Mein Besuch in Tunis
27. November 2006
Die Abteilung für Kunst in US-Botschaften beim Aussenministerium in Washington ruft bei mir an. Robert Godec, der neue Botschafter in Tunesien, und seine Frau Lori Magnusson wollen vier meiner Arbeiten in ihrer Residenz in Tunis aufhängen. Ich gehöre einer Gruppe von Künstlern an, die von Kuratoren ausgewählt werden, um Amerika zu repräsentieren. Das Programm wurde von Präsident John F. Kennedy lanciert. Wann immer ein neuer Botschafter seine Stellung antritt, ist er gehalten, seinen Amtssitz mit Werken aus diesem Programm auszustatten. Finanziert wird es vom Aussenministerium.
1. Mai 2008
Ich erhalte einen Brief von Botschafter Godec, der mir mitteilt, dass meine Arbeiten nun in seiner Residenz platziert worden sind. Er schreibt, dass jedermann die Bilder mag, und er schlägt mir vor, Tunis im Herbst zu besuchen. Meine Frau und ich planen die Visite für die letzte Oktoberwoche.
16. September 2008
Der Chef der Kulturabteilung an der US-Botschaft in Tunis mailt mir, dass Botschafter Godec und seine Frau einen Empfang zu Ehren meiner Gemälde geben wollen. Sie werden Künstler und andere Persönlichkeiten aus dem Kulturleben von Tunis einladen. Zudem würden sie sich freuen, wenn ich bereit wäre, eine Meisterklasse in Malerei für tunesische Künstler abzuhalten.
Jetzt habe ich ein Problem. Ich glaube nicht, dass Kunst gelehrt werden kann. Und wenn das doch möglich ist, bin ich der falsche Mann dafür. Ich wurde 1983 Künstler, nachdem ich am Broadway eine Million Dollar mit einem Stück verlor, das ich produziert und bei dem ich Regie geführt hatte. Ich habe eine Geschichte über dieses Desaster geschrieben, mit eigenen Zeichnungen illustriert und statt einer Karte zu Weihnachten an meine Freunde verschickt. Der bekannte britische Maler John Hoyland sah meine Geschichte und sagte mir, ich könnte als Künstler Karriere machen. Hoyland ist Mitglied der Royal Academy of Arts in London. Auf meine Frage, bei wem ich studieren sollte, rief er aus: «Bei niemandem! Es gibt so viele schlechte Lehrer und wenn du Pech hast, landest du bei einem davon. Bleib lieber deinen eigenen schlechten Angewohnheiten treu!» Dann sagte er, ich hätte Glück, erst in meinem Alter auf die Malerei zu kommen. Das würde mir den schmerzhaften Prozess ersparen, die Lektionen aus der Ausbildung wieder abzulegen. Ihn habe es viel Mühe gekostet, bis er sich endlich frei ausdrücken konnte. Ich habe verstanden, was er meinte: In meiner Zeit am Theater habe ich ¬gelernt, dass die Schauspieler am erfolgreichsten sind, die sich nicht an bestimmte Lehrer oder Techniken binden.
17. Oktober 2008
Ich erhalte eine E-Mail vom Leiter der Kulturabteilung an der Botschaft in Tunis. Er teilt mir mit, dass ein Ort für meine Meisterklassen – die auf meinen Wunsch Workshops genannt werden – gefunden worden ist: Ein Künstlercafé, gegründet von dem berühmten tunesischen Maler Habib Bouabana (1942–2002). Zu dem Café gehören Ateliers, in denen etliche Künstler arbeiten. Der Kulturattachée hat beim Aussenministerium Fördermittel aufgetrieben, um die Workshops zu finanzieren. Ich werde das offizielle Dokument dazu an einem sicheren Platz aufbewahren. Aber es sprengt mein Vorstellungsvermögen, dass mich die US-Regierung dafür bezahlt, mit Künstlern in Tunis zusammenzuarbeiten! Mein Honorar ist minimal gegenüber den 700 Milliarden, die gerade für die Finanzkrise bereitgestellt werden, aber immerhin!
