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24. Dezember 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 52/01 Ausgabe: Nr. 52 » December 23, 2008

Im ständigen Kampf mit der Kälte und den Distanzen

December 23, 2008
30 Stunden Fahrt, um an einer Konferenz teilzunehmen, vier Stunden im Bus zu sitzen, um in der nächsten Synagoge Purim zu feiern – für die Juden von Kasachstan ist das Alltag.
EINE JÜDISCHE TRADITION ETABLIEREN Ein Gottesdienst in der kasachischen Stadt Almaty

Dina Itkina kann schon nicht mehr zählen, wie oft sie Hunderte von Kilometern gefahren ist, um an einem jüdischen Anlass teilzunehmen. Die Reise ins benachbarte Usbekistan aber sticht aus den Erinnerungen dieser jungen Aktivistin heraus. Vor sieben Jahren unternahm Dina mit dem Zug eine 30-Stunden-Reise von ihrem Geburtsort Kokchetav in Richtung Süden nach Almaty, der grössten Stadt Kasachstans. Dort traf sie zwei Dutzend junge jüdische Aktivisten aus dem ganzen Land, unter ihnen ein Paar, das über zwei Tage mit dem Zug von der Westküste des Kaspischen Meeres unterwegs gewesen war. Zusammen verbrachten sie dann zwölf weitere Stunden im Nachtzug zur Stadt Shymkent im Süden. Es folgte eine einstündige Busfahrt an die Grenze, eine Stunde zu Fuss über die Grenze und schliesslich eine einstündige Reise nach Taschkent, der usbekischen Hauptstadt. Nach einer dreitägigen Konferenz kam dann die nicht weniger mühsame Heimreise.
«Und niemand hat sich beklagt», sagt Dina lachend, die heute das jüdische Gemeindezentrum in der Hauptstadt Astana leitet. «Man muss hier leben, um ein Gefühl für die Distanzen zu bekommen. Dieser Kongress war eine besondere Erfahrung. Neue Emotionen, neue Freunde, und viel Spass.» – Nicht nur die jüdische Jugend kennt die kasachische Gewohnheit von Nachtreisen im Zug – Odyseen, die nur ganz hartgesottene Leute aus dem Westen nicht abschrecken würden. So lebt man eben in Kasachstan, das etwa gleich gross ist wie ganz Westeuropa, viermal grösser als Texas. Seine Bevölkerung von 15 Millionen lebt zerstreut in einem riesigen, ungastlichen Wüstenland mit endlosen Steppengebieten. Etwa die Hälfte der rund 15 000–20 000 Juden des Landes lebt in den 13 städtischen Zentren, der Rest in Kleinstädten und Dörfern. Die geografische Herausforderung, sie alle zu erreichen und ihnen das Gefühl einer zusammenhängenden Gemeinde zu vermitteln, berührt praktisch jeden Aspekt des jüdischen Lebens: Wohlfahrt, Religion, Erziehung, Feiertage, Festlichkeiten, Ferienlager, Seminare und Konferenzen. In harten Wintern sorgt die Lieferung von Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung an Arme und Betagte monatelang für logistische Kopfschmerzen.

