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9. Dezember 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 12 Ausgabe: Nr. 12 » December 8, 2008

Metropole der Zeitungen

Von Monica Strauss, December 8, 2008
Im Schmelztiegel New York boomt die Immigrantenpresse.
ABU TAHER IN NEW HAMPSHIRE Der Journalist aus Bangladesch auf einer Veranstaltung mit Barack Obama

Auch die «ethnic papers» von New York kannten in der ersten Novemberwoche nur ein Thema: den Wahlsieg von Barack Obama. «Ethnic papers», das sind die zahlreichen, von und für Immigrantengemeinschaften publizierten Zeitungen, zu denen in New York einst auch der aufbau gehörte. Wie es sich gehört, dachten die Redakteure der Blätter beim Stichwort Obama an die Interessen ihrer eigenen Leserschaft. So titelte «The Haitian Times»: «Der Wandel ist da», während «Africa Abroad» verkündete: «Ein schwarzer Kennedy für Amerika». Das «Pakistani Defence Journal» wünscht sich vom neuen Präsidenten eine Lösung des Kaschmir-Problems, während die Haitianer eine Verbesserung der sie betreffenden Einwanderungsregeln anmahnten. Der «Filipino Express» verlangt Anerkennung für die Veteranen des Inselstaates, die im Zweiten Weltkrieg für die USA kämpften, während die türkische Zeitung «Zaman» Obama drängt, die Handelsbeziehungen zwischen Washington und Ankara anzukurbeln.
Vom «Afghan Communicator» bis zur «Ukrainian Weekly» – nirgendwo auf der Welt gibt es mehr ethnische Blätter als in New York. Die Millionenmetropole am Hudson weist allein 26 nicht englischsprachige Tageszeitungen auf, zu denen eine unüberschaubare Zahl wöchentlicher Publikationen in allen Sprachen der Welt kommt. 40 Prozent der New Yorker wurden heute im Ausland geboren – ein Anteil, der sogar höher ist als in den Jahren nach den massiven Einwanderungswellen um 1900. Aufgrund der 1990 novellierten Immigrationsgesetzgebung werden jährlich bis zu 55 000 Visa an Angehörige von Nationen vergeben, für die zuvor eine niedrige Einwanderungsquote galt. Praktisch bedeutet dies, dass Europa, mit Ausnahme der ehemaligen Sowjetrepubliken nicht mehr das Gros der Immigranten stellt. Heute kommen die neuen New Yorker zumeist aus der Karibik, Afrika, Asien und Lateinamerika. Für sie erfüllen die ethnischen Zeitungen ihre traditionelle Funktion, die Leser mit den Anforderungen ihrer neuen Heimat vertraut zu machen und sie ebenso über das Geschehen in ihren neuen Gemeinschaften auf dem Laufenden zu halten wie über die Vorgänge in der alten Heimat.
Die Zeitung der Bangladescher
Vor allem jedoch stimulieren die Blätter die Leser zur Partizipation am gesellschaftlichen Leben und der Politik in New York, damit sie ihre Interessen formulieren und durchsetzen: Einwanderungspolitik, Erziehung oder Gesundheitswesen sind für Immigranten von existenzieller Bedeutung. Um gerade die Neuankömmlinge zu erreichen, sind die meisten dieser Publikationen entweder sehr preisgünstig oder gratis. Ihr Überleben hängt daher von Anzeigen ab, und die Redaktionen arbeiten in der Regel mit minimalen Budgets. Gute Beispiele für die Situation der Immigrantenpresse sind zwei Blätter mit Lesern aus zwei entgegengesetzten Weltgegenden: die «Bangla Patrika» für Bangladescher in Queens und die «Russkaya Reklama», die von der grossen russisch-jüdischen Gemeinschaft gelesen wird, die seit den 1970er Jahren im Süden von Brooklyn zuhause ist.
