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9. Dezember 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 12 Ausgabe: Nr. 12 » December 8, 2008

Menschen unter Verdacht

Von Andreas Mink, December 8, 2008
Bei einem Spaziergang durch das Viertel Bay Ridge in Brooklyn spricht der ägyptische Literat Moustafa Bayoumi über die Lebensumstände junger Amerikaner arabischer Herkunft. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 sind sie eine ausgegrenzte Minderheit, doch sie haben ihren Glauben an Amerika nicht verloren.
MOUSTAFA BAYOUMI IN BAY RIDGE In der arabischen Nachbarschaft von Brooklyn hat der Ägypter die Geschichten für sein viel beachtetes Buch gefunden



Über dem Eingang von «Nablus Sweets» kündet ein Banner in den amerikanischen Nationalfarben Rot, Weiss und Blau noch von der «grossen Eröffnung» im Oktober. Doch Moustafa Bayoumi steuert den Zuckerbäcker an der Fifth Avenue in Bay Ridge nicht der exzellenten Knafe oder Baklawa wegen an. Er ist in diesen von Arabern bewohnten Teil Brooklyns gekommen, um sich eines Auftrags zu entledigen. Bayoumi betritt den in freundlichen Gelbtönen gehaltenen Laden und geht auf den hohen Glastresen zu, in dem ein breites Sortiment an nahöstlichen Süsswaren in Sirup glänzt. Er schüttelt Radwan, dem jungen Manager, und Taiseer, einem der Eigner, die Hand.
Nach dem traditionellen «Salam» zieht Bayoumi ein Blatt Papier aus seiner Umhängetasche. Der Schriftgelehrte und Schriftsteller hat sich als Schreiber betätigt und den englischen Werbetext für die Website von «Nablus Sweets» verfasst. Bayoumi hat nicht an Zucker gespart: «Seit Jahrhunderten drängen Araber, Ottomanen und Europäer nach der echten Nabluser Knafe! Kein Gebäck der Welt zieht Ruhm, Neid und Begierde in solchem Masse auf sich – ein Biss und Sie sind verloren!» Bayoumi lebt in einem anderen Teil von Brooklyn. Aber er ist gut bekannt in Bay Ridge. Der in Zürich geborene Sohn eines ägyptischen Akademikerpaares hat über die letzten Jahre viel Zeit rund um die Fifth Avenue verbracht, wo etwa 36 000 Immigranten arabischer Herkunft leben. Wie Radwan und Taiseer von «Nablus Sweets» kamen viele aus den palästinensischen Gebieten, aus «zwei grossen Dörfern in der Westbank, Beit Hanina und El Bireh», so Bayoumi. In den letzten Jahren trafen Einwanderer aus anderen Staaten im Vorderen Orient hier ein, darunter viele alleinstehende Männer. Sie besuchen am frühen Abend arabische Restaurants wie das «Meena House». Hier rauchen sie mit Freunden eine Wasserpfeife, in der mit Apfelaroma versetzter Tabak glüht. Andere sitzen allein an einem der kleinen Tische in dem halbdunkeln Lokal und verfolgen dramatische TV-Serien aus Ägypten auf einem gewaltigen Bildschirm. Bayoumi erklärt, dass die New Yorker Stadtverwaltung für die Hukkahs eine Ausnahmegenehmigung erlassen und ihr striktes Rauchverbot nur für Wasserpfeifen – zu seinem Leidwesen jedoch nicht für Zigartetten – in arabischen Lokalen aufgehoben hat. Diese Geste vermag das harsche Bild kaum zu mildern, das Bayoumi von der Lebenssituation der Bewohner von Bay Ridge und den anderen arabisch-muslimischen Bevölkerungszentren in Michigan oder Kalifornien zeichnet.
In Bay Ridge hat Bayoumi die Geschichten von sieben jungen Leute für sein Buch «How Does It Feel To Be A Problem?» gefunden, in dem er beschreibt, was es heisst, «jung und ar abisch in Amerika zu sein». Bay Ridge trägt die typischen Zeichen eines Einwandererviertels: Ladenschilder und Werbetafeln für Immigrationsanwälte und Ärzte tragen arabische Schrift. In Schaufenstern stehen dicht an dicht Wasserpfeifen in allen nur denkbaren Farben. Daneben warten Halal-Metzgereien auf Kundschaft. Direkt neben einem Kino ist die Moschee der «Islamic Society of Bay Ridge» hinter einem hohen Drahtzaun zu finden. Bayoumi lächelt, als er von dem Clash der Kulturen erzählt, der sich Freitagabends abspielt, wenn Gläubige ihre Blicke senken, um die «unsittlich» gekleideten Mädchen nicht anschauen zu müssen, die in die neuesten Hollywood-Filme streben.

