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5. Dezember, 2008, Beilage savoir vivre Ausgabe: Nr. 49 » December 4, 2008

Aufbruchstimmