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9. Dezember 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 12 Ausgabe: Nr. 12 » December 8, 2008

Die Geister des Hauses

Von Ines Wenzel, December 8, 2008
Die Chefredakteure Manfred George und Hans Steinitz prägten den aufbau in der Tradition eines berlinischen Journalismus.
JOHN F. KENNEDY AM BERLINER BRANDENBURGER TOR, 1963 Der aufbau wurde zum Blatt der Versöhnung, zu einer Brücke zwischen Amerika und Europa

Unser aller Tagebuch», hat Hans Habe die Bedeutung des aufbau umschrieben. Und so ist der aufbau die Geschichte seiner Leser und Macher, seiner Mitarbeiter und Autoren – und seiner Chefredakteure, die dem Blatt im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten ihren Stempel aufdrückten. Zwei Chefredakteure hatte der aufbau in seinen wohl erfolgreichsten Jahren: Manfred George und Hans Steinitz.
Manfred George leitete den aufbau ein ganzes Vierteljahrhundert lang von 1939 bis 1965 und ist als «Mr. aufbau» untrennbar mit der einzigartigen Erfolgsgeschichte des Emigrantenblattes verbunden. Hans Steinitz, als prägende Kraft hinter dem aufbau weniger gewürdigt, hatte den Chefredakteursposten von 1966 bis 1986 – immerhin für weitere zwei Jahrzehnte – inne. Somit waren sie die beiden langjährigsten Chefredakteure des aufbau.
Beide repräsentierten den aufbau in seiner wohl kontinuierlichsten Phase, in der die Ziele und Aufgaben der Zeitung relativ klar umrissen waren. Wenn Hans Steinitz im Vorwort zur ersten aufbau-Anthologie (1972) schrieb, im Rückblick ergebe sich «das Bild einer Gruppe Menschen (…), die sich gemeinsam die Aufgaben stellten (…), ein Werk des Aufbaus, Neubaus und des Brückenbaus zu unternehmen», dann hatte dieses Programm besonders für die «Epoche George/Steinitz» Gültigkeit.

Gemeinsame Herkunft – getrennte Wege

Beide Journalisten, sowohl George als auch Steinitz, stammten aus Berlin, gehörten jedoch jeder einer anderen Generation an: George war 1893 geboren, erlebte das Wilhelminische Reich, den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik und ihren Zusammenbruch: Als er 1933, von seinem Arbeitsplatz in der Redaktion des Ullstein’schen Abendblattes «Tempo» vertrieben, in die Tschechoslowakei emigrierte, war er bereits 40 Jahre alt, politisch in diversen Organisationen engagiert, wenn auch nicht unbedingt auf eine Partei festgelegt, und blickte auf eine abwechslungsreiche Karriere als Theaterkritiker und Journalist der Weimarer Massenpresse zurück, die ihn in ihrer Mischung aus seriösem Kultur- und sensationsheischendem Unterhaltungsjournalismus besonders geprägt hatte. Steinitz war Jahrgang 1912 und erst 21 Jahre alt, als er im Frühjahr 1933 gewaltsam aus dem Hörsaal und aus Deutschland vertrieben wurde. Da ihm die Beendigung seines Studiums verwehrt wurde, ging er nach Basel. Nach der Inhaftierung in einem Konzentrationslager ging er nach Paris, wo er als Sportreporter bei einer grossen französischen Abendzeitung journalistische Erfahrungen sammelte. Erst nach seinem Umzug nach New York im Jahr 1947 arbeitete er als Berichterstatter nicht nur für Schweizer, sondern auch für deutsche Zeitungen, darunter den Springer-Auslandsdienst und die «Berliner Morgenpost», die ab 1952 wieder unter ihrem alten Namen erschien.
Sowohl George als auch Steinitz hatten übrigens einen Doktortitel, aber beide ¬hatten ihre akademischen Pfade nicht weiterverfolgt, sondern waren aus leidenschaftlicher Überzeugung Journalisten geworden. Dabei versuchten sie stets, ihre persönlichen Interessen nicht ganz aus den Augen zu verlieren.

