Rückkehr in ein fremdes Land
Ein Rückkehrer der ersten Stunde war Klaus Mann. Als Sonderkorrespondent der Armeezeitung «Stars and Stripes» bereiste er das befreite Deutschland. Schon im Mai 1945 schrieb er an seinen Vater: «Die Zustände sind hier zu traurig. Alle Deine Bemühungen, sie zu verbessern, wären hoffnungslos vergeudet. Am Schluss würde man dann Dir noch das wohlverdiente, unvermeidliche Elend des Landes vorwerfen … Diese beklagenswerte, schreckliche Nation wird Generationen lang physisch und moralisch verstümmelt, verkrüppelt bleiben.» Zwei Jahre später gipfelte Klaus Manns Resümee seiner Erfahrungen mit Nachkriegsdeutschland in dem Thomas Wolfe entliehenen Satz «You can't go home again.»
Hatte er recht? 1964 erschien die Anthologie «Ich lebe nicht in der Bundesrepublik», in der diesbezügliche Ansichten von Max Brod, Hans Habe, Jakov Lind, Walter Mehring, Robert Neumann und anderen abgedruckt wurden. Der Herausgeber Hermann Kesten stellte damals fest: «Millionen Deutscher denken und sprechen heute noch besser von der SS und SA und den alten PGs als von politischen Emigranten oder gar von Juden, die gleichfalls politische Emigranten oder Opfer waren … Der ehemalige Exilierte ist für eine Mehrheit des deutschen Volkes immer noch der Fremde, der Verdächtige, jener, der im Gegensatz zum Volk recht gehabt und recht behalten hat. Seltsames Volk, das seine besten Söhne verschmäht und die schlechtesten umjubelt.»
Während die deutschsprachige Emigration mittlerweile systematisch erforscht zu sein scheint, setzte die Remigrationsforschung erst in den 1990er Jahren ein. Die 1989 gegründete, in Hamburg ansässige Herbert-und-Elsbeth-Weichmann-Stiftung würdigt durch ihre Arbeit nicht nur die Verdienste ihrer Namensgeber, sondern dezidiert auch das Wirken der demokratischen Opposition im Exil, deren Beitrag zum (Wieder-)Aufbau nach 1945. Die internationale Gesellschaft für Exilforschung widmete dem Thema «Exil und Remigration» 1991 ihr Jahrbuch. «Rückkehr aus dem Exil», «Rückkehr und Aufbau nach 1945», «Rückkehr in die Fremde», «Heimkehr in ein fremdes Land», «Zwischen den Stühlen?» lauten Titel entsprechender Untersuchungen und Veröffentlichungen. Die jüngste Publikation, speziell zur jüdischen Remigration nach 1945, trägt den sprechenden Titel «Auch in Deutschland waren wir nicht wirklich zu Hause».
Schamlosigkeit und politische Arroganz
Gewiss, nach der Befreiung vom Nationalsozialismus kehrten namhafte Politiker, Philosophen, Schriftsteller und Künstler nach Deutschland West oder Ost zurück: Max Brauer, Wilhelm Hoegner, Ernst Reuter, Herbert Wehner, Herbert Weichmann, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Fritz Kortner, Therese Giehse, Hans Mayer, Alfred Kantorowicz, Walter Ulbricht, Anna Seghers, Bertolt Brecht, Ernst Bloch und andere. Was wäre die deutsche Nachkriegsjustiz, die Strafrechtsreform, vor allem aber die Auseinandersetzung der Deutschen mit der Judenverfolgung ohne die Rückkehr und das Engagement von Fritz Bauer gewesen, der als hessischer Generalstaatsanwalt für die Anklageerhebung im Auschwitz-Prozess in Frankfurt verantwortlich war. Auch an den Schriftsteller Stefan Heym muss erinnert werden. Ein Mann, der sein ganzes Leben seine Eigenständigkeit und Unabhängigkeit betonte, als amerikanischer Soldat nach Deutschland zurückkehrte und seine Heimat in der DDR suchte. Als er als parteiloser Abgeordneter der PDS-Frak¬tion und Alterspräsident des 13. Deutschen Bundestages im November 1994 die erste Parlamentssitzung eröffnete, verweigerte die Mehrheit des Bundestages ihm demonstrativ den Beifall. Anstatt dem jüdischen Remigranten Respekt zu zollen, schlugen ihm Schamlosigkeit und politische Arroganz entgegen. Kann es verwundern? Wie schrieb der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt, vielleicht die Inkarnation des politischen Remigranten, 1984 in seinem Artikel «Aus dem Bewusstsein verdrängt» über den deutschen Umgang mit Widerstandskämpfern und Emigranten: «Das Exil war nicht nur der Verlust der Heimat, die Gefahr bestand darin, aus der Wirklichkeit verbannt, in den Köpfen der Leute getilgt zu werden.» Bezogen auf die ungleiche Behandlung von Nazis und Antinazis stellte Brandt fest: «Wo die Karriere von Nazis kaum Sprünge bekam, mitunter noch Sprünge machte, sah sich der Antinazi, dessen Leben im KZ oder im Exil ohnehin einen nicht zu kittenden Sprung erhalten hatte, zu oft der deprimierenden Tatsache gegenüber, dass man ihn nicht zu benötigen glaubte.»
Wenig jüdische Rückkehrer
Jüngst veröffentlichte biografische Studien und Festschriften wie die zu dem Juristen und Sozialpädagogen Berthold Simonsohn, dem Publizisten und Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde in München Hans Lamm und dem 1913 geborenen Journalisten sowie Vorstandsvorsitzenden der Axel-Springer-Stiftung Ernst Cramer unterstreichen die Bedeutung der Remigranten für das gesellschaftliche Leben der Bundesrepublik, heben ihren Willen hervor, zur Demokratisierung Deutschlands beitragen zu wollen. Zugleich belegen sie erneut, wie individuell, von persönlichen Motiven geprägt, die Geschichte der Remigration ist. Sie ist eine Geschichte von Einzelschicksalen, eine Geschichte von Erfolgen, aber auch bitterer Desillusionierungen. Von zirka 500 000 deutschsprachigen Emigranten kehrten insgesamt vielleicht 30 000 Personen zurück. Von den aus Deutschland geflohenen Juden, die mehr als 90 Prozent an der Gesamtemigration ausmachen, mochten lediglich vier bis fünf Prozent ins «Land der Täter» zurückkehren.
Im September 1945 schrieb Thomas Mann: «Ich gestehe, dass ich mich vor den deutschen Trümmern fürchte – den steinernen und den menschlichen. Und ich fürchte, dass die Verständigung zwischen einem, der den Hexensabbat von aussen erlebte, und Euch, die ihr mitgetanzt und Herrn Urian aufgewartet habt, immerhin schwierig wäre.» Er beklagte die «Ahnungslosigkeit, die Gefühllosigkeit, die daraus spricht, sogar schon durch die naive Unmittelbarkeit des Wiederanknüpfens, so, als seien diese zwölf Jahre gar nicht gewesen». ●
Wilfried Weinke ist Journalist und lebt in Hamburg.


