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9. Dezember 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 12 Ausgabe: Nr. 12 » December 8, 2008

Was bleibt von der deutsch-jüdischen Emigration?

Von Walter Laqueur, December 8, 2008
Während das Interesse am Vermächtnis des deutschen Judentums eher zu- als abnimmt, fehlt nachgeborenen Forschern häufig das Einfühlungsvermögen, um die Vielfältigkeit dieser traditionsreichen Gemeinschaft zu erfassen.

Vor 75 Jahren erschienen die ersten Hefte des aufbau, und kurz davor war die erste Welle jüdischer Emigranten im Hafen von New York, Jaffa und den englischen Kanalhäfen gelandet. Sie wurden bekanntlich nicht mit offenen Armen aufgenommen und sehr wenige Zeitgenossen waren an ihnen interessiert – woher sie kamen, was sie konnten und wussten. Kaum einer von ihnen hat damals geahnt, wie viel grösser das Interesse am Schicksal der Emigration und vor allem am Vermächtnis des deutschen Judentums 75 Jahre später sein würde.
Auch andere Emigrationen haben bleibende Denkmäler hinterlassen, man denke etwa an die russischen Emigranten in Paris und Berlin in den Jahren nach der Revolution von 1917. Viele von ihnen waren Intellektuelle, und es gab unzählige Vereine, Zeitungen, von Büchern ganz zu schweigen, in denen die Tradition des alten (oder des anderen) Russlands eine Widerspiegelung fand. Doch nach zwei Jahrzehnten war es damit vorbei, die zweite Generation war weitgehend assimiliert und auch Nabokovs «Lolita» gehört kaum noch zu einer spezifisch russischen Tradition.
Anders das Schicksal der deutsch-jüdischen Emigration. In den ersten beiden Jahrzehnten nach der Auswanderung waren die Menschen damit beschäftigt, sich eine neue Existenz aufzubauen (die Wahl des Titels «aufbau» war wohl kein Zufall). Erst nachdem die materielle Existenz gesichert war, erwachte das Interesse an der Vergangenheit. Die Entwicklung in der Bundesrepublik war ähnlich. In den 1950er Jahren bestand kaum Interesse an «Weimar», die Faszination an der Kultur der Republik (und auch an den vorhergegangenen Jahrzehnten) setzte erst später ein. Seitdem ist grosse und in jeder Hinsicht bewundernswerte Arbeit geleistet worden, die Vergangenheit aufzuarbeiten und zu bewahren – man denke an das Berliner Jüdische Museum, die Wiener Library in London, die Leo-Baeck-Jahrbücher und andere Institutionen. In Berlin, in Jerusalem und anderswo gab es akademische Konferenzen und solche, die sich an ein breiteres Publikum wendeten, Konferenzen, die sich mit der Lage der Juden in Deutschland vor und während der Nazizeit befassten und an denen viele Menschen teilnahmen. Ausstellungen wurden von Tausenden besucht. Bücher über die jüdischen Gemeinden in vielen Städten wurden veröffentlicht (wie kürzlich erst das Buch von Abraham Ascher über Breslau), die Spurensuche erstreckte sich häufig auf kleine und kleinste Orte. Was bisher fehlt (immer von einigen Ausnahmen abgesehen), sind die grossen Synthesen, in denen die Einzeluntersuchungen zusammengefasst und zu einem Ganzen verarbeitet werden. Vielleicht ist es noch zu früh für solche Werke. Viele Lebensberichte erschienen und (um nur ein Beispiel von vielen zu erwähnen) eine einzigartige Sammlung und Analyse deutsch-jüdischer Familiennamen, erforscht von einem Berliner Nichtjuden. Es gibt kaum einen deutsch-jüdischen Schriftsteller, Wissenschaftler, Komponisten oder bildenden Künstler von Rang, dessen Leben und Werk nicht Gegenstand einer Biografie (oder wenigstens einer Dissertation) wurde. Nicht wenige, die in Vergessenheit geraten waren, wurden wiederentdeckt.

