Wenn der Weg das Ziel ist
London-Paris-Venedig. Drei Metropolen. Doch diesmal stehen die Wege dazwischen im Vordergrund. Landschaften, Wahrnehmungen, Zeit. Das gemächliche Fahren durch Täler, Tunnels, Schluchten, vorbei an Flüssen, Seen, vom Atlantik zur Adria, durch den wunderbaren Herbst Mitteleuropas. Der Blick nach draussen vereint sich mit der Seele, ruhend im Rhythmus der Räder. Täcktäck, täcktäck. Und die Gedanken werden frei, befreit. In einer Zeit, da Reisen effizient, rasch und wenig romantisch geworden ist, lehrt der Orient-Express wieder die alten Tugenden des Reisens: Erfahren, erkennen, erleben.
Mit dem Zug ein Ziel er-fahren
Ja, einst war Reisen mehr als Transport, mehr als schnelle Bewegung, Effizienz und minutengenaue Anfahrt. Einst war Reise Einkehr, Ruhe, sinnliches, besinnliches Erfahren und Erfahrung der Veränderung, die Einstellung auf den Ort. Der Orient-Express war einst und ist wieder zum Reiseraum der gediegenen Art geworden. Und als ob es selbstverständlich wäre, führt er heute fast unbemerkt durch das vereinte Europa. Grenzposten sind nur noch Erinnerungspunkte an einst, da Grenzenstationen mehr als die geografische Linienziehung zwischen Ländern waren. Die Fahrt geht diesmal nach der Durchfahrt durch den Kanal und Umsteigen in den Orient-Express von Calais über Paris, Bern, Innsbruck, Bozen, Verona bis Venedig. Zwei Tage, eine Nacht. Höhepunkt ist das Dinner im Smoking in einem der klassischen Restaurantwaggons. Fünf-Sterne-Küche der feinsten Art. Luxus ohne Dekadenz, Savoir vivre mit Stil, das seinen Preis hat. Das Doppelabteil kostet alles inklusive von 3000 Franken an aufwärts. Der Service allerdings ist auf höchstem Standard. Personal und Zugbegleiter erfüllen den Gästen rund um die Uhr alle Wünsche und machen den Aufenthalt im Zug zum unvergesslichen Erlebnis.
Nostalgie in der Gegenwart
Die Orient-Express-Gruppe hat die Nos¬talgie in die Gegenwart geholt und den Zeitgeist getroffen. Keine Maskerade oder Touristenattraktion. Nein, es geht um die feine Art des individuellen Reisens, um das Erfahren einer Zieldestination. Die Reiserouten London–Venedig und einmal pro Jahr London–Istanbul über Budapest und Bukarest sind oft Monate im Voraus ausgebucht. Reisende sind – entgegen den oft gehörten Klischees – Kulturreisende, viele Engländer und Franzosen, darunter nicht wenige Familien mit Kindern, Liebespaare oder ältere, die Feste oder Hochzeitstage feiern. Wie jenes Ehepaar am Tisch beim Abenddiner nach Reiseantritt in Paris, Mitte 50, aus Frankreichs Süden, er viel gereister Gewürzunternehmer, sie Mutter und Hausfrau, die ein Wochenende zum 30. Hochzeitstag im Paris verbrachten. Er überraschte seine Gattin am Bahnhof mit der Traumreise im Orient-Express nach Venedig, wo noch zwei Tage in einem Hotel angehängt werden. Oder jene allein stehende Frau, die sich zum Geburtstag die Reise schenkte. Nach dem exzellenten Dinner geht's in die Piano-Bar, wo bis lange in die schwarze Nacht irgendwo in der Mitte Frankreichs bei einem Glas Whiskey oder Champagner gesprochen und sinniert wird. Die gehobene Unterhaltung mit Menschen, die etwas zu erzählen haben. Bewegende Biografien und Menschen, für die das Reisen längst Teil des Lebens geworden ist. Das Abenddiner ist der Mittelpunkt der Reise. Die Gäste kleiden sich klassisch, viele mit Garderobe aus den zwanziger bis fünfziger Jahren. Die Herren meist im Smoking. Viele zelebrieren die Reise, einige kommen jedes Jahr wieder aufs Neue. Es sind Begegnungen der anderen Art in idyllischer Atmosphäre.