Journalisten aus Leidenschaft

Hans Steinitz etwa, bekannt für seine Reiseleidenschaft, veröffentlichte im aufbau vom März und April 1979 eine Artikelserie mit dem Titel «Die Eroberung des siebten Erdteils» über die Fahrt des Expeditionsschiffes Curtiss, an der er – eingeladen von der US-Navy aus Anlass «des physikalischen Jahres» – teilnahm. Diese Berichte vom antarktischen Hochsommer, von Schneestürmen und vulkanischen Rauchfahnen und von Forscherpionieren, sind wohl eher für Steinitz' Entdeckungslust und Begeisterung aussagekräftig als für das redaktionelle Programm des aufbau.
Manfred Georges Leidenschaft galt der Literatur, und dies spiegelte sich ebenfalls sehr deutlich in den Seiten des aufbau unter seiner Ägide wider: Er, der «vor 1933 nicht nur Journalist, sondern auch Schriftsteller gewesen» war, wie er es selbst beschrieb, öffnete das ehemalige Vereinsblättchen für die literarische Emigration: Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank, Yvan Goll, Hermann Hesse, Erika, Klaus und Thomas Mann, Hermann Kesten, Franz Werfel, Carl Zuckmayer und viele weitere berühmte Schriftsteller veröffentlichten im aufbau. Und wenn sie dabei ihre Exilerfahrung problematisierten und über Fremde und Entwurzelung schrieben, so war dies ein Statement, das im Gegensatz zur offiziellen redaktionellen Linie der Zeitung stand. Schliesslich konterkarierte die Perspektive dieser Schriftsteller in ihrem «Blick nach Deutschland» den optimistischen Blick nach vorne, in die neue Heimat Amerika, den der «aufbau – The Paper for the Americanization of the Immigrants» sonst demonstrierte.
Ein weiteres persönliches Faible, das sich in vielen eigenen Beiträgen Manfred Georges niederschlug, war die fürs Theater, den Hollywoodfilm und den Kriminalroman. Viele Film-, Theater- und Buchrezensionen im aufbau kamen aus seiner Feder. Seine Ausflüge ins seichtere Fach waren ein Fünkchen Normalität im aufreibenden Tagesgeschäft eines Chefredakteurs, der sein Blatt und die Emigranten stets vor den Angriffen aus diversen politischen Lagern und Interessengruppen bewahren musste. Wie schwierig es war, sich in diesem komplexen Interessengeflecht zwischen amerikanischer Öffentlichkeit und Regierung, dem alteingesessenen amerikanischen Juden- und Deutschtum oder auch den verschiedenen Lagern der Emigration zu behaupten, zeigte sich vor allem in Georges politischen Kommentaren «Zur Lage», die ihm den Vorwurf der politischen Standpunktlosigkeit einbrachten.

Eine Zeitung mit Berliner Charakter

Hans Steinitz konnte – im Gegensatz zu George und zu vielen aufbau-Mitarbeitern – nicht auf journalistische Erfahrungen in einem der grossen Berliner Zeitungsverlage der Weimarer Republik zurückgreifen. Und dennoch war er ein grosser Verfechter des «berlinischen» Journalismus, in dessen Tradition er den aufbau stellte. In dem Heft «Der ‹aufbau›. Eine Berliner Zeitung für Deutsche in den USA», 1989 erschienen in der Schriftenreihe «Berliner Forum», formulierte Steinitz einen Lobgesang auf die journalistischen Traditionen der Verlage Mosse und Ullstein – etwas, dessen man sich zu Manfred Georges Zeiten, zumal als Jude, eher geschämt hätte. Steinitz hingegen sah Manfred George in der Tradition eines Leopold Ullstein als das, was er den «Geist des Hauses» nannte, einen «patrizischen Geist», der in seinen Zeitungen «nicht nur ein gutes Geschäft» erblicke, sondern ein «Zugehörigkeitsgefühl» mit ihnen entwickle und eine «bestimmte ethische Höhe zu erklimmen» suche, «ein weltstädtisches Niveau», das die Ansprüche des gehobenen Bürgertums mit denen des kleinen Mannes verbinde.
Genau dies, den aufbau durch eine besondere inhaltliche Vielfalt und für breite Lesergruppen attraktiv zu machen, war Manfred Georges grosse Leistung gewesen. Das hatte Steinitz gut erkannt: Es war vielleicht weniger das schreiberische Talent oder die Fähigkeit zu politischer Analyse, die seinen Vorgänger auszeichnete, sondern vielmehr das, was ihn die «Berliner Schule» gelehrt hatte: Flexibilität, Pragmatismus und ein Gespür für die Bedürfnisse der Leserschaft. So war es Manfred George gelungen, zu einer Integrationsfigur zu werden und den aufbau zu einer Art «Sammelpunkt der Immigration» zu machen, wie es Albert Einstein 1944 anlässlich des 10. aufbau-Jubiläums ausdrückte.