Wer waren die deutschen Juden?

Bei all dem hat eine Art geistiger Wiedergutmachung mitgespielt und ein Gefühl der Pietät, doch damit allein ist das grosse Interesse am deutschen Judentum unter Juden und Nichtjuden der jüngeren Generation nicht zu erklären. Es gab eine Zeit, in der Deutschland ein kultureller Mittelpunkt der Welt war, und daran haben Juden einen wesentlichen Anteil gehabt, ob es sich um die Natur oder Geisteswissenschaften, Literatur, Theater, Film oder andere Bereiche handelte. Juden waren führend in «high culture» wie in «mass culture», von Arnold Schönberg bis Jean Gilbert und Werner Richard Heymann. Es gab Klemperer und Bruno Walter, aber was wäre geblieben von der Unterhaltungsmusik der 1920er Jahre ohne Richard Tauber, Marek Weber, die Hälfte der Comedian Harmonists und die vielen anderen, die man heute wieder auf «youtube» finden kann?
Manche Fragen, die sich dabei ergeben, sind bis heute strittig. Bei all den grossen Errungenschaften von Einzelnen und Gruppen im deutschen Judentum ist es keineswegs sicher, dass es eine Art Vermächtnis gibt und was dieses Vermächtnis ist. Es gab intellektuelle Anstösse und Erkenntnisse, von denen die Welt noch Jahrzehnte nach dem Untergang des deutschen Judentums zehrte, sie waren in vielem die Vorläufer späterer Entwicklungen. Doch was an diesen spezifisch jüdisch war, ist keineswegs immer eindeutig. Die deutschen Juden waren in ihrer Mehrzahl assimiliert und überzeugt davon, dass in ein oder zwei Generationen die Assimilation auch weiter schnelle Fortschritte machen würde und die Unterschiede zwischen ihnen und den anderen Deutschen verschwinden oder jedenfalls von keinerlei Bedeutung mehr sein würden. Diese Überzeugung wurde von den Zionisten geteilt. 1911 erschien das Buch von Felix Theilhaber, einem Münchner Arzt, Schriftsteller und Demografen, «Der Untergang der deutschen Juden», in dem er vorhersagte, dass im Hinblick auf die niedrige Geburtsrate bei den Juden und die hohe Anzahl der Mischehen die Tage des deutschen Judentums gezählt seien.
Wer waren denn eigentlich die deutschen Juden? Heute wird der Begriff bedeutend weiter interpretiert als vor 100 Jahren. Um einige wenige Beispiele zu geben: In dem Buch von Herlinde Koelbl «Jüdische Portraits» findet man unter anderen Emmanuel Levinas und Edward Teller, Yeshayahu Leibowitz und Eugene Wigner, bedeutende Menschen, die wohl der deutschen Sprache mächtig waren, aber weder der Herkunft, dem Selbstverständnis oder der Lebensweise gemäss deutsche Juden gewesen sind. Weder Freud noch Kafka betrachteten sich als deutsche Juden. Sie hätten eine solche Kennzeichnung zwar nicht als Zumutung, aber gewiss mit einiger Ironie zurückgewiesen. Man wird aber heutzutage Freud und Kafka nahezu selbstverständlich in kulturgeschichtlichen Betrachtungen über das deutsche Judentum finden – die Unterschiede zwischen Berlin, Prag und Wien scheinen unwichtig.
Das führt zu anderen Schwierigkeiten, die dem Historiker (oder Soziologen oder anderen Forschern) des deutschen Judentums zu schaffen machen. Die grosse Mehrzahl der deutschen Juden war weder Nobelpreisträger noch Multimillionäre und auch keine berühmten Schriftsteller. Sie waren häufig gebildet, aber keine Intellektuellen, sie gehörten zum Mittelstand, und es gab (was heute häufig vergessen wird) jüdische Kleinbürger und ein jüdisches Proletariat. Etwa 20 Prozent der in Deutschland lebenden Juden besassen nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Sie waren meist kurz vor oder nach dem Ersten Weltkrieg zugewanderte «Ostjuden». Dann gab es die orthodoxen und ultra¬orthodoxen Juden der sogenannten Austrittsgemeinden, sie lasen nicht Tucholsky und die «Weltbühne», sondern den Frankfurter «Israeliten». Sie hatten mit dem gesellschaftlichen und kulturellen Leben der assimilierten Juden wenig oder gar nichts zu tun. Im Geschäftlichen kreuzten sich manchmal ihre Wege.
Es gab die Zionisten und die konservativen, deutschbewussten Nationaljuden (die Naumannianer). Auch sie unterschieden sich nicht nur in politischen Dingen, sondern verkehrten auch kaum ausserhalb ihrer Kreise. In anderen Worten: Es gab im deutschen Judentum weit weniger Gemeinsames, als häufig angenommen wird. Daraus ergibt sich die Schwierigkeit, zu verallgemeinern. Viele Bücher, die heute über die deutschen Juden geschrieben werden, befassen sich, meist unbewusst, nur mit einem Segment, während andere Gruppen gar nicht erscheinen. Daher ergibt sich häufig ein Bild, das nicht der damaligen Wirklichkeit entspricht. Die Mitglieder der neomarxistischen Frankfurter Schule und die hessischen Landjuden mochten räumlich nur ein paar Kilometer voneinander entfernt gewesen sein, aber es waren zwei verschiedene Welten.

