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5. Dezember, 2008, Beilage savoir vivre Ausgabe: Nr. 49 » December 4, 2008

Das Streben nach Wohlstand und Glück

von Valerie Doepgen, December 4, 2008
Heute erleben wir die grösste Dichte an Reichtum, die es jemals gegeben hat, es gibt immer mehr «Superreiche». Dies sagt Thomas Druyen, der die weltweit einzige Professur für vergleichende Vermögenskultur am Zentrum für Vermögensforschung an der Sigmund-Freud-Universität in Wien innehat.
EINE TOILETTE AUS GOLD Dieser Luxusort in Hong Kong ist knapp fünf Millionen Dollar wert

Nach dem Modell der Vermögensforschung von Thomas Druyen ist eine Person reich, wenn sie gut von der Rendite ihres eigenen Vermögens leben kann: «Dafür veranschlagen wir etwa drei Millionen Euro», so der Soziologe, der sich wissenschaftlich eingehend mit den sogenannten Superreichen beschäftigt. Sehr reich ist seiner Ansicht nach jemand, der 30 Millionen Euro besitzt; ab 300 Millionen gelten die Menschen als «superreich». Aufwärts sind dem Vermögen der Superreichen keine Grenzen gesetzt, und tatsächlich gibt es immer mehr Milliardäre – weltweit sind es rund 1250, allein in der Schweiz sollen 140 Milliardäre leben, in Deutschland etwa 130. Vor dem Hintergrund einer Weltbevölkerung von 6,5 Milliarden Menschen ist dies eine überschaubare Zahl, und dennoch gab es nach Druyen «noch nie so viel Geld». Die wenigen wirklich reichen Menschen besitzen zusammen so viel Geld wie viele Dutzende Länder zusammen. Egal, aus welchen Ländern die Superreichen kommen, ihnen ist offenbar neben ihrem Reichtum vor allem gemein, dass sie sich als Weltbürger verstehen und in ihrem privaten Lebensstil oftmals ähnliche Neigungen etwa für zeitgenössischer Kunst, Privatflugzeuge oder grosse Jachten haben.

Der Unterschied zwischen reich und vermögend

Wer bis zum heutigen Tag die Adjektive «reich» und «vermögend» miteinander gleichgesetzt hat, der irrt. In der Forschung werden beide Begriffe klar getrennt, denn der «reiche» Mensch ist noch lange nicht «vermögend». So steht Reichtum allein für das finanzkräftige Fundament einer Persönlichkeit, Vermögen aber steht vielmehr für Verantwortungsgefühl und den Willen, die gesellschaftliche Entwicklung mitzugestalten. Die prominentesten Beispiele superreicher und vermögender Menschen sind David Rockefeller, Warren Buffett oder Bill Gates. Die Spende von 32 Milliarden Dollar von Buffett an die Gates-Stiftung ist legendär. Nach Druyen ist die Verwandtschaft des so verstandenen Begriffs «Vermögen» mit dem bekannteren Begriff «Partizipation» offensichtlich: Nur wer sich auch gesellschaftlich engagiert und sich – beispielsweise durch Philanthropie – für das allgemeine Wohlergehen einsetzt, darf sich selbst also als «vermögend» bezeichnen. Wer hingegen allein darauf bedacht ist, seinen eigenen Reichtum zu vermehren und für private Luxusgüter auszugeben, der muss sich mit dem Adjektiv «reich» oder auch «superreich» zufriedengeben. Druyen sagt: «Wir wünschen uns, dass mehr Reiche zu Vermögenden werden». Denn nur so, betont der Vermögensforscher, könnten die Finanzierungsprobleme gelöst werden, die zum Beispiel durch demografische Veränderungen entstehen und vom Staat allein nicht gelöst werden könnten. Ebenso appellierte Druyen in der jüngsten Vergangenheit an Unternehmer, hinsichtlich der Finanzkrise für das eigene Handeln (und Versagen) persönlich zu haften.