Kontinuität über Generationen hinweg

Zielgruppenübergreifend eine attraktive Zeitung zu machen und stets qualitativ gute Informationen zu liefern – mit diesen Zielen stellte sich Steinitz später auch selbst in die berlinische Tradition, als er 1966 nach dem Tod Manfred Georges im Dezember 1965 die Chefredaktion übernahm. Rückblickend schrieb Steinitz über seine neue Aufgabe beim aufbau: «Den von Manfred George hinterlassenen ‹Berlinismus› des ‹aufbau› behielt (ich) sehr entschlossen bei, insbesondere das, was wir ‹den Geist des Hauses› genannt haben, worin (ich) von den Funktionären des ‹New World Club› (...) wirksam unterstützt wurde.»
Dennoch markierte der Wechsel auf dem aufbau-Chefsessel einen Generationswechsel. War die Auflage bis in die sechziger Jahre hinein zahlenmässig konstant geblieben, so begann nun die angestammte aufbau-Leserschaft zu bröckeln. Die Nachfolger der ersten Emigrantengeneration waren ganz in den USA angekommen, sprachen vielfach kein Deutsch mehr und wichen mehr und mehr auf andere amerikanische oder jüdische Presseorgane aus. In den Augen von Steinitz war das ein Zeichen dafür, «dass die Reconstruction-Phase der Emigration beendet war, und zwar erfolgreich». Entsprechend gehörte es zu seinen ersten Amtshandlungen, aus dem Titel «aufbau» den Untertitel «Reconstruction» zu entfernen. Ein weiterer Schritt mit dem Ziel, die Zeitung auch für nachfolgende Generationen attraktiv zu machen, war ihre Öffnung für gesellschaftspolitische Themen aus aller Welt – schwerpunktmässig bestand allerdings das alte inhaltliche Themendreieck «USA, Deutschland, Israel» weiter.
Entscheidend in den sechziger Jahren war, dass sich die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland einerseits und dem aufbau und seinen Lesern andererseits nach einer langen Phase der Skepsis und vorsichtigen Wiederannäherung langsam normalisierten. Schon bevor Hans Steinitz in die Redaktion eingetreten war, hatte der aufbau im März 1963 eine Sonderausgabe zu Berlin herausgebracht, die von der deutschen Presse viel beachtet wurde. In dieser Zeit wurde der aufbau zu einer wichtigen Informationsquelle für Politiker und andere Offizielle in der Bundesrepublik. In einem Artikel von Manfred George, der unter dem programmatischen Titel «Eine Zeitung als Brücke über den Atlantik» in der «Welt» vom 23. März 1965 erschien, hiess es: «So ist der ‹aufbau› von einem Kampfblatt zu einem Blatt zwar nicht des Vergessens, wohl aber der Versöhnung geworden, zu einer Brücke zwischen den Kontinenten, die den Amerikanern Europa (und insbesondere Deutschland) und den Europäern (und insbesondere den Deutschen) das jeweilige Geschehen ‹auf der anderen Seite› zu erklären versucht.» Immer deutlicher betätigte sich der aufbau als Brückenbauer zwischen deutschen und amerikanischen Juden – und unter Steinitz auch im Israel-Konflikt. Er beobachtete und berichtete über die Entwicklungen in Deutschland, positiv wie negativ: Neonazistische und fremdenfeindliche Tendenzen wurden auch von Steinitz deutlich benannt. Und als die Lage in Israel 1967 mit dem Sechs-Tage-Krieg eskalierte, bezog er in seinem Artikel «Hilfe für arabische Flüchtlinge» am 7. Juli 1967 dezidiert Position. In diesem Punkt war er wie sein Vorgänger George ganz Gesinnungsjournalist: Der aufbau war eben kein Nachrichtenblatt, sondern eine kommentierende Wochenzeitung.

Neue Existenz geschaffen

1968 initiierte aufbau-Chefredakteur Steinitz zusammen mit dem damaligen Pressesprecher des Berliner Senats ein Besucherprogramm, in dem ehemalige Berliner Juden, die aus Hitler-Deutschland vertrieben worden waren, zu einem ein- bis zweiwöchigen Besuch nach Berlin eingeladen wurden. In seinen Seiten und in einer Sonderausgabe für Israel startete der aufbau einen Aufruf und verhalf dem Programm zu einem so grossen Erfolg, dass die Nachfrage bald das praktisch Machbare überstieg. Das aufbau-Besucherprogramm machte Schule, und viele andere Städte in der Bundesrepublik folgten dem Beispiel und luden ebenfalls Emigranten in ihre alte Heimat ein. Rückblickend bezeichnete Steinitz das Besucherprogramm als «vielleicht die grösste, aber jedenfalls eine der grössten Taten in der Geschichte des ‹aufbau›». Dies mochte etwas unbescheiden wirken und vielleicht auch nicht ganz richtig sein, machte jedoch deutlich, dass es in seinem ganz persönlichen Interesse lag, die Brücken nach Deutschland und in seine Geburtsstadt Berlin zu schlagen. Das gleiche hatte jedoch auch für Manfred George gegolten, selbst wenn dessen Haltung gegenüber dem jungen demokratischen Deutschland anfänglich sehr kritisch und abwartend gewesen war. Auch George hatte schon in den fünfziger Jahren auf mehreren Deutschlandreisen und bei Aufenthalten in Berlin sowie nicht zuletzt in seiner journalistischen Arbeit für deutsche Tageszeitungen die Hand in die alte Heimat ausgestreckt. Wenn auch eine etwas vorsichtige Stimme der Versöhnung, so wurde Manfred George auf seinen Berlin-Besuchen von den Berlinern als einer der ihren begrüsst und von seinen Kollegen in den Spalten der Berliner Presse gefeiert. 1963 würdigte die «Berliner Morgenpost» Manfred George und Hans Steinitz in einem Atemzug – ohne vorauszusehen, dass der eine den anderen in seiner Position als Chefredakteur des aufbau beerben würde. Sie nannte beide als deutsche Juden und Berliner, die erfolgreich ein Leben in den USA begonnen und sich eine neue Existenz geschaffen hatten – und zwar in einer Reihe mit Albert Einstein, Lion Feuchtwanger, Kurt Pinthus und Carl Misch.     ●


Ines Wenzel ist Journalistin und lebt in Berlin.





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