Lebendig, anrührendes Buch

Bei einem Spaziergang durch Bay Ridge und einem langen Abendessen im «Meena House» hat sich Bayoumi dieser Tage mit dem aufbau über sein Buch und seine Erfahrungen unterhalten. Der Titel «How Does It Feel To Be A Problem?» ist dem afroamerikanischen Bürgerrechtler W.E.B. Du Bois entlehnt, der diese Frage in seinem Klassiker «The Souls of Black Folk» von 1903 an das weisse Amerika gerichtet hat. Heute betrachtet Bayoumi Muslime und Araber als das letzte in einer langen Reihe von «Problemen», mit denen Amerika sich und immer wieder andere Minderheiten plagt: Wurden zunächst die aus der Sklaverei befreiten Schwarzen ausgegrenzt, benachteiligt und als «gefährliche Elemente» verdächtigt, so ereilte dieses Schicksal im Lauf des 19. und 20. Jahrhunderts auch zahlreiche Immigrantengruppen wie Iren, Deutsche, Juden und während des Zweiten Weltkrieges dann die von der Roosevelt-Regierung in Internierungslager gepferchten Japaner.
Seit «9/11» sind es US-Bürger und Immigranten nahöstlicher Herkunft, die von der Staatsgewalt, den Medien und Arbeitgebern ausserhalb der ethnischen Enklaven misstrauisch als «Terroristen» betrachtet werden.
Bayoumi sagt, dass junge Männer aus dem Nahen Osten in die Rolle des «bedrohlichen Fremden» geraten sind, die lange Zeit schwarzen Jugendlichen zugeschrieben worden ist. Er versteht sein Buch als Versuch, hinter den Klischees Individuen mit «multiplen Identitäten» erkennbar zu machen, die ihren Beharrungswillen aus ihrem Glauben an den amerikanischen Traum von Freiheit und Gleichberechtigung ziehen. Der 42-Jährige macht keinen Hehl daraus, dass ihn die Recherchen verwandelt und nach Jahren in der Schweiz, Kanada und in New York einer Gemeinschaft nahe gebracht haben, mit der er zumindest die Komplexität der eigenen Erfahrungen teilt: «Ich bin in Kingston aufgewachsen, habe aber hier an der Columbia University bei Edward Said studiert. Ich bin Ägypter, gehöre der arabischen Kultur an, bin in Brooklyn zuhause und beschäftige mich als Akademiker mit der englischen, aber auch der Weltliteratur.»
Nach seinem Doktorat in Englisch und vergleichender Literaturwissenschaft bei Said hat Bayoumi einen Sammelband mit dessen Texten mit herausgegeben und an der elitären Institution Kurse über die Kulturen der Welt unterrichtet. Seit 1998 lehrt er am Brooklyn College Englisch mit einem Schwerpunkt auf postkoloniale Kulturen. Bayoumi ist Muslim. Aber ihn hat seine Zeit mit dem säkularen, in einer christlichen Familie aufgewachsenen Said ebenso geprägt wie seine Auseinandersetzung etwa mit dem Werk von Hannah Arendt. Als Leitmotiv seines Buches schimmert das von Said in «Orientalism» analysierte Ringen zwischen westlichen und aussereuropäischen Kulturen um Deutungshoheit durch. Wollten britische oder französische «Orientalisten» im 19. Jahrhundert ihre Vorstellungen vom «Morgenland» den dortigen Bevölkerungen aufzwingen, so setzt Bayoumi heute die Stimmen seiner Protagonisten den Klischees der US-Medien und den Ängsten der Öffentlichkeit entgegen. Aber sein Buch ist keine didaktische Übung, sondern lebendig und anrührend. Bayoumi ist neugierig, aufgeschlossen, ein gebildeter Intellektueller, darüber hinaus aber mit einem bemerkenswerten Einfühlungsvermögen und einem Talent als Erzähler ausgestattet. Er überlässt seinen Protagonisten das Wort und breitet Geschichten voller Irrungen und Wirrungen aus, in denen sich Rückschläge und kleine Triumphe abwechseln. Mitunter finden seine Helden und Heldinnen Rasha, Sami, Yasmin, Akram, Lina, Omar und Rami auch ein Happy End oder sie lassen sich zumindest von ihren Niederlagen bei der Jobsuche oder ihrem Kampf um die Anerkennung ihrer religiösen Verpflichtungen nicht entmutigen.