Geld ist kein Glücksgarant

Der Frage danach, inwieweit Reichtum glücklich macht, sind viele Forscher nachgegangen. Für Druyen ist auch hier wieder das Vermögen ausschlaggebend, denn wer von seinem Reichtum abgeben kann, hat das Gefühl, etwas Gutes und Sinnvolles zu tun – und kann alleine aus diesem Grund auch ein Gefühl von Glück erfahren. Martin Seligman, amerikanischer Professor für Psychologie an der Universität von Pennsylvania, weiss: «Geld ist kein Glücksgarant. Sobald die grundlegenden Bedürfnisse befriedigt sind, hat mehr Geld kaum Auswirkungen auf das Glücks¬erleben.» Studien mit Gewinnern hoher Geldsummen zeigen, dass nach einer kurzen Glückseuphorie der vorherige Glückslevel eher sogar unterschritten wird. Dazu scheint aus der Sicht Seligmans zu passen, dass in internationalen Vergleichsstudien materiell arme Länder im Hinblick auf
das Glücksempfinden ihrer Bevölkerung meist weit vor den der reichen Nationen rangieren.
Dass die Tatsache, das nötige Kleingeld auf dem Konto zu haben und sich auch die schönen Dinge des Lebens leisten zu können, sehr angenehm sein kann, streiten die «Betroffenen» aber auch nicht ab. Dennoch: Die Tücke dieses oft sehr kurzen Glücksgefühls liegt auf der Hand: Bereits kurz nach der Wellness-Kur oder nach dem Kauf des neues Autos ist das Gefühl des Glücks, sich etwas Gutes getan oder geschenkt zu haben, auch schon beendet. Für frische Glücksmomente muss dann etwas Neues her.

Ein positives Lebensgefühl

Reich sein allein macht demnach nicht glücklich und zufrieden – es erhöht allerdings die persönliche Verfügungsgewalt, denn je mehr Geld jemand besitzt, desto unabhängiger kann er leben. Dieser Vorteil schütze aber nicht vor Ängsten, Krankheiten oder seelischem Leid, so Druyen. Er habe bei seinen Forschungen zudem erfahren, dass Menschen nicht aufhören, sich miteinander zu vergleichen und nach «mehr» zu streben. So hat der Professor festgestellt, dass es selbst unter den Superreichen Hierarchien gibt und sich jemand, der 500 Millionen Euro besitzt, durchaus demjenigen gegenüber unterlegen fühlt, der eine Milliarde Euro hat. Die starke Bedeutung des relativen Einkommens für das Glück und die Zufriedenheit der Menschen ist somit eine Erklärung für die zu beobachtende Stagnation des subjektiven Wohlbefindens in entwickelten Ländern. Solange ein Land arm ist, zählen erst einmal die absoluten Bedürfnisse wie Essen und ein Dach über dem Kopf. Doch kaum sind die Grundbedürfnisse abgedeckt, gewinnen soziales Prestige und Status immer mehr an Bedeutung. Die Menschen fangen an, sich mit den übrigen Bürgerinnen und Bürgern ihres Landes zu vergleichen, und verhindern damit einen weiteren Anstieg ihres eigenen Glücksempfindens.
David Myers, Psychologieprofessor am Hope College in Michigan, USA, hat erforscht, dass das persönliche Glück vor allem vom richtigen Lebensgefühl und der Lebenskunst abhängt. So konnte er nachweisen, dass Menschen, denen es – unabhängig von ihrem materiellen Reichtum – gelingt, Frust, Ärger und Angst in positive Gefühle umzuwandeln, fröhlicher leben. Sie verfügen über die Fähigkeit, sich selbst motivieren: «Gewöhnlich lassen sich Menschen nur von Freuden und Spass locken», so Myers. Dies aber mache nicht glücklich. So konnte er zum Beispiel medizinisch nachweisen, dass es frustrierend ist, Probleme zu meiden und sich allein den vermeintlich schönen Dingen zu widmen: «Vierzehn Tage reiner Relax-Urlaub senken die geistige Wachheit und damit die Glücksfähigkeit um 20 Prozent», weiss der Psychologe. Die persönlichen Bedürfnisse und die der Mitmenschen vor lauter Konsumstreben und der Maximierung des eigenen Reichtums nicht aus dem Auge zu verlieren sei von Bedeutung, denn Wohlstand garantiere keinen Seelenfrieden. Ein Patentrezept für die richtige Balance scheint es aber nicht zu geben, da jedes Individuum sein persönliches Glück – oder sein persönliches Unglück – anders empfindet. Und ganz unrecht scheint auch der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki nicht zu haben, wenn er sagt: «Geld allein macht nicht glücklich, aber es ist besser, in einem Taxi zu weinen als in der Strassenbahn.»





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