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5. Dezember, 2008, Beilage savoir vivre Ausgabe: Nr. 49 » December 4, 2008

Das Jogurt, das zur Glace wurde

December 4, 2008
In den achtziger Jahren kauften sich Einheimische und Touristen in Israel an heissen Sommertagen ein Frozen Yoghurt, in den Neunzigern kamen frisch gepresste Fruchtsäfte in Mode. Heute stehen die Tel Aviver für ein saures Naturjogurt Schlange.
EIN NATURJOGURT WIRD ZUM LIFESTYLE-DESSERT Bei Tamara kann man aus 36 verschiedenen Toppings auswählen

An der Ben-Jehuda-Strasse 96 in Tel Aviv sieht man sie jeweils schon von Weitem anstehen, die Alten und die Jungen, Mütter und Kinder, Studenten und Rentner. Im Juli erst haben Moshe Nuri und Kobi Chiel ihre Jogurt-Bar Tamara eröffnet und bereits eine feste Stammkundschaft aufgebaut, die für ein bisschen Naturjogurt mit Garnierung, so scheint es, manchmal bis zu 30 Minuten ansteht. «75 Prozent unserer Gäste sind Stammkunden», erzählt Kobi Chiel. «Unser süss-saures Naturjogurt hat weniger Kalorien als ein herkömmliches Eis und ist viel leichter verdaulich», so der 34-Jährige.
Tatsächlich schmeckt die leicht säuerliche Mischung aus Naturjogurt und Milch, die mit 36 verschiedenen Toppings, darunter diversen frischen Früchten, Müesli, Schokoladenchips oder Mini-Merengue, verziert werden kann, wohltuend anders. Das genaue Rezept für die weisse, glace-ähnliche Jogurt-Masse will Kobi allerdings nicht verraten. Zu Tamara kommen die Kunden zum Frühstück, zwischendurch oder weil sie sich nach dem Abendessen ein «gesundes» Dessert gönnen wollen. Um 13 Uhr sitzen zwei junge Frauen an den Barhockern vor dem Laden und löffeln ihre Jogurtberge mit Schokoladensauce und Kiwistücken. «Das ist eigentlich unser spätes Frühstück, ein Mittagessen ersetzt das hier nicht», sagen sie. Vor allem abends sei hier die Hölle los, erzählt Chiel, der selber zwei- bis dreimal am Tag einen Becher hauseigenes Jogurt löffelt und dabei erstaunlicherweise immer noch rank und schlank ist.

Eigenes Rezept

Ursprünglich stammt die Idee einer Jogurt-Bar aus den USA, wo die Kette Pinkberry erfolgreich die moderne Form des in den achtziger Jahren beliebten Frozen Yoghurt verkauft. Chiel und Nuri versuchten, die Rechte für Pinkberry in Israel zu bekommen. Als dies nicht gelang, kauften sie sich einen Mixer und fingen an, in Kobis Tel Aviver Wohnung an einem Rezept für ein kühles Lifestyle-Jogurt zu tüfteln. Sie zogen drei Konditoren aus Italien zu Rate und arbeiteten gemeinsam an einem Rezept, das schon bald reissenden Absatz finden sollte. Zurzeit verkauft Tamara – der Name entstand in Anlehnung an eine verflossene Liebe – nur Naturjogurt, im Gegensatz zum amerikanischen Pendant, das Jogurt mit Grüntee-, Kaffee- oder Granatapfelgeschmack verkauft. «Wir halten die Auswahl bewusst klein», so Chiel. Keiner soll die Qual der Wahl haben – ausser bei den Toppings.

Gesund wäre anders

Begonnen hat die Erfolgsgeschichte von Tamara eigentlich bereits Anfang der neunziger Jahre. Moshe Nuri, Kobi Chmiels Geschäftspartner, war damals noch Börsenmakler und weit davon entfernt, gastronomisch tätig zu sein. Als die Börse 1994 abstürzte, entschied sich Nuri, an der hippen Sheinkin-Strasse im Herzen Tel Avivs einen Fruchtsaftstand zu eröffnen, der bald so gut lief, dass er zusammen mit seinem Angestellten Kobi Chiel einen weiteren, grösseren Stand an der Dizengoff-Strasse ins Leben rief. Dort pressen die beiden heute pro Monat mehrere Tonnen Früchte und Gemüse zu Shakes, wobei jetzt im Winter vor allem Orangen- und Grapefruitsäfte reissenden Absatz finden, im Sommer die Kunden aber lieber Frucht-Shakes mit Milch aus den riesigen Plastikbechern schlürfen. Kobi ist für den Einkauf verantwortlich und fährt jeweils mitten in der Nacht zum Engros-Früchtemarkt Shuk hassitonai im Süden der Stadt, um für Nachschub zu sorgen.
Dass er dabei auch noch Zeit findet, sich mit vollem Einsatz und Präsenz um sein neues «Baby», die Jogurt-Bar, zu kümmern, erstaunt, vor allem in hektischen Tagen wie diesen, in denen die israelischen Medien dem Jogurt-Hype in Tel Aviv Gegensteuer geben möchten. Die Sendung «Kolbothek», das israelische Equivalent zum «Kassensturz» des Schweizer Fernsehens, berichtete diese Woche, die Jogurts, die die verschiedenen Jogurt-Bars in Tel Aviv verkaufen (nebst Tamara gibt es noch andere Lokalitäten in der Stadt, die dem Frozen Yoghurt zu einem Revival verhelfen), seien gar keine echten Jogurts, die Produkte seien alle aus Pulver hergestellt. Kobi Chiel ärgert sich über die «Verleumdungen, denn 80 Prozent unseres Produkts besteht aus Jogurt». Dass die als «gesünder als Glace» vermarktete Zwischenmahlzeit tatsächlich viel Zucker enthält und man unter «gesund» etwas anderes versteht, bestreitet Kobi hingegen nicht. «Den Leuten schmeckt unser Jogurt und darum geht es», sagt er bestimmt.
Als Nächstes soll die Bar vergrössert werden, Geschäftsräumlichkeiten nebenan wurden bereits übernommen und müssen nur noch renoviert werden. Dann werden auch mehr Sitzmöglichkeiten als bis anhin vorhanden sein, und es sollen Toiletten eingebaut werden. Ausserdem plant Kobi Chiel einen Home-delivery-Sevice per Velo, um den Kunden die Bequemlichkeit zu bieten, vom Sofa oder Bürosessel aus ihr ganz persönliches Jogurt zu bestellen. Das neue Lifestyle-Jogurt ist drauf und dran, dem Frozen Yoghurt aus den Achtzigern den Rang abzulaufen.


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