Die Schikanen des Alltags

Im «Meena House» erklärt Bayoumi, dass ältere Einwanderer stärker in ihrer lokalen Identität verhaftet sind. So bevorzugen Palästinenser, dass ihre Kinder in bestimmte Familien aus ihrer Gemeinschaft heiraten, während eine Verbindung etwa mit Jemeniten als unschicklich gilt. Bei den jüngeren Immigranten bildet sich jedoch – wie bei allen Einwanderergemeinschaften – eine breitere Identität heraus, in der lokale, nationale, religiöse und kulturelle Unterschiede in einem breiteren «arabischen» Selbstverständnis aufgehen. Aber die eigene Herkunft geht darüber ebenso wenig verloren wie der Glaube: Bayoumi erinnert daran, dass die meisten arabischen Amerikaner Christen sind, deren Vorfahren seit Ende des 19. Jahrhunderts aus der Levante einwanderten. Doch die veränderte öffentliche Wahrnehmung ist nicht das gravierendste Problem für die arabischen Gemeinschaften in den USA. In den Wochen und Monaten nach den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon haben die amerikanischen Sicherheitsbehörden Tausende von Arabern und Muslimen verhaftet, darunter ganze Familien.
Gegen die Betroffenen wurde kein einziges Strafverfahren erhoben. In seinem Buch erzählt Bayoumi unter anderem die Geschichte des syrischen Mädchens Rasha. Sie wurde im Februar 2002 mit ihren Eltern und Geschwistern von einer kleinen Armee von Beamten mehrerer Behörden mitten in der Nacht aufgegriffen. Getrennt voneinander und zunächst völlig von der Aussenwelt abgeschnitten, wurden die Familienmitglieder drei Monate lang durch verschiedene Haftanstalten geschleust und anschliessend ohne Erklärung wieder entlassen. Erst dann erfährt Rasha, dass Freunde, Mitschüler und Lehrer eine Unterschriftenaktion gestartet hatten, um die Familie freizubekommen. Rasha und ihre Angehörigen hatten Glück. Bayoumi erklärt, dass eine unbekannte Zahl von Arabern und Muslimen nach «9/11» ausser Landes geschafft worden sei, ohne dass ihre Familien informiert wurden. Seit damals haben die diversen Sicherheitsbehörden bei Verkehrskontrollen oder an den Flughäfen Menschen mit «orientalischer» Anmutung im Visier. Dass sie vor Flugreisen besonders intensive Untersuchungen über sich ergehen lassen müssen, ist längst Gegenstand von Witzen unter den Arabern in den USA. Gleichwohl protestieren auch die Bewohner von Bay Ridge immer wieder gegen die Undercover-Agenten des FBI oder der New Yorker Polizei, die sich auffällig unauffällig in der Nachbarschaft oder in der Moschee an der Fifth Avenue umschauen. Bayoumi will nicht von einem Belagerungszustand reden, aber er bezeichnet seine als eine «Gemeinschaft unter Verdacht».

Muslime und die Bürgerrechtsbewegung

Dieses Misstrauen erfährt der Student Omar, der im Uno-Büro des arabischen Senders al-Jazirah ein Praktikum absolviert und danach auf Hunderte von Bewerbungsschreiben an US-Medien keine einzige Antwort erhält. Bayoumi beschreibt, wie der junge Mann in Depression versinkt. Omar muss den Traum aufgeben, seine Freundin zu heiraten, da er kein Einkommen hat, um eine Familie zu ernähren. Das Mädchen Yasmin sieht sich in «How Does It Feel ...» dagegen in ihrer Identität als Muslimin bedroht. Als exzellente und beliebte Schülerin an der Fort Hamilton High School in Bay Ridge wird sie zur Schulsprecherin gewählt. Aber die Schulleitung zwingt sie, den Posten aufzugeben, als sie ihre Amtspflichten verletzt und aus religiösen Gründen nicht an einer Tanzveranstaltung teilnimmt. Bayoumi beschreibt, wie Yasmin ihre ganze Energie aufbietet, um ihre Absetzung rückgängig zu machen. Sie studiert die juristische Fachliteratur, sucht Unterstützung bei Bürgerrechtsorganisationen und treibt die eigenen Eltern mit ihrer Beharrlichkeit in Verzweiflung.

