Tagebuch der Zeitgeschichte
Wer durch Ausgaben aus den Kriegsjahren blättert, kann die Diskussionen über die Eingliederung in die von vielen verschmähte amerikanische Massenkultur nachvollziehen. Aber die Redakteure und Kolumnisten erklärten immer wieder, dass es auch nach Hitlers Ende keine Rückkehr nach Deutschland geben könne. Ame¬rika sollte nicht nur Zuflucht, sondern Heimat auf Dauer werden, und Präsident Franklin D. Roosevelt wurde zu einer Art Schutzheiliger. So war der aufbau nicht nur ein Tagebuch der Zeitgeschichte, weil Journalisten wie Manfred George die Aktualität erstaunlich scharfsinnig beobachteten und analysierten. Wie ein privates Tagebuch reflektiert die Zeitung auch tiefer liegende Stimmungen und Sorgen. Im aufbau dachten Europas Denkerinnen und Denker über die verlorene Heimat nach. Sie bewahrten auf ihrem Weg in die amerikanische Gesellschaft das Eigene und ihre Perspektive als periphere Figuren. Wie die vorliegende Ausgabe zum 75-jährigen Bestehen des aufbau zeigen will, sind zentrale Themen des Blattes bis heute unter ganz neuen Vorzeichen relevant geblieben.
Die globalisierte und damit migrierende Welt bedeutet für das Individuum in der Gesellschaft ganz neue Herausforderungen. Und so hat sich der aufbau in den fünf Jahren, seit er ins deutschsprachige Europa gekommen ist, vermehrt von der einstigen Emigranten- zur Migrantenzeitschrift gewandelt, die den Blick dorthin wirft, wo Massen-, Mainstream- oder auf Mehrheiten bedachte Medien nicht mehr hin- oder gar wegschauen. Der aufbau bringt die andere, die Minderheiten-, die Zwischenperspektive ein, stets im Wissen darum, woher er kommt. Allerdings geht es dabei nicht um Nostalgie oder Beschwörung alter Zeiten, sondern um das Nachdenken für die Gegenwart, die sich im Spannungsfeld von Geschichte und Visionen einer sich im Wandel befindlichen Gesellschaft befindet. Der aufbau entstammt einer publizistischen Tradition, die sich nicht partikular, sondern stets kosmopolitisch ausgerichtet hat. Und insofern ist der aufbau ein jüdisches Medium, das seit jeher Grenzen überschreitet und sich als Teil des gesellschaftlichen Diskurses versteht.
Die aktuelle Ausgabe stellt klassische Texte vor, in denen etwa Thomas Mann dem verehrten Franklin D. Roosevelt nachruft, Hannah Arendt über Reform¬judentum schreibt oder Manfred George beglückt die Gründung Israels würdigt. Mit Walter Laqueur und Fritz Stern kommen prominente Angehörige der Emigranten-Generation zu Wort, während unsere New Yorker Kollegen die blühende Landschaft der heutigen Emigrantenpresse, aber auch die Probleme einer Einwandererkultur betrachten, nämlich der arabischen im Brooklyner Stadtteil Bay Ridge.
Der aufbau hat seine Aufgabe als Tagebuch der Zeitgeschichte noch lange nicht erfüllt: Gerade die bevorstehende Amtszeit des vom Aussenseiter zum Roosevelt-Nachfolger aufgestiegenen Barack Obama wird uns eine Fülle von Stoff bescheren.


