logo
5. Dezember, 2008, Beilage savoir vivre Ausgabe: Nr. 49 » December 4, 2008

Israelische Weine stehen hoch im Kurs

von Katja Behling, December 4, 2008
Koscherweine gehören weltweit seit einigen Jahren zu den Spitzenprodukten auf dem Markt.

In seinem «kleinen genialen Weinführer 2009» räumt Stuart Pigott mit ein paar der am weitesten verbreiteten Missverständnissen zum Thema Weintrinken auf: Laut Pigott trifft es nicht zu, dass grundsätzlich nur alte Rotweine wirklich gross sind, dass Rotwein grundsätzlich besser und wichtiger ist als Weisswein, dass süsser Wein minderwertiger ist als trockener, dass französische und italienische Weine die besten sind, dass junge Weissweine bekömmlicher sind als ältere. Und dass nur Männer etwas von Wein verstehen. Die Welt des edlen Rebensaftes sei eben nicht eine Wissenschaft für sich, wie so oft behauptet. Es zähle eigentlich vor allem eines: dass der Wein schmeckt. Es gelte daher, sich von ein paar Weinregeln zu befreien, einschliesslich der, dass es auf den Jahrgang ankommt. Tatsächlich halten Sommeliers die Angabe des Winzers auf dem Etikett für die wichtigste, denn weder aus Lage, Jahrgang noch aus dem Alkoholgehalt kann man so viele Rückschlüsse ziehen wie aus der Philosophie und Einstellung des Erzeugers.
Die Weinqualität steht und fällt mit dem Produzenten, der für die Entstehung des Weins verantwortlich ist. Dies gilt natürlich vor allem dann, wenn es sich um koscheren Wein handelt. Im Zusammenhang mit Wein und Weinproduktion sind die jüdischen Regeln besonders streng, denn im Judentum, wie auch in der christlichen Religion, wird Wein für religiöse Zwecke verwendet. Bei fast jeder Zeremonie wird ein Segen auf den Wein gesprochen. Doch auch unter nicht jüdischen beziehungsweise nicht religiösen Weinfreunden erfreut sich Koscherweine seit etwa drei bis fünf Jahren steigender Beliebtheit. Bio? Öko? Functional food? Solche Produkte liegen seit Jahren im Trend, einen Boom aber erlebt der Markt für garantiert koschere Produkte, die schon seit Jahrtausenden hergestellt werden. Oder wenigstens seit vielen Jahrzehnten, wie im Falle einiger Produzenten und Händler von koscherem Wein etwa in Österreich. Das Unternehmen Hafner Weine war lange Zeit einziger Koscherweinhersteller Österreichs. Die koscheren Tropfen wurden bei internationalen Weinprämierungen mit Gold- und Silbermedaillen ausgezeichnet, so der Welsch¬riesling 2002 und der Zweigelt Barrique 1997 und der Zweigelt Barrique 2002. Das Haus hat auch koscheren Weinbrand und Grappa im Sortiment. Auch das Weingut der Familie Wohlmuth gehört zu den renommiertesten österreichischen Produzenten koscheren Weins. Seit 1803, also bereits seit zwei Jahrhunderten, ist der Name Wohlmuth ein Garant für hervorragende Qualität aus der sonnigen Südsteiermark. Auf deren steilen Südhängen gedeihen einige der besten Weissweine des Landes, hochwertige Trauben, die im Rahmen der koscheren Herstellung streng nach den Glaubensvorschriften des Rabbinats önologisch verarbeitet werden.

