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9. Dezember 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 12 Ausgabe: Nr. 12 » December 8, 2008

Moses und Washington

Von Hannah Arendt, December 8, 2008
In ihrem ersten Beitrag für die Kolumne «This Means You» setzte sich Hannah Arendt am 27. März 1942 kritisch mit dem Reformjudentum auseinander.
HANNAH ARENDT Schreiben für die Freiheit

Es ist verzweifelt lange her, seit Moses die Kinder Israels aus dem Lande Ägypten herausführte, aus dem Hause der Knechtschaft. Selbst das berühmte Gedächtnis der Juden, das Gedächtnis des antiken Volkes, das an seinen Gründungslegenden festhält, beginnt zu erlahmen. Auch antike Völker vergessen die Taten der Urväter, wenn sie sie nicht mehr deuten können an den Taten der Grossväter, Väter und Söhne.

Älteste Urkunde des Menschengeschlechts

Als im vorigen Jahrhundert die Reformrabbiner sich unserer nationalen Feste bemächtigten und sie in eine Religion auflösten, an die keiner mehr glaubte, ist es ihnen zwar nicht gelungen, das jüdische Volk in eine «mosaische Konfession» zu verflüchtigen. Aber eines haben sie erreicht: Sie haben die Gründungslegenden zerstört. Seither sind wir kein antikes Volk mehr, sondern ein sehr modernes, das nur mit einer besonders langen Volks-Geschichte belastet oder gesegnet ist. Die «Reform», welche unbarmherzig und unbekümmert allen nationalen, allen politischen Sinn aus der Tradition entfernte, hat nicht die Tradition reformiert – sie hat sich sogar als ihr mächtigster Erhalter erwiesen – sie hat sie nur ihres lebendigen Sinnes beraubt.
Solange uns die Pessach-Geschichte nicht den Unterschied von Freiheit und Knechtschaft lehrt, solange uns die Moses-Legende nicht die ewige Rebellion gegen Sklaverei in Herz und Sinn zurückruft, solange wird die «älteste Urkunde des Menschengeschlechts» keinem Volk so tot und stumm bleiben als dem, das sie einst verfasste. Und während die gesamte christliche Menschheit sich unsere Geschichte angeeignet hat, unsere Helden als Helden der Menschheit reklamiert, wächst bei uns höchst paradoxerweise die Zahl jener, die Moses und David durch Washington oder Napoleon ersetzen zu müssen glauben. Schliesslich scheitert der Versuch, die eigene Vergangenheit zu vergessen und sich auf fremde Kosten zu verjüngen, nur noch daran, dass Washingtons und Napoleons Helden eben Moses und David hiessen.

Die Menschheitsgeschichte ist kein Hotel

Die Geschichte der Menschheit ist kein Hotel, in das man sich beliebig einmieten könnte; auch kein Vehikel, aus dem man willkürlich ein- und aussteigen kann. Unsere Vergangenheit wird uns solange eine Last sein, unter der wir nur zusammenbrechen können, als wir uns weigern, die Gegenwart zu verstehen und für eine bessere Zukunft zu kämpfen. Erst dann, dann aber sofort, wird aus der Last ein Segen werden, nämlich eine Waffe im Kampf um die Freiheit.     ●


Hannah Arendt, 1933 nach Paris und 1941 nach New York emigriert, arbeitete bis 1945 als redaktionelle Mitarbeiterin des aufbau. Die Philosophin entwickelte sich in jener Zeit als politische Theoretikerin, da ihre Beiträge zum Zeitgeschehen im aufbau zentrale Bedeutung erhielten.


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