Knappe Budgets

Sogar Ran Ichay, der israelische Botschafter in Kasachstan, muss sich bei der Auswahl seiner Reiseziele im Land nach seinem Budget richten. Aus Sicherheitsgründen darf er den Zug nicht benutzen und muss deshalb für sich und seinen Leibwächter jeweils zwei Tickets für die relativ kostspieligen Inlandflüge kaufen. Auch die jüdischen Organisationen von Kasachstan müssen hart kalkulieren. «Es ist wie im Geschäft», sagte Yeshaya Cohen, der Oberrabbiner von Kasachstan. «Du willst das Maximum aus deinen Investitionen rausholen.» Der Chabad-Rabbiner, einer von fünf Rabbinern im Lande, ist seit
14 Jahren in Almaty stationiert. «Die Sache ist schwierig, denn man will ja für jeden Juden da sein. Wenn man in einer Stadt einen Sederabend organisiert, will eine andere Stadt ebenfalls einen haben. Man muss wählen, und manchmal ist das Interesse an einer Stadt mit 1000 Juden kleiner als an einer Stadt mit zwei Juden.»
Nicht nur die Grösse von Kasachstan ist seit jeher eine Herausforderung, auch der Versuch, Juden zusammenzubringen. Im Gegensatz zu anderen historischen jüdischen Gemeinden auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion handelt es sich bei den Juden von Kasachstan fast durchwegs um das Ergebnis von Zwangsansiedlungen. Von den dreissiger Jahren an gehörten Juden zu den Millionen von Menschen, die Josef Stalin nach Kasachstan verfrachtete, das südliche Bindeglied in seinem gefürchteten Netzwerk von Gulags. Unzählige wurden als «interne Exilierte» hierher deportiert und durften nur in ganz bestimmten Dörfern leben. Während des Zweiten Weltkriegs kam eine weitere Welle von Juden nach Kasachstan, der zweitgrössten Sowjetrepublik. Sie waren im Zuge der systematischen ethnischen Säuberung der Nazis von der Westfront und Orten wie der Ukraine und Weissrussland evakuiert worden. Viele dieser gewaltsam von ihren Familien und Gemeinden getrennten Juden assimilierten sich und gingen, wie anderswo in der UdSSR, Mischehen ein. Seit der Unabhängigkeit von Kasachstan 1991 sind rund 75 000 Juden nach Israel, Russland, Deutschland und in andere Länder emigriert. Man geht davon aus, dass rund 30 000 weitere Juden ihre Abstammung verbergen, erklärt Alexander Baron, Präsident von Mizwa, der Vereinigung jüdisch-nationaler Organisationen in Kasachstan in Almaty. Manche leben auch einfach zu weit weg, als dass man sie erreichen könnte.
Vor allem im Winter bereitet es Probleme, in entfernte Gegenden zu gelangen. Astana ist eine der kältesten Hauptstädte der Welt. Sogar wenn im März in Almaty der Frühling anbricht, herrschen in Astana Temperaturen unter dem Gefrierpunkt; kalte Winde pfeifen in den Strassen, und die Bürgersteige sind mit Eis bedeckt. Der Zugverkehr ist in der Regel allerdings zuverlässig, vor allem der als «spanischer Zug» bekannte 12-Stunden-Express zwischen Astana und Almaty, doch die meisten Züge verkehren nur zwischen grossen Städten. Überall sonst muss man auf den holprigen, vorwiegend einspurigen Strassen mit Schneeverwehungen, Eis und Wind kämpfen. In vielen Dörfern weicht der Asphalt bald matschigen, ungepflasterten Pfaden. Um der Distanz Herr zu werden, schuf das American Jewish Joint Distribution Committee im ganzen Land 13 Hesed-Büros, die Nahrungsmittel verteilen und sich um die Wohlfahrt kümmern. Im letzten Winter konnten so Juden in 160 Städten und Dörfern erreicht werden. Die Organisation verfügt auch über sechs «Hesed-Mobiles», Automobile, die Menschen in abgelegenen Gemeinden Nahrungsmittel, Medikamente, Kleider und Zeitungen bringen. Zu manchen Orten beträgt die Fahrzeit über vier Stunden. Das Hesed-Mobile in Almaty etwa ist verantwortlich für 40 Dörfer in der Provinz. Ein Chauffeur, ein Sozialarbeiter und ein Sanitäter begeben sich auf eine dreitägige Tour, während der sie vielleicht 15 Dörfer besuchen und 1500 Kilometer zurücklegen,
bevor sie nach Almaty zurückkehren, ihr Gefährt wieder beladen und sich auf eine weitere Dreitagereise machen.

Synagoge auf Rädern

Chabad betreibt seit 1999 einen sogenannten Mizwa-Tank, eine «Synagoge auf Rädern», die in einem halben Dutzend Orten für je zwei Tage Halt macht, wie Rabbi Yehuda Kubalkin, der religiöse Leiter in Astana, erklärte. Heute verlässt sich die Bewegung vor allem auf begeisterte junge Jeschiwa-Studenten aus Israel, die zu den hohen Feiertagen kommen und sich über das ganze Land ausbreiten. Chabad verteilt auch seine Zeitung landesweit, zudem Matzot für Pessach und zu besonderen Gelegenheiten mit Kühlwaggons sogar koscheres Fleisch.
Juden, die in einer vernünftigen Distanz leben, versammeln sich zu Feiertagen gerne bei einer der vier in Kasachstan aktiven Synagogen. Zu Purim kamen beispielsweise rund 40 Juden, vor allem Betagte und Kinder, aus Karaganda nach Astana in Kubalniks Synagoge. Vier Stunden Hinfahrt am Morgen, einige Stunden Festlichkeiten, und in der gleichen Nacht wieder vier Stunden Heimfahrt.
Nicht einmal Rabbiner sind immun gegen das Gefühl der Isolation. So hielt es der Chabad-Emissär, der letztes Jahr in die neu errichtete Synagoge von Ust Kamenogorsk entsandt worden war, nur gerade ein paar Monate aus. Die langen Nachtreisen mit dem Zug und die nicht weniger anstrengenden Flüge, die er bewältigen musste, um seine Kollegen in Almaty oder Astana zu besuchen, waren zu viel für ihn. Auch bei der jüdischen Erziehung spielt die Distanz eine Rolle. In Karaganda kommt der Pädagoge Alexander Abramovich zweimal jährlich mit Kollegen aus ganz Kasachstan zusammen, um mit den Lehrern Seminare mit einem zu Besuch weilenden Experten aus Israel abzuhalten. Die Lehrer nehmen dann das Gesehene und Gehörte nach Hause, in ihre Klassenzimmer, mit. Abramovich verbreitet seine Lernstrategien auch online. «Wir versuchen, hier eine Art Traditionslinie zu schaffen, entlang der jüdische Traditionen von einer Person zur nächsten weitergegeben werden», erklärt er.
Dina Itkina fasst die kasachische Realität in einem Satz zusammen: «Es spielt keine Rolle, ob das Land klein oder gross ist. Wenn jemand etwas wirklich tun will, dann macht er es.»    





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