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19. Dezember 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 51 Ausgabe: Nr. 51 » December 18, 2008

Geschichte(n) aus dem Untergrund

von Harald C. Neuber, December 18, 2008
Der Bau einer U-Bahn in der griechischen Hafenstadt Thessaloniki sorgt für Diskussionen: Die Strecke verläuft durch den alten jüdischen Friedhof, der 1942 zerstört wurde.
HAFENSTADT THESSALONIKI Der Name der U-Bahn-Station soll nicht an den jüdischen Friedhof erinnern

Natürlich war es zunächst eine gute Nachricht für Thessaloniki. Bis 2012 soll die griechische Hafenstadt eine U-Bahn bekommen. Es wäre der zweite Bau einer Metro in Griechenland, nachdem in Athen schon zu den Olympischen Sommerspielen 2004 eine Untergrundbahn gebaut wurde. Doch in Thessaloniki ist der Bau nicht so einfach wie in Athen. Die geplante Strecke verläuft zu einem erheblichen Teil durch den alten jüdischen Friedhof, der ab 1942 von Nazibesatzern und der griechischen Stadtverwaltung zerstört wurde. Seit Beginn der Arbeiten ist die geplante U-Bahn deswegen ein heikles Unterfangen. Zum einen, weil sorgsam auf etwaige Grabfunde geachtet werden muss. Zum anderen, weil ein Streit um den Namen einer der 13 geplanten Stationen entbrannt ist. Soll sie in Gedenken an die zerstörte Begräbnisstätte «Alter jüdischer Friedhof» heissen? Oder soll sie nach der Aristoteles-Universität benannt werden, die auf eben diesem Friedhof errichtet wurde?
Thessaloniki beherbergte bis in die vierziger Jahre die grösste jüdische Gemeinde der Region. 50 000 Sepharden lebten damals in der Stadt am Thermaischen Golf. Sie hatten sich hier nach der Vertreibung von der iberischen Halbinsel 1492 angesiedelt. Der jüdische Friedhof wurde ursprünglich ausserhalb der Stadtmauern angelegt. Ab dem frühen 20. Jahrhundert wuchs die Stadt aber rapide an. Grund war die Modernisierung und, nach 1922, die massenhafte Ansiedlung von griechischen Flüchtlingen aus Kleinasien. Allein Thessaloniki nahm Hunderttausend von ihnen auf. Und auf einmal lag der jüdische Friedhof mitten in der Stadt – und stellte  bestes Bauland dar.

Gräber sind verloren

Nachdem die griechische Verwaltung mit mehreren Kaufgesuchen abgewiesen worden war, nutzte der Gouverneur der Provinz Mazedonien, Simeonidis, während der Nazibesatzung Anfang der vierziger Jahre die Chance. Er bat den für «Judenfragen» zuständigen Militärverwaltungsrat Max Merten um die Überschreibung des Bodens, um eine Hochschule zu errichten, die heutige Aristoteles-Universität. Merten kam dem Gesuch nach. Die SS deportierte die ansässigen jüdischen Griechen nach Auschwitz. Von 50 000 dieser Menschen überlebten nur einige hundert.
Heute leben nach wie vor weniger als 1000 jüdische Griechen in Thessaloniki. Die Gemeinde stellt jedes Jahr pro forma einen Antrag auf Rücküberschreibung zumindest eines Teils der 350 000 Quadratmeter, die der Friedhof einst einnahm. Die bis zu 500 000 Gräber aus vier Jahrhunderten sind ohnehin verloren.
Der geplante U-Bahn-Bau sorgt nun aber für Probleme. Das Unternehmen
Attiko Metro ist zwar an archäologische Funde im geschichtsträchtigen Boden Griechenlands gewöhnt. Doch im Falle Thessalonikis geht es um religiöse Befindlichkeiten. Neben den rund 250 Archäologen, die den Tunnel-Bau überwachen, haben auch Rabbiner und andere Vertreter der jüdischen Gemeinde ständig Zugang zu der sonst abgeriegelten Baustelle. «Wir plädieren für eine Untersuchung des Gebiets», sagte Moses Constantinis vom Dachverband der jüdischen Gemeinden Griechenlands zu Beginn der Arbeiten im Sommer: «Wenn die Baustelle auf den alten Friedhof trifft, wovon wir ausgehen, sollte die Strecke zumindest verlegt werden.» Das betrifft vor allem die geplanten U-Bahn-Stationen. Denn während die Fahrtröhre deutlich unter der Ebene mit potenziellen archäologischen Funden verläuft, durchstossen die Ein- und Ausgänge diese Ebene.

Namensgebung umstritten

Die Diskussion um den Schutz der jüdischen Gräber hat inzwischen auch das Ausland erreicht. In der zweiten Junihälfte besuchte der Sondergesandte für Holocaust-Fragen im US-Aussenministerium, J. Christian Kennedy, Griechenland. Nach Gesprächen in Athen besichtigte er gemeinsam mit der Bauleitung, Vertretern der Stadtverwaltung sowie der jüdischen Gemeinde die U-Bahn-Baustelle in Thessaloniki. Auch Kennedy verwies später darauf, dass die Bahnschächte gut 15 Meter unter etwaigen Gräbern verlaufen. Auch er sah das Problem mehr bei dem Bau der Ein- und Ausgänge. Zugleich aber nutzte der US-Regierungsgesandte die Möglichkeit zu einem Treffen mit dem Rektor der Aristoteles-Universität, Anastasios Manthos. Dieser solle sich dafür einsetzen, dass auf dem heutigen Gelände der Hochschule doch zumindest an den Friedhof erinnert werde.
Bislang hatte sich die Universitätsleitung dagegen gewehrt. Der deutsche Fernsehjournalist und Griechenland-Kenner Eberhard Rondholz weist darauf hin, dass alle entsprechenden Vorstösse einzelner Lehrbeauftragter gescheitert sind. So habe der Dekan der Pädagogischen Fakultät, Jorgos Tsiakalos, erfolglos versucht, wenigstens eine kleine Gedenktafel auf dem Universitätsgelände anbringen zu lassen. «Zu diesem Bild gehört auch», schreibt Rondholz in der «Neuen Rheinischen Zeitung», «dass sich an dieser Universität weder die Historiker noch die Philologen mit der jüdischen Geschichte der Stadt oder der bis 1912 in Thessaloniki am meisten gesprochenen Sprache, dem Ladino, befassen». In der Universität und in der Stadtverwaltung wolle man sich bis heute nicht daran erinnern, dass man «500 000 Leichen im Keller» habe. Und vor allem: dass man vom Holocaust in Thessaloniki profitiert hat.
Konsequenterweise steht deswegen schon lange vor der Fertigstellung der städtischen U-Bahn ein weiterer Streit um den Namen der Station nahe der heutigen Universität an. Wer so lange die Beseitigung des alten jüdischen Friedhofs verschwiegen hat, der will nicht vom künftigen Prestigebau der Stadt an eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren Geschichte Thessalonikis erinnert werden. Offiziell steht deswegen der Stationsname «Aristoteles-Universität» im Raum. Das Bauunternehmen Attiko Metro hat der jüdischen Gemeinde angeboten, in der Station eine kleine Dauerausstellung einzurichten. Der Vorschlag, die Station nach dem Friedhof zu benennen, wird bislang ignoriert. Auf der Internetseite von Attiko Metro – und auch im Sprachgebrauch der verantwortlichen Lokalpolitiker – ist nach wie vor nicht von jüdischen Gräbern die Rede. Der Sammelbegriff heisst hier «Artefakte».





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