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24. Dezember 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 52/01 Ausgabe: Nr. 52 » December 23, 2008

Beliebtes Diebesgut

December 23, 2008
Mit originellen Methoden versucht die Tel Aviver Polizei, den immer stärker grassierenden Fahrraddiebstählen einen Riegel zu schieben. Der grosse Erfolg lässt allerdings noch auf sich warten.
VELOFAHREN IN TEL AVIV Trotz der vielen Diebstähle benützen immer mehr Stadtbewohner ein Fahrrad

Beamte der zentralen Tel Aviver Polizeistation an der Dizengoff-Strasse bekunden seit einiger Zeit Mühe, Parkplätze für ihre Fahrzeuge auf dem Gelände der Station zu finden. Hunderte von Fahrrädern, die gestohlen wurden und von der Polizei gefunden worden sind, werden hier aufbewahrt. Täglich kommen neue Velos hinzu.
Weil der Polizei die neue Situation missfiel, beschloss sie, aktiv zu werden: Sie begann, die mehreren hundert Leute zu kontaktieren, die eine Anzeige wegen eines abhandengekommenen Fahrrads eingereicht hatten, und baten sie, sich ihr Velo unter den vielen im Hof aufbewahrten Modellen zu suchen. «Seit Anfang 2008», sagt Oberkommissar Boaz Balat, «hat unsere Polizeistation nur 500 Anzeigen wegen gestohlener Velos erhalten, doch wir vermuten, dass tatsächlich viel mehr gestohlen worden sind. Die meisten Leute geben einfach gleich auf und erstatten erst gar keine Anzeige. Seit dem Beginn unserer Aktion sind 80 Personen bei uns vorbeigekommen, um ihr Velo zu identifizieren, 20 sind tatsächlich fündig geworden. In der Öffentlichkeit herrscht das Gefühl vor, dass uns der Diebstahl eines Fahrrads nicht interessiert, doch das stimmt überhaupt nicht. Wir kümmern uns um jede Gesetzesverletzung, und sei sie noch so geringfügig. Der Kampagne liegt die Idee zugrunde, gestohlenes Gut den rechtmässigen Besitzern zurückzugeben.»

Glück im Unglück

Die Polizei kann Fahrraddiebe leicht identifizieren. Die meisten von ihnen sind, so die Polizei, «Leute der Strasse» oder Drogenabhängige, die von einem Hof zum anderen gehen, mit einem simplen Büchsenöffner das Schloss des Fahrrads aufbrechen und dann innert Sekunden auf diesem verschwinden. Wenn der Öffner versagt, leistet manchmal auch ein Stück Metall die gewünschten Dienste.
Tomer, ein Angestellter der Hightech-Branche, wollte nicht glauben, dass es ihn schon wieder getroffen hatte. Nur eine Woche, nachdem ihm ein Velo, das er für ein paar 100 Schekel gekauft hatte, gestohlen worden war, schlugen die Diebe erneut zu und liessen sein neues Modell mitlaufen, für das er 1500 Schekel hingeblättert hatte. «Ich dachte wirklich nicht daran, mich bei der Polizei zu melden. Niemand glaubt, dass die wirklich etwas unternehmen, doch nach dem zweiten Diebstahl hatte ich genug.» Er war nicht wenig überrascht, als ihn danach jemand von der Polizeistation anrief und einlud, vorbeizukommen, um nach seinem Velo zu suchen. Er hatte Erfolg und konnte den Polizeiposten mit seinen beiden Fahrrädern verlassen. «Unglaublich», meint er mit einem breiten Grinsen. «Beim zweiten Diebstahl nahmen sie sogar das neue Schloss mit, das ich für 400 Schekel gekauft hatte. Ich kann die Gedanken an irgendwelche geheimen Deals nicht verdrängen.» Mit diesen Worten spielt Tomer auf die Fahrradgeschäfte in der Stadt an, die am meisten von der Diebstahlwelle profitieren.

Immer mehr Velofahrer

Guni Paz hatte nicht so viel Glück wie Tomer. Ihr war vor etwa vier Jahren ein Velo gestohlen worden, und dann wieder eines vor zwei Monaten. «Innert einer Woche entwendeten sie mein Fahrrad beim Bahnhof und das Velo meines Vaters auf dem Parkplatz unseres Wohnblocks. Obwohl ich sehr frustriert war, beschloss ich, ein neues Velo zu kaufen, das ich seither in den Keller schliesse. Ich lasse es über Nacht nicht mehr auf der Strasse. Eine unserer Nachbarinnen trägt ihr Fahrrad jeden Tag in den dritten Stock hinauf.» Nachdem auch das Fahrrad der Mutter unlängst abhanden gekommen war, teilt sich die Familie jetzt ein Fahrrad. Guni und viele andere «Opfer» werden demnächst den Fahrradpark bei der Polizei aufsuchen.
«Uns ist nichts über einen zentralisierten Verkauf gestohlener Fahrräder an bestimme Geschäfte bekannt», erklärt Oberkommissar Balat. «Aber die Diebe benutzen das Geld in der Regel für Drogen, Alkohol oder Essen.» Viele Verdächtigte werden, so Balat, bis zur Beendigung des Verfahrens und der Erhebung einer Anklage in Gewahrsam genommen. Mehr als einen Tag verbringen aber nur die wenigsten Velodiebe hinter Gittern.
Trotz der zahlreichen Diebstähle nimmt die Benutzung von Fahrrädern rasant zu, vor allem im Zentrum von Tel Aviv. Laut Angaben der Stadtverwaltung ist der Gebrauch von Velos von zwei Prozent im Jahr 2002 auf heute sieben Prozent gestiegen. Im Zentrum sind es gar schon 15 Prozent. In den vergangenen sieben Jahren hat die Stadtverwaltung für Gesamtkosten von 54 Millionen Schekel 82 Kilometer Fahrradwege in der ganzen Stadt angelegt





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