Koschere Weine

Sobald die Trauben geerntet sind, beginnt eine besondere Kontrolle. Als koscher gelten Weine, die unter der Aufsicht eines Rabbiners produziert werden. Entscheidend ist der Grundsatz, dass mit Beginn der Traubenpressung bis zur Abfüllung des Weins niemand, der kein strenggläubiger Jude ist, den Wein, die Fässer und Tanks, die Schläuche, also alles, was mit dem Wein in Kontakt kommt, berühren darf. Wenn Winzer und Weingutsbesitzer keine strenggläubigen Juden sind, bedeutet das, dass sie ihren eigenen Wein, solange er nicht auf der Flasche ist, nicht anfassen dürfen. Der Rabbiner muss dem Winzer und den Mitarbeitern des Weingutes gewissermassen auf die Finger schauen, um zu garantieren, dass nur Männer, die den Schabbat halten, an der Produktion des Weines beteiligt sind; dass alle Geräte, die zur Wein¬erzeugung verwendet werden, sauber und steril sind, damit keine fremden Substanzen in der Tiefe der Gefässe versteckt bleiben; dass alle Materialien, die bei der Produktion von Wein verwendet werden, zum Beispiel Behandlungs- und Filtermaterial, Fässer und Schläuche, als koscher akzeptiert werden können und keine tierischen Stoffe enthalten. Hinzu kommen weitere Regeln, etwa was den Zeitpunkt der Ernte und Düngevorschriften betrifft. Ist sich der die Aufsicht führende Oberrabbiner sicher, dass alle Forderungen erfüllt sind, erhält der Wein das Siegel des Rabbinats, den jede Flasche Koscherwein an Kapsel und Etikett trägt. Israelische Weine profitieren naturgemäss stark von der verstärkten Nachfrage nach koscheren Produkten. Weinversand- und Handelshäuser haben gute Tropfen im Angebot und bieten häufig auch Weine aus Libanon an, für die sich die Konsumenten ebenfalls verstärkt interessieren. Im Norden Israels an der Grenze zu Libanon liegt das Anbaugebiet Galiläa, im Nordwesten erstrecken sich die Golanhöhen, in der Mitte das Judäische Bergland – in Israel, einem eher kleinen Weinbauland ohne ausgedehnte Rebflächen, sind die Weinberge über das Land verteilt.
Auch in der Negev-Wüste wird seit einiger Zeit Wein angebaut. Die klimatischen Verhältnisse dort, die heissen Tage und kalten Nächte in Kombination mit der Trockenheit, schützten die Trauben vor Pilzbefall und machen sie widerstandsfähig. Geschmacklich schlägt sich das in markanter, herber Würzigkeit nieder. Derzeit gilt beispielsweise der Jerusalem Kosher Chardonnay 2007 als guter Jahrgang eines israelischen Weins: «Helles Grüngelb. In der Nase zart nach Steinobst. Am Gaumen kraftvoll, geradliniger Stil, feiner Holztouch, ausgewogener Körper, bleibt im Abgang gut haften, besitzt Entwicklungspotenzial. Mewuschal», so die Experten. Mewuschal-Weine sind vor allem in den USA stark gefragt, wo etwa die Firma Arbabanel Kosher Wines koschere Produkte vertreibt. Da gerade im Ausland häufig Nichtjuden für den Ausschank des Weins zuständig sind, der offene Wein aber, in dem Moment, in dem ihn ein Nichtjude berührt, seine Eigenschaft, koscher zu sein, verliert, werden eben Mewuschal-Weine gekauft. Der Mewuschal-Wein, der «gekochte» Wein, wird kurze Zeit sehr stark erhitzt, wodurch er auch dann koscher bleibt, wenn ein Jude, der den Schabbat nicht einhält, ihn kredenzt.

Wein aus Israel

Israel ist eines der ältesten Weinbauländer der Welt. Archäologische Funde alter Kelteranlagen können auf weit vor das dritteJahrtausend vor unserer Zeitrechnung zurückdatiert werden. Der Islam verbietet den Anbau von Trauben zur Herstellung von Wein, und weil die Gegend von Israel mehr als 1000 Jahre unter islamischer Herrschaft stand, hat sich dort erst in neuerer Zeit eine moderne Weinbaukultur entwickelt. Es war kein Geringerer als der berühmte französische Baron Edmond de Rothschild, der Ende des 19. Jahrhunderts den Plan verfolgte, wieder koscheren Wein im Gelobten Land zu keltern. Als Besitzer des Château Lafite in Bordeaux verfügte Rothschild über ausgezeichnete Trauben, die bei Weinkennern hoch im Kurs standen. Doch die vielen jüdischen Gemeinden in aller Welt tranken nicht seinen teuren Lafite, sondern fragten nach koscherem Wein. Und so investierte der Baron in eine der ersten Weinbausiedlungen im damaligen Palästina. Daraus entwickelte sich die noch heute grösste Kellerei Israels, die Carmel Winery. Heute sind mehr als 95 Prozent der israelischen Weine koscher. Gerade weil aber koschere Weine lange Zeit in erster Linie zu sakralen Anlässen getrunken wurden, kam es auf die Güte und den Geschmack des heiligen Tropfens eher weniger an. Erst ab etwa 1980 verbesserte sich die Qualität.
Diese Qualitätsoffensive erfasste breite Kreise des israelischen Weinbaus und führte dazu, dass viele Traubenanbauer eigene Boutique-Weingüter gründeten. Auf Massenertrag zielende Rebsorten wie French Colombard, Argaman und Petite Sirah wurden durch moderne, internationale und höherwertige Rebsorten ersetzt. Heute wachsen Trauben vor den Sorten Cabernet Sauvignon, Chardonnay und Merlot, aus denen hervorragende Weine gekeltert werden. Diese Boutique-Weingüter, die nicht unbedingt koscher produzierten, inspirierten dann auch die koscheren Erzeuger dazu, ihre Weine den höchsten Standards anzupassen. Heute wird die Qualitätsspitze sowohl von koscheren wie auch von nicht koscheren Weinen gestellt und von zahlreichen Winzern hergestellt. Auch in den letzten Jahren gab es Neugründungen. Das Weingut Recanati etwa wurde im Jahr 2000 von einer Gruppe von Weinfreunden um den israelischen Bankier Lenny Recanati gegründet. Speziell dem Weingut Margalit und seinem Gründer Yair Margalit, einem promovierten Chemiker mit einer grossen Leidenschaft für Weine, ist die heutige Vielfalt israelischer Weine zu verdanken. Im Jahr 1989 öffnete er das erste wirtschaftlich stabile kleine Boutique-Weingut des Landes. Heute produzieren Yair Margalit und sein Sohn Asaf Weine aus zwei Anbaugebieten. Im oberen Galiläa bauen sie Cabernet Sauvignon und Merlot an, bei Binyamina wächst ein Cabernet Franc. Aus diesen drei Sorten kombiniert Margalit seinen preisgekrönten Bordeaux Enigma. Die überschaubare Produktion von 20 000 Flaschen im Jahr machen die Margalit-Weine zu begehrten, weil stark limitierten Bestsellern. Und zu einem ganz besonderen Geschenk.





» zurück zur Auswahl