Obwohl die «Bangla Patrika» von mindestens 100 000 Bangladeschern überall in den USA gelesen wird, sind die Redak¬tionsräume an der 38th Avenue in Long Island City spartanisch eingerichtet. Sie liegen im Industriequartier in Queens direkt gegenüber von Manhattan. Draussen vor den Fenstern der Redaktion rattern alle paar Minuten Züge der U-Bahn-Linien N oder W auf dem Hochgleis vorbei, besetzt mit Angehörigen der über 150 Nationalitäten, die Queens zum Bezirk mit der grössten Anzahl an verschiedenen Ethnien in den USA machen. Wir besuchen die Redaktion an einem freien Tag zwischen zwei Produktionen. Obwohl Chefredakteur Abu Taher in der leeren, unbeheizten Redaktion seinen Parka anbehält, glüht er vor Begeisterung, als er von der Ausgabe zum 14. November erzählt, die er eben abgeschlossen hat.
Üblicherweise publiziert die «Bangla Patrika» auf ihrer Frontseite und im hinteren Teil Neuigkeiten aus der Lesergemeinde, während der Rest der Ausgabe Bangladesch und Lokales abdeckt. Doch in der neusten Ausgabe ziert ein Bild von Barack Obama das Titelblatt, und im Heft erstreckt sich die Berichterstattung über ihn und seine Frau über acht Seiten. Die Bildauswahl macht offenkundig, dass Taher zeigen wollte, wie sehr die Obamas einander mögen: «Unsere Leser interessieren sich für jeden Aspekt von Obamas Leben», sagt er. «Sein Lebensweg als Mann mit einem gemischtrassigen Hintergrund, der nicht in eine privilegierte Umgebung geboren wurde, gibt unseren Leuten nicht nur persönlich Hoffnung, sondern auch politisch. Weil wir Muslime sind, wurde unsere Gemeinschaft nach ‹9/11› schief angeschaut und ausgegrenzt. Das hat im Laufe der Zeit zwar abgenommen, aber in den letzten acht Jahren hat sich so viel verändert: die zunehmende Überwachung durch die Sicherheitsbehörden, die Invasion unserer Privatsphäre, die Verhaftungen von Leuten ohne Anklage und Gründe. Obama steht für die Möglichkeit, dass das Land zu den Freiheiten zurückkehrt, die wir vor dieser Regierung gekannt haben.» Die meisten Bangladescher kommen auf der Suche nach einem besseren Leben in die Vereinigten Staaten. Ihre ersten Jobs finden sie meist in der Gastronomie oder als Taxifahrer. Manche dieser Immigranten denken nach einiger Zeit auch über eine Rückkehr nach Bangladesch nach. Aber dies scheitert oft am Widerstand ihrer in den USA geborenen Kinder, die sich in Südostasien schwer zurechtfinden. Die Anzeigen in der «Bangla Patrika» weisen auf eine Kultur hin, die auf beide Seiten schaut. Die Werbungen für Reisebüros, Geldtransfers sowie für bangladesschische Restaurants und Lebensmittel demonstrieren kulturelle Verbundenheit. Aber daneben machen sich Zukunftshoffnungen bemerkbar: So bieten zahlreiche Nachhilfelehrer ihre Unterstützung an, um den Immigrantenkindern bei der Bewerbung an guten High Schools beizustehen. Sie wollen jungen Bangladeschern den Weg zu Karrieren ebnen, die vielleicht sogar der von Obama gleichen könnten.
Das Blatt der Russen
Obwohl die «Russkaya Reklama» nur eine Etage belegt, leuchtet ihr Logo in grossen Neonlettern auf einem beeindruckenden Bürogebäude an der belebten Coney Island Avenue in Brooklyn. Reklame ist tatsächlich der Motor dieser Wochenzeitung mit einem mächtigen Umfang von 420 Seiten. Die «Russkaya Reklama» wird in vier Sektionen gedruckt, die Nachrichten, Medizin und Wissenschaft, Lokales und den Wohnungsmarkt abdecken. Auch die Unterhaltung kommt nicht zu kurz: Der berühmte russische Kriminalreporter Ale¬xander Grant schreibt eine Kolumne, daneben gibt es Promi-Klatsch und Geschichten mit