücke in Besitz zu nehmen und einen Wiederaufbauprozess zu entwickeln, den die ganze Welt unterstützt und enthusiastisch begrüsst hätte. Berauscht von ihrem Sieg begann die Hamas, die Fortsetzung des Krieges zu programmieren, als wäre der israelische Rückzug aus Gaza nichts Anderes als das erste Kapitel der vollständigen Zerstörung des jüdischen Staates gewesen. Man darf nicht vergessen, dass für viele Palästinenser und zweifellos für die fundamentalistische Ideologie der Hamas die Existenz Israels, egal innerhalb welcher Grenzen, weder gerechtfertigt noch legitim ist. Nach der Niederlage und dem einseitigen Rückzug Israels aus dem Südlibanon liebäugelte die Hizbollah mit dem Traum der Zerstörung Israels auch innerhalb seiner Grenzen. Sie lancierte also eine Offensive gegen die Ortschaften im Norden Israels, wobei sie gleichzeitig Tod und Zerstörung im ganzen Libanon säte. In gleicher Art und Weise verfielen die Palästinenser in Gaza nicht nur in den Traum der Befreiung Palästinas, sondern ebenso jenen der grossen islamischen Revolution, inspiriert durch den Iran und die Hizbollah. Statt Baumaterial und Maschinen zum Wiederaufbau der Industrie zu beschaffen, sammelten sie also fleissig tausende von Langstreckenraketen und begannen damit, diese auf die israelischen Agglomerationen abzufeuern. Israel reagierte darauf, indem es in erster Linie die Übergänge zwischen Gazastreifen und Israel abriegelte und die Versorgungskanäle dieser Region kappte. Und als die Hamas am Ende des sechsmonatigen Waffenstillstands innerhalb von 24 Stunden 70 Raketen auf die Ortschaften im Süden abschoss, begann Israel seine derzeitige Operation.

Die europäischen Beobachter können sich nun natürlich sagen, dass Israel zwar Recht hatte, auf den Raketenbeschuss zu reagieren, aber dass diese Reaktion bei weitem überproportioniert sei. Israel ist ein moderner und leistungsfähiger Staat, der gegen der Bevölkerung eines Drittweltlandes ein hoch entwickeltes Kriegsarsenal einsetzt. Was die Raketen der Hamas betrifft, sind die Schäden, die sie bewirkt haben, relativ gering. Die tausenden von Geschossen, die während der fast drei Jahre seit dem Rückzug aus Gaza auf israelischem Territorium niedergingen, haben ungefähr 30 Tote verursacht, während Israel innerhalb nur einer Woche hunderte von Palästinensern umgebracht hat.

Hier drängt sich allerdings eine Präzisierung auf. Sicherlich verfügt Israel über eine Schlagkraft, der die Palästinenser nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen haben. Aber die palästinensische Toleranzschwelle ist ungleich höher als die israelische. Wenn Israel Schlag auf Schlag auf jeden Raketenbeschuss seines Territoriums reagieren würde, wäre niemand beeindruckt. Die Palästinenser würden sich darüber lustig machen und ihren Geschäften nachgehen, als ob nichts passiert wäre. Nach einer Woche des israelischen Bombardements im Gazastreifen, das mehr als 400 Palästinensern - überwiegend Mitgliedern der Hamas, aber auch vielen Zivilisten - den Tod gebracht, viele Gebäude zerstört und die Einwohner in tiefste Not gestürzt hat, hat die Hamas weder aufgegeben noch Verhandlungen oder einen Waffenstillstand gefordert, ganz im Gegensatz zu Syrien oder Ägypten während ihrer Kriege gegen Israel. Die Hamas-Regierung ist vom Volk abgeschnitten. Ihre Führer haben sich in den Untergrund begeben, sich in ihre Bunker zurückgezogen und das Volk in diesem wahnsinnigen fundamentalistischen Abenteuer seinem traurigen Schicksal überlassen. Es ist also nicht erstaunlich, dass abgesehen von einigen spontanen Demonstrationen die Mehrheit der Palästinenser, aber auch der Araber in der ganzen Welt mit Indifferenz auf die Ereignisse in Gaza blicken.

Was sollen wir also tun? Was sollen wir erwarten? Wie könnte Israel den Teufelskreis der Gewalt durchbrechen, in dem es seit seiner Schaffung gefangen ist?

An erster Stelle müsste eine Bodenoffensive in Gaza so weit wie möglich vermieden werden. Wir haben die Mittel nicht, das Hamas-Regime zu liquidieren, welches im Übrigen nicht das geringste Mitleid mit den Palästinensern zeigt. Aber wir müssten auch eine Verschlechterung der Lage vermeiden. Die Zerstörung auch noch der letzten Rakete, die zuhinterst in einem Bunker in Gaza versteckt ist, wird das Leben vieler palästinensischer Zivilisten, aber auch israelischer Soldaten fordern. Nur das palästinensische Volk ist in der Lage, die Hamas-Regierung abzusetzen. Israel kann nichts Anderes tun, als ihm dabei zu helfen, die Augen zu öffnen, um der Realität ins Gesicht zu blicken, den Weg der Gewalt zu verlassen und jenen des Aufbaus und des besseren Lebens zu beschreiten. Vergessen wir nicht, dass die Einwohner von Gaza auch unsere Nachbarn in der gemeinsamen Heimat sind, die wir «das Land Israel» nennen und sie «Palästina». Wir müssen im Guten wie im Schlechten miteinander leben. Folglich müssten wir jegliches Blutvergiessen vermeiden, das den Konflikt verschlimmert und von Generation zu Generation Erinnerungen voller Bitterkeit und Groll hinterlässt. Die extremsten unter den Palästinensern erleiden zwar keine metaphysischen Seelenqualen, nicht anders übrigens als ihre jüdischen Gegenspieler. Aber wie jedermann sonst sind sie im Stande, sich zu ändern. Sogar die PLO, die früher absolut nicht bereit war, die Legitimität des Staates Israel anzuerkennen und es vorzog, den Weg des Terrorismus zu gehen, hat seit einigen Jahren einen permanenten Dialog mit dem jüdischen Staat aufgenommen.

Im Falle eines Waffenstillstandes würde eine positive Entwicklung in Gaza aber nicht nur vom Ende der Feindseligkeiten und der Öffnung der Grenzübergänge abhängen, sondern vor allem von der Politik Israels im Westjordanland. Genau dort müsste eine radikale Änderung der israelischen Siedlungspolitik stattfinden, welche stets eines der Haupthindernisse für einen Frieden darstellte. Die Siedlungstätigkeit zu limitieren und vor Ort die wilden Siedlungen abzubauen würde bedeuten, auch die Blockaden und Checkpoints innerhalb des palästinensischen Territoriums aufzuheben, um die Lebensbedingungen der einheimischen Bevölkerung zu verbessern.

Die Anwendung einer neuen Politik im Westjordanland, die auf die Beschleunigung der Entstehung eines palästinensischen Staates abzielt, würde auch den von den jüngsten Ereignissen traumatisierten Bewohnern von Gaza die nötige Hoffnung und Entschiedenheit geben, den Weg der Hamas zu verlassen, der sie bislang nur ins Verderben geführt hat.




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