Unverständnis der jungen Forscher

Im Laufe der Zeit wurde mehr und mehr historisches Material zugänglich. Aber der Historiker benötigt nicht nur Archive, um eine vergangene Periode wirklich zu verstehen, die er nicht selber miterlebt hat. Er braucht eine gehörige Portion von Einfühlungsvermögen, eine Eigenschaft, die nicht an Universitäten gelehrt und in Museen ausgestellt wird. Eine junge Generation von Forschern findet es schwer zu verstehen, warum die deutschen Juden nicht sofort nach 1933 den Ernst (die Hoffnungslosigkeit) ihrer Lage verstanden und um jeden Preis versuchten auszuwandern. Einige gehen noch weiter und behaupten, dass eine Auswanderung durchaus möglich war, und dass viele deutsche Juden davon nicht Gebrauch gemacht haben, weil sie angeblich die Gefahr nicht erkannten, sehr in Deutschland verwurzelt waren oder andere Gründe mehr gehabt haben.
Eine solche Einstellung verrät tiefes Unverständnis der Lage und der politischen und psychologischen Situation der deutschen Juden nach 1933. Aber die Gründe für solche Fehlurteile sind durchaus verständlich. Die nationalsozialistische Diktatur war ein grundsätzlich neues Phänomen und ihre Folgen daher den meisten Zeitgenossen unklar. Und selbst heute ist es für Menschen, die in einer Demokratie, einer freien Gesellschaft aufgewachsen sind, sehr schwer und häufig unmöglich, sich hineinzufühlen in das Leben in einer unfreien Gesellschaft des Terrors und der ideologischen Indoktrinierung, der Furcht und der Verzweiflung.
Ähnlich verhält es sich mit der Geschichte der Emigration. Viel Material ist im Laufe der Jahre gesammelt worden über das Schicksal der jüngeren und älteren Generation, die nach Amerika auswanderten und nach Palästina/Israel gingen, über den englischen Kindertransport und das Ghetto in Schanghai. Es hat wertvolle und interessante Ausstellungen gegeben, Dokumentarfilme, historische und soziologische Untersuchungen, Memoiren und selbst Romane. (Auch hier sollte wieder betont werden, dass die Berichte im aufbau – und im Mitteilungsblatt in Tel Aviv – wohl eine der wichtigsten Quellen waren und blieben.)
Das Gesamtbild, das sich dabei ergibt, scheint mir in vielen Fällen der Wirklichkeit entsprechend, obwohl auch hier wieder Verallgemeinerungen häufig unmöglich sind: Wie verschieden waren doch die Umstände in Bolivien, verglichen mit den Vereinigten Staaten, wie verschieden die Probleme der Einwanderer in Palästina, verglichen mit denjenigen in anderen Ländern?