«Die Schwarzen von heute»

Für Bayoumi ist ihr Fall ein Beispiel dafür, dass junge Muslime mit Leib und Seele auch Amerikaner sind und die in der Schule eingesogenen Lektionen der Bürgerrechtsbewegung auf ihre eigene Situation anwenden. Er zitiert viele junge Araber, die sich zwar als «die Schwarzen von heute» fühlen, aber in der amerikanischen Geschichte auch die Rezepte finden, gegen ihre Ausgrenzung anzugehen. Aber der Fall Yasmins stellt doch eine Ausnahme dar: Nicht jeder junge Araber hat neben der Verantwortung für seine älteren Verwandten, die wirtschaftlich oft von ihren Söhnen und Töchtern abhängig sind, Zeit und Energie, sich als Aktivist zu betätigen. Yasmin ist am Ende jedoch Erfolg beschieden. Sie kann sich gegenüber der Schulleitung durchsetzen und wird von ihren Kommilitonen erneut gewählt. Im «Meena House» erzählt Bayoumi über Tellern mit gebratener Rindsleber, Salaten, Fladenbrot, Humus, Reis und French Fries, dass Yasmin inzwischen Jura studiert und Anwältin werden möchte. Einen anderen Weg schlägt sein Protagonist Rami ein, den Bayoumi ebenfalls schon seit etlichen Jahren begleitet. Der Sohn palästinensischer Eltern wandte sich als Teenager mehr und mehr dem Islam zu und reflektiert nicht nur einen breiteren Trend in muslimischen Gesellschaften, sondern auch einen Reflex bedrängter Gemeinschaften überhaupt: Von der Mehrheitsbevölkerung bedrängt und in Frage gestellt, bietet ihre Religion Minoritäten Rückhalt und Nahrung für ihr Selbstvertrauen. Ramis Leben gerät aus den Fugen, nachdem sein Vater von einem Informanten denunziert und wiederholt verhaftet wird und aufgrund eines Immigrationsdeliktes auf unabsehbare Zeit im Gefängnis verschwindet. Im Koran findet Rami die gedankliche und spirituelle Grundlage, die Widrigkeiten seines Lebens auszuhalten. Am Ende seiner Geschichte ist der energische junge Mann im Begriff, Imam zu werden, und er hat bereits einen Kreis junger Anhänger um sich gesammelt.Ramis Geschichte dient Bayoumi auch dazu, dem zuletzt im Wahlkampf viel beschworenen «islamistischen Extremismus» ein lebendiges Beispiel dafür gegenüberzustellen, dass muslimische Gläubigkeit viele Nuancen haben kann und zumindest in den USA kaum jemals in fundamentalistische Exzesse ausschlägt. Der Krieg in Irak und der Palästina-Konflikt sind in Bayoumis Buch präsent. Aber aus den erniedrigenden Erfahrungen eines seiner Protagonisten bei einem Besuch in der besetzten Westbank folgt noch lange nicht, dass der junge Mann zuhause in den USA in Judenfeindlichkeit verfällt. Die Realität ist sehr viel komplizierter. So erzählt Radwan bei einer Portion Knafe im «Nablus Sweets» beiläufig, dass er auch in jüdischen Lokalen gearbeitet und dort gelernt hat, was ein «Schnitzel» ist. Konflikte mit seinen jüdischen Arbeitgebern hatte er keine. Der kräftige Taiseer führt bei der Führung durch seine Backstube die Maschine aus Nablus vor, die schmale Teigbänder aus Hartweizenmehl trocknet, die anschliessend geröstet, kleingebrochen und orange gefärbt werden, um die süsse Quarkfüllung der Knafe zu bedecken: Als New Yorker aus den palästinensischen Gebieten ist er in erster Linie stolz auf das Eigene, seine Kultur und die Traditionen seiner Heimat. Wie Bayoumi betont, ist gerade Brooklyn ein Ort, wo dies möglich ist, ohne in Hass auf andere zu verfallen. Mit amerikanischem Optimismus betrachtet er seinen Stadtteil als Modell für die USA insgesamt: «Wir sind bald eine Nation, in der Minoritäten die Mehrheit bilden. Hier in Brooklyn kommen Leute aus aller Herren Länder friedlich miteinander aus und respektieren die Würde ihrer Nachbarn. Das wird in Zukunft auch für den Rest der ¬Nation unvermeidlich sein.»    ●


Andreas Mink ist Redakteur bei der JM Jüdische Medien AG und lebt in den USA.





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