26. Oktober 2008
Ich und meine Frau treffen in Tunis ein. Der Kulturattachée holt uns am Flughafen ab und bringt uns in unser Hotel. Von unserem Zimmer aus sehen wir auf die Medina, die Altstadt mit ihren geheimnisvollen Passagen, in denen mit Produkten jeder Art gehandelt wird. Kurz nach unserer Ankunft erschallt der Ruf zum Gebet von den Minaretten überall in der Stadt. Wir werden sie von nun an fünfmal am Tag hören. Uns erinnert das daran, dass wir in einem alten, rätselhaften Land sind. Mir fällt nur ein, dass der «Dieb von Bagdad» der Lieblingsfilm meiner Kindheit war. Ich denke an Douglas Fairbanks, fliegende Teppiche und Flaschengeister.
27. Oktober 2008
Wir erforschen die Medina und besuchen das Bardo-Museum. Dort sehen wir die weltweit grösste Sammlung an Mosaiken aus der punisch-karthagischen und der römisch-byzantinischen Periode. Daneben zeigt das Bardo-Museum griechische Artefakte aus gesunkenen Schiffen und punischen Schmuck von aussergewöhnlicher handwerklicher Qualität. Die Stücke waren einst der Stolz der eleganten Damen von Karthago und Uthika.
29. Oktober 2008
Wir besuchen ein Blues- und Soul-Konzert mit der Ron Smith Group aus Paris. Das Konzert findet in der Kathedrale St. Ludwig in Karthago statt und wurde von der US-Botschaft arrangiert. Die Botschaft hat die Gruppe eingeladen, auf dem Empfang für mich am morgigen Tag zu spielen: Eines meiner Bilder zeigt drei Musiker auf dem Jackson Square vor der Saint Louis Cathedral in New Orleans.
30. Oktober 2008
In der Residenz von US-Botschafter Robert Godec und seiner Frau Lori Magnusson findet der Empfang für mich statt. Die Residenz liegt in Sidi Bou Said auf einer Klippe über dem Meer, unweit des Präsidentenpalastes, und bietet mit die spektakulärste Aussicht in ganz Tunesien. Auf der anderen Seite der Bucht sind die Berge von Cap Bon zu sehen. Nachts leuchten die Lichter einiger Dörfer am Horizont. In der Residenz sind meine Bilder sehr schön in den einzelnen Räumen aufgehängt worden. Es gibt einen Katalog zu der Ausstellung, und der Botschafter erzählt mir, dass Tausende von Besuchern die Residenz bereits besichtigt haben. Der Empfang ist eine elegante Angelegenheit. Unter den Gästen finden sich Künstler, Musiker, Schauspieler, Galeristen, Lehrer, Geschäftsleute und Politiker, dazu die Botschafter von Deutschland und Japan. Ich spüre echten Enthu¬siasmus für meine Arbeiten. Meine Frau und ich werden mit Einladungen an andere Anlässe überschüttet.
31. Oktober 2008
Ich steige die Treppen zu dem Café an der Rue de Marseille in Tunis hinauf, das die Habib-Bouabana-Galerie beherbergt. Ich fühle mich in das Paris Mitte des 19. Jahrhunderts versetzt. An den Tischen sitzen in intensive Gespräche versunkene Männer. Sie rauchen und trinken und werden von Kellnern bedient, die wie ihre Kollegen in Paris gekleidet sind. An den Wänden hängen bunte Bilder. Diese sehen vertraut aus. Um mich zu überraschen, haben die Künstler vom Bouabana-Café Fotos meiner Bilder aus dem Internet heruntergeladen und haben sie zur Vorlage für eigene Arbeiten genommen! Am Eingang der Galerie hängt ein lebensgrosses Porträt von mir, das einer der Künstler nach einer Fotografie von mir gemalt hat.
Dann gehen wir in das Studio und treffen die Künstler. Wir umarmen uns zum ersten Mal. Ihre Beschäftigung mit meinen Bildern hat eine Verbindung zwischen uns geschaffen. Jeder der Künstler erzählt, welches meiner Bilder ihn inspiriert hat. Ein Künstler malt nur mit seinen Fingern. Er hat mein «Self Portrait At The Night Café» herangezogen, um das emo¬tional aufgeladene Porträt eines Indianers zu malen. Ein anderer hat meine Zeichnung «The Embrace» für das einfühlsame Gemälde einer Mutter benutzt, die ihren jüngeren Bruder kurz vor dessen Tod umarmt.
