Fritz Stern über Bildung als Chance «Obama versteht die amerikanische Tradition»
Der 1926 in Breslau geborene Historiker Fritz Stern ist Barack Obama nicht begegnet, als dieser Anfang der achtziger Jahre für einige Semester an der Columbia University im Norden Manhattans studierte. Stern ist der Institution seit seinem 17. Lebensjahr verbunden – zunächst als Student, der 1938 mit seinen Eltern aus Hitler-Deutschland entkommen konnte, dann von 1953 bis 1997 als hoch geachteter Professor. Stern sagt, er habe «Columbia ungeheuer viel zu verdanken, was Erziehung anbelangt, das ist gar keine Frage». Er begreift Obamas Wahlsieg als «ein unbeschreibliches Glück». Der Historiker hat während der letzten «acht schrecklichen Jahre» keinen Hehl aus seiner Kritik an George W. Bush gemacht. Im Gespräch mit dem aufbau wirft er den «Bush-Cheney-Leuten Antiintellektualismus und Verachtung für die amerikanische Verfassung» vor.
Bei aller Abneigung gegen platte Generalisierungen nimmt Stern in Betracht, dass er wie Obama zu der grossen Zahl von Aussenseitern gehört hat, deren Lebenswege entscheidend durch die Ausbildung an Institutionen wie Columbia geprägt worden sind. Über das Wissen hinaus vermitteln die führenden Bildungsanstalten Amerikas jedoch Prinzipien wie Kritikfähigkeit, Aufgeschlossenheit und Neugierde – das eigentliche Rüstzeug für einen erfolgreichen Lebensweg. Stern schätzt in hohem Masse, dass Obama «sehr offen ist, während man den Eindruck hatte, dass Bush und seine Leute ideologisch festgelegt waren. Ihnen ging diese Offenheit ab. Sie waren skeptisch über zu viel Offenheit, und dann kommt natürlich noch hinzu, dass die politische Basis der jetzigen Regierung einem religiösen Fundamentalismus verhaftet ist.»
Der Historiker erklärt, dass Columbia zum Beginn des Ersten Weltkrieges das berühmte «core curriculum» einführte, das allen Studenten die Grundzüge zunächst der «atlantischen» Kulturen nahegebracht hat. Inzwischen wurde das «core ¬curriculum» auf die grossen Kulturen der Welt ausgedehnt. Doch Stern warnt auch davor, die gesellschaftspolitischen Verdienste der amerikanischen Universitäten zu übertreiben: «Diese haben ihre Türen über Jahrhunderte Schwarzen – und auch Frauen – gegenüber verschlossen und dann nur allmählich aufgemacht. In meiner Jugend hatten es ‹Aussenseiter› wie ich sehr viel schwerer, bei Columbia aufgenommen zu werden, als ¬Obama 1981.»
Stern betont überdies die Interessen Obamas, der sich intensiv mit der Geschichte, speziell jedoch mit der Verfassung der Vereinigten Staaten vertraut gemacht hat. Diese Verfassung hat Obama als Rechtsprofessor in Chicago selbst den Studenten vermittelt. Stern sagt: «Ich glaube, dass Obama die amerikanische Tradition wirklich sehr viel besser versteht als die meisten Amerikaner, ganz zu schweigen von seinem Vorgänger.» Besondere Gemeinsamkeiten stellt der Historiker zwischen ¬Obama und Abraham Lincoln fest: Beide haben ihre politische Laufbahn in Illinois begonnen, beide kamen aus bescheidenen Verhältnissen und wie der «grösste amerikanische Präsident» ist auch ¬Obama Jurist. Stern bezeichnet Lincoln als «Anwalt für öffentlichen Anstand» und erklärt, ¬Obama verkörpere «die gleiche Mischung aus politischem Geschick und historischer Demut, diese stille religiöse Kraft». Der Historiker denkt, dass der zukünftige Präsident «ein besonderes Gefühl für Lincoln hat. Ich glaube nicht, dass es sehr viele Leute gibt, die sich so klar mit dieser amerikanischen Tradi¬tion identifizieren und sie verstehen. Das kommt bei Obama sehr stark heraus.»