Emigration nur noch eine Erinnerung

Der Hälfte der deutschen Juden, die rechtzeitig auswandern konnten, ist es im Grossen und Ganzen nicht schlecht ergangen, und nirgends hatte die zweite Generation der Einwanderer bessere Chancen als in den Vereinigten Staaten. Und doch: Die allermeisten, die in den 1930er Jahren kamen, waren mittellos und für diejenigen, die diese Zeit der Armut, des Essens in den billigsten Restaurants, der kleinen und engen Wohnungen, der verzweifelten Arbeitssuche nicht miterlebten, ist es schwer, sich eine Vorstellung zu machen von dem Leben in den Jahren vor der Wohlstandsgesellschaft. «Wer nie sein Brot mit Tränen ass» – man sollte nicht übertreiben: Mir ist kein Fall bekannt, in dem Emigranten eines Hungertodes starben. Aber ich erinnere mich sehr wohl an die Jahre, als man ziemlich hungrig schlafen ging, als es nicht genug Geld gab, um die Schuhe besohlen zu lassen, und als man keine ärztliche Versorgung hatte, weil der Kibbuz die Krankenkasse nicht bezahlen konnte.Wer diese Jahre nicht miterlebte, wird Lebensbedingungen für selbstverständlich halten, die es eben lange nicht waren, und auch das macht es nicht einfach für die, die nicht zu dieser Generation gehören, die Geschichte der Emigration zu schreiben. Vor einigen Wochen kam eine Einladung zu einer Galaveranstaltung in New York von einer der führenden deutsch-jüdischen Organisationen, den Erbverwaltern des geistigen Gutes der Vorfahren. Es sollte eine glänzende Angelegenheit werden, an der Diplomaten, Multimillionäre und Berühmtheiten vieler Art – alles, was gut und teuer war – teilnahmen. Die Kosten eines Tisches bei diesem feierlichen Essen waren, wenn ich nicht irre, 40 000 Dollar, ein weiter Weg seit den Tagen der Bescheidenheit und Zurückhaltung der Generation eines Leo Baeck und dem Ethos des deutschen Judentums. Ein weiter Weg seit den Frühjahren der armen Emigration. Wahrscheinlich sind solche Betrachtungen ungerecht: andere Zeiten, andere Länder, andere Sitten. Die Galaveranstaltung diente einem guten Zweck. Um Museen und Bibliotheken und ähnliche Institutionen am Leben zu erhalten, benötigt man erhebliche Mittel, die nicht von selber, ohne stetige Anstrengung zu bekommen sind.Die Glanzzeit des deutschen Judentums ist längst vorbei und die Emigration nur noch eine Erinnerung. Was wäre geschehen, wenn Hitler nicht an die Macht gekommen wäre und es keinen Holocaust gegeben hätte? Von dem alten deutschen Judentum würde es wahrscheinlich heute nur noch Reste geben. Felix Theilhaber hätte wahrscheinlich recht behalten und man müsste sich auch in diesem Fall auf die Spurensuche einer grossen Vergangenheit begeben – abgesehen vielleicht von 100 000 orthodoxen Juden, die ihre religiösen Traditionen bewahrt hätten und leicht zu finden wären. Doch auch in diesem Fall würde es ein Erbe geben, nicht einfach zu beschreiben, fast unmöglich zu definieren, das nicht in Vergessenheit geraten sollte.   


1921 in Breslau geboren, arbeitet der Historiker, Publizist und Sicherheitsexperte Walter Laqueur derzeit an einer intellektuellen Autobiografie.





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