1. November 2008
Ich habe Fragen für meine Maler-Kollegen vorbereitet. Etwa: «Warum malst du?», «Wie findest du ein Sujet?» oder «Was empfindest du beim Malen?» Einer der Tunesier sagt: «Ich male, um meine Enttäuschung zu erschöpfen.» Das erinnert mich an einen Schauspieler, der mir einmal gesagt hat: «Ich spiele, weil das die Tätigkeit ist, die mir ein Wohlgefühl verschafft.» Ich beschreibe den kreativen Prozess im Theater und wir entdecken die Ähnlichkeiten zu der schöpferischen Arbeit des bildenden Künstlers. Wir stimmen darüber ein, dass es essenziell ist, «Dinge geschehen zu lassen», dass «Fehler» und «Verzerrungen» Elemente der künstlerischen Wahrheit sind. Diese erlauben es dem Betrachter, Aufrichtigkeit in einem Bild zu finden, und eröffnen ihm den Weg zur Anteilnahme.
2. November 2008
An unserem letzten Tag wollen wir gemeinsam ein Bild malen. Wir halten uns an die Regeln von Habib Bouabana: Jeder Künstler kann zu jedem Zeitpunkt malen, jeder kann auswischen oder übermalen, was er will. Ein Künstler macht den Anfang und entscheidet, wann das Gemälde fertiggestellt ist. Dispute werden von einem zuvor bestimmten Kollegen entschieden. Für uns soll das Hechmi Ghachem sein, der Leiter der Bouabana-Galerie. Mir wird die Ehre zuteil, den Anfang zu machen und den Abschluss zu bestimmen.
Ich stehe vor der gewaltigen, leeren Leinwand. Mein Pinsel ist schwer von roter Acrylfarbe. Ich fühle fünf Augenpaare, die Löcher in meinen Rücken brennen. Meine Kollegen warten auf meinen ersten Strich. Ich male ein Gesicht in die Mitte der Leinwand. Als ich zum Kinn komme, tropft die Farbe von dem übervollen Pinsel und läuft die Leinwand hinunter. Ich folge dem Konzept, den Dingen ihren Lauf zu lassen, und sehe, wie die Farbe bis an den unteren Rand des Bildes rinnt. Ich kostümiere mein verformtes Gesicht mit roter und gelber Farbe. Hamadi Ben Saad skizziert Gesichter rund um die Ränder der Leinwand. Olfa Jeguam verwandelt einige davon in Christbaumschmuck, während Mourad Zerai und Hechmi Ghachem starke, vertikale Linien in vibrierenden Farbtönen malen, welche die verschiedenen Formen und Gegenstände verbinden. Als Hintergrund setzt Mustapha Ben Attia Blumen und grössere, detaillierte Gesichter hinzu, die mich dazu bewegen, mein Gesicht zu einem Ballon zu erklären. Ich bitte Mourad, am unteren Rand aus meinen Farbtropfen eine Hand zu machen, die den Ballon an einer Schnur hält. Dann male ich ¬einen kleinen Baby-Ballon und lösche meine rote und gelbe Farbe rund um mein ursprüngliches Gesicht zu einem grossen Teil aus, um Platz für die dunkleren Töne zu schaffen, die mir jetzt notwendig erscheinen. Mourad und Hechmi brechen in eine lebhafte Diskussion über den Sinn horizontaler Linien in der Mitte des Bildes aus. Sie entscheiden dagegen, da dies die Energie des Bildes zerstören könnte. Nach fast drei Stunden erkläre ich das Gemälde für beendet. Wir geben dem Bild den Titel «Night in Tunisia». Es sieht aus, als ob es ein einziger Künstler gemalt hätte.
Als ich das Bouabana Café zum letzten Mal verlasse, ruft mir ein Mann von einem der Tische zu: «Wir werden dich nie vergessen!» Ich habe keine Ahnung, warum er das sagt, aber ich fühle ganz genau dasselbe. Diese Erfahrung wird mich für den Rest meines Lebens begleiten.
6. November 2008
Nach einem Abstecher nach Sizilien kommen wir am 6. November für einen Tag nach Tunis zurück. Am Flughafen kaufe ich die grösste französischsprachige Tageszeitung des Landes. Die Titelseite zeigt Barack Obama und seine Familie in der Wahlnacht. Darunter sind drei Bilder von mir und meinen neuen Freunden. Der Artikel dazu spricht von Völkerfreundschaft und neuer Hoffnung für unsere Nationen. ●


