Kein arbeitsloser Kriegsfotograf
Es war in den ersten Monaten unserer Emigration aus Deutschland. Im Jahre 1933. Wir sassen im Café du Dóme auf dem Montparnasse und warteten. Worauf, wussten wir nicht genau. Wir hatten wenig zu tun und deshalb auch wenig Geld. Da bekam ich von Fritz Drach, den die Nazis später ermordeten und der damals Chefredakteur der «Vu», der besten illus¬trierten Zeitung Frankreichs, war, den Auftrag, den Kriminalroman «Der Mörder mit dem Bumerang» mit Fotos zu illustrieren. Die Aufnahmen machte die Tochter des kürzlich verstorbenen Verlegers der «Vu», Lucien Vogel. Ich hatte so etwas wie ein Drehbuch zu schreiben, die richtigen Darsteller zu finden und Regie zu führen. Aber ich engagierte keine Berufsschauspieler. Ich stellte aus den Emigranten im Dóme und den umliegenden Cafés eine achtköpfige Gruppe zusammen.
Am schwersten war es, einen Mörder, der dann aber gar keiner war, zu finden. Bis ich auf Robert Capa stiess. Er hatte gerade gestern seinen Fotoapparat versetzt und deshalb noch weniger zu tun als wir.
Capa spielte die Titelrolle des Romans wunderbar. Er rasierte sich noch seltener, konnte meisterhaft eine Wachsfigur für das Titelblatt der «Vu» darstellen, drapierte geschickt Handtücher um seinen nackten Oberkörper und verstand es, bei seiner Vernehmung durch einen Pariser Polizeikommissar, den ich spielte, ein schönes schuldbewusstes Gesicht – nach dem Muster des damals aktuellen «Reichstagsbrandstifters» Lubbe – zu machen. Mit dem Honorar für die Schauspielerei holte Capa seine Kamera vom Mont de Piété, dem Pariser Pfandhaus, zurück, und dann begann bald seine Karriere als Kriegsfotograf.
Er ging über Spanien, wo seine Frau im Bürgerkrieg umkam, nach Amerika. Mit den Tanks des Generals Leclercq kehrte er erst wieder nach Paris zurück. Seine dokumentarischen Fotos von Israel gab Capa in gemeinschaftlicher Arbeit mit John Steinbeck («This Is Israel», 1948) und mit I. F. Stone («Report on Israel», 1950) heraus. Sein Ideal war immer, ein für allemal ein arbeitsloser Kriegsfotograf zu sein. Nun ist er in Indochina auf eine Landmine getreten. ●
Nachruf
Ludwig Wronkow erinnert sich
«Er lebte vom Mut der Verzweiflung. Capa ist so gestorben, wie es sich für ihn gehörte – im Tumult des Untergangs.» So schrieb Therese Pol zum Tod des Kriegsfotografen in Indochina 1954. «Er war ausserstande zu fotografieren, wenn nicht alles um ihn herum in Flammen aufging. Bewegung und Aufregung waren für ihn dasselbe.» In derselben Nummer des aufbau (4. Juni 1954) erinnerte Ludwig Wronkow an ein Pariser Erlebnis mit Robert Capa, der ursprünglich André Friedmann hiess, aus Budapest stammte und mit Ernest Hemingway eng befreundet war.