erotischem Akzent. Das Blatt wendet sich an eine Leserschaft, die Russland ebenso verbunden ist wie Israel. Aber die «Russkaya Reklama» vermeidet eine politische Positionierung. «Wir bemühen uns um eine ausgewogene Berichterstattung, da wir Leser im ganzen politischen Spektrum von links bis rechts ansprechen», erklärt Chefredakteur Michael Tripolsky. Seine Redakteurin Leah Moses, die auch für einige andere russisch-jüdische Zeitungen gearbeitet hat, ist mit der neutralen Haltung der «Russkaya Reklama» nicht ganz einverstanden: «In den frühen Tagen der Emigration war Israel die einzige Verbindung der Einwanderer zu ihrem jüdischen Erbe. Sie kannten ihren Tolstoi und ihren Dostojewski, aber der Reichtum der jiddischen und der amerikanisch-jüdischen Kultur war ihnen unbekannt. Wir bemühen uns, das zu vermitteln. Aber ich bin mir nicht sicher, ob uns das gelungen ist.» Bei den Wahlen war die Leserschaft der «Russkaya Reklama» konservativer als andere Immigranten.
Obwohl viele Hillary Clinton unterstützt hatten, taten sie sich schwer damit, zu Obama umzuschwenken. Moses erkennt dafür zwei Motive: Zum einen hätten viele Immigranten schlechte Erfahrungen mit kriminellen Afroamerikanern in ihrer Nachbarschaft in Brooklyn gemacht. Zum anderen stehe die russische Gemeinschaft aufgrund ihrer Erfahrung in der Sowjetzeit gesellschaftspolitisch rechts und sei Obama gegenüber misstrauisch geworden, als die Republikaner ihn ohne jeden Grund als «sozialistisch» bezeichneten. So haben laut Moses viele russische Juden John McCain gewählt. Angesichts der engen Fokussierung der ethnischen Blätter auf ihre Leserschaft besteht durchaus die Gefahr, dass Einwandererzeitungen eine insulare Haltung entwickeln. Diese Gefahr wird allerdings durch die sehr aktive «New York Community Media Alliance» abgeschwächt. Der Dachverband der Immigrantenpresse wird von Juana Ponce de Leon geleitet und publiziert das 100 Seiten starke Mitgliederverzeichnis «Many Voices, One City». Darüber hinaus veranstaltet die Organisation Workshops zur Weiterbildung von Reportern, bietet Stipendien für die Recherche spezieller Themen an und vergibt jährlich Preise für die beste investigative Reportage oder den besten Artikel zur Immigrationsthematik.
Eine der wertvollsten Aktivitäten der Alliance ist die wöchentliche Auswahl an auf Englisch übersetzten Artikeln aus den ihr angehörenden Zeitungen, die sie auf ihrer Website anbietet. So können sich Interessierte einen Überblick über die verschiedenen Anliegen in den diversen Communities verschaffen.
Das vielleicht ehrgeizigste Projekt der Media Alliance war die Entsendung einer Gruppe von Reportern verschiedener Zeitungen zu den Vorwahlen in New Hampshire im vergangenen Januar. Darunter befanden sich Ewa Jedrychowska von der polnischen Tageszeitung «Nowy Dziennik», Lotus Chau von der chinesischen «Sing Tao Daily», Peter McDermott vom «Irish Echo», Antoine Faisal von der arabischen Zeitung «Aramica», Mohammed Khan von der «Pakistan News» und Abu Taher von der «Bangla Patrika». Ein besseres Bild für die Vitalität der Immigrantenpresse ist kaum vorstellbar als diese polyglotte Schar von Journalisten aus New York City, die sich in die Schneelandschaft von Neu England aufmachte, um ihre Leser aus erster Hand über dieses traditionelle amerikanische Ereignis zu unterrichten.    ●


Monica Strauss ist Kunsthistorikerin und Autorin in New York.  





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