Madoffs Milliarden-Pleite
Da liegt vieles noch im Dunkeln, aber für das unverzichtbare Kapitel «Lehren aus Madoffs Machenschaften» drängen sich bereits einige Absätze auf. Der 70-jährige Milliarden-Schurke hat nicht zuletzt «unter den eigenen Leuten» gewaltet, also das Vertrauen des jüdischen Establishments in New York und Florida brutal und in so nie dagewesener Manier gebrochen: Offensichtlich waren Leute aus der ersten Garnitur der amerikanischen Finanzwelt davon überzeugt, dass Madoff die Fähigkeiten eines Alchemisten hatte und nach einer geheimen Formel stetig zehn oder zwölf Prozent Jahresgewinn aus ihren Investments schlagen konnte. Madoff hat die Exklusivität und die Eitelkeit dieser Elite raffiniert ausgenutzt. Um bei ihm einzusteigen, bedurfte es der Empfehlungen und spezieller Beziehungen. Dazu gehörte die Mitgliedschaft in einem exklusiven Country Club in Palm Springs, dem Madoff angehörte. Zahlreiche Opfer des Betrügers waren bereit, Hunderttausende Dollar an Gebühren zu bezahlen, um in dem Club aufgenommen zu werden. Dort hofften sie dann, Madoff vorgestellt zu werden.
Kontrolle. Zur Schadenfreude ist kein Anlass, da die über Jahrhunderte geschaffene Infrastruktur des amerikanischen Judentums durch Madoffs Betrügereien in noch nicht überschaubarem Ausmass getroffen wurde. Etliche bei Madoff investierte Stiftungen haben bereits geschlossen und prominente Philanthropen müssen ihre Engagements auf lange Sicht überprüfen. Aber es drängt sich auch die schlichte Einsicht auf, dass für ethnisch-religiöse Bande das Gleiche gilt wie für Freundschaft. Die stösst bekanntlich dort an ihre Grenzen, wo das Geld ins Spiel kommt. Diese Lehre lässt sich auch in die Phrase «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser» packen. Damit wäre eine weitere Lektion formuliert: Offensichtlich haben die amerikanische Börsenaufsicht SEC und die staatlichen Institutionen insgesamt ihre Pflichten sträflich vernachlässigt «soweit sie überhaupt die Macht hatten, zu überprüfen, was bei Madoff, Lehman, Bear Stearns, AIG und so weiter in den letzten Jahren getrieben wurde. Mit dem reflexhaften Ruf nach strengeren Regeln ist es hier jedoch nicht getan: Die SEC benötigt grössere Kompetenzen. Aber die sind nutzlos ohne erheblich erhöhte Budgets und eine Führung, die junge, aggressive und vor allem gut ausgebildete Beamte motiviert und anleitet.
Quittung. Ob Madoff oder Lehman, die aktuelle Krise in den USA trägt viele Namen. Aber im Kern sind die aktuellen Desaster der Geldbranche die Quittung für eine Politik und eine Gesellschaft, die ihren Staat und dessen Instrumente häufig bewusst über Jahrzehnte vernachlässigt und geschwächt hat. Barack Obama hat im Wahlkampf viel über eine neue Kultur der Dienstleistung für das Gemeinwohl gesprochen. Jung, cool und charismatisch, hat er es nun in der Hand, eine neue Generation begabter Amerikaner für den Eintritt in den Staatsdienst zu begeistern, statt sie der Wall Street zu überlassen. Geschieht dies, wird Amerika auch den Fall Madoff überwinden können.