Zeitlos stilvoll
Mit Sonnenaufgang irgendwo in der Schweiz beginnt der Tag, Frühstück im Zimmerabteil, dazu die internationalen Zeitungen auf Wunsch. Dann Ruhe. Mittagessen. Und am Nachmittag zwei Stunden vor Einfahrt nach Venedig der obligate Nachmittagstee mit Kuchen in der Kombüse.
Im Zeitalter von Hochgeschwindigkeitszügen verschwinden Details, hat Reisen das verloren, was es einst ausmachte. Der Weg und die Erfahrung waren einst ebenso wichtig wie die Ankunft. Und so ist das Reisen im Orient-Express bereits Teil der Erholung. Mit dem Einchecken beginnt ein anderer Lebensrhythmus. Was auf den ersten Blick wie eine Zeitreise in die Vergangenheit aussieht, wird mit Betreten der Züge authentisch. Klassisch, mit edelsten Materialen ausgestattet und stets in Stand gehalten, präsentieren sich die 17 Waggons, darunter drei Speisewagen sowie ein Waggon mit Piano-Bar.
Der Mythos überholt den Zug
Der Orient-Express war stets auch Inspiration für Literaten und die Filmbranche. Alfred Hitchcock drehte da «Eine Dame verschwindet», Terence Young den James-Bond-Streifen «Liebesgrüsse aus Moskau», Herbert Ross «Kein Koks für Sherlock Holmes». Doch mit «Mord im Orient-Express» nach dem gleichnamigen Roman von Agatha Christie schuf im Jahre 1974 Sidney Lumet mit einem Staraufgebot (Albert Finney, Richard Widmark, Vanessa Redgrave, Anthony Perkins, Jacqueline Bisset, Michael York, Ingrid Bergman, Lauren Bacall, Denis Quilley, Sean Connery, Jean-Pierre Cassel, John Gielgud, Martin Balsam, Wendy Hiller) jenen Film, der bekannter werden sollte als das Objekt selbst, und er begründete einen geheimnisvollen Mythos um den Zug. Als der Orient-Express auf der Fahrt von Istanbul nach Wien in einer Schneeverwehung stecken bleibt, geschieht ein furchtbarer Mord. Ein reicher amerikanischer Industrieller wird mit zwölf Messerstichen getötet. Glücklicherweise befindet sich unter der noblen Reisegesellschaft der belgische Meisterdetektiv Hercule Poirot, der nach und nach alle Passagiere des Abteils einem Verhör unterzieht und dem Mörder so auf die Spur kommt. Sidney Lumet inszenierte den Kriminalklassiker von Agatha Christie mit einem hochkarätigen Staraufgebot. Sechs Oscar-Nominierungen waren der Lohn; Ingrid Bergman gewann die Trophäe zum dritten Mal in ihrer Karriere. Der Film machte den Orient-Express unsterblich. Zumindest in den Köpfen der Menschen. Denn längst waren die legendären Waggons in alle Welt verkauft worden und gammelten vor sich hin (vgl. Kasten).
Was blieb, war der Mythos. Und die Sehnsucht. Was im 19. Jahrhundert seinen Anfang nahm, als die Eisenbahngesellschaften mit der Erschliessung Europas das Reisen und ganze Gesellschaften veränderten, mündet heute in der Rückbesinnung auf gediegenes Reisen mit einem kulturellen Anspruch. Bei jeder Fahrt in den legendären Waggons fahren Geschichten, Legenden, grosse Namen wie Winston Churchill, Gracia Patricia oder Liza Minelli und die Aura des alten Europa mit. Romantischer Schlusspunkt ist nach dem Nachmittagstee mit Kuchen die Anfahrt über Verona nach Venedig. Die Zugbegleiter verabschieden die Gäste. Auch das Ehepaar, das seinen Hochzeitstag beging, und die Dame, die sich die Reise zum Geburtstag schenkte, verlassen beeindruckt den Zug und werden direkt zu ihren Hotels irgendwo im Zentrum Venedigs gebracht. Vorher die Abschiedsworte der überraschten Gattin: «Die Reise zum Hochzeitstag war schöner als die Hochzeit selbst.» Was will der Mann mehr als die Erkenntnis, dass Träume doch noch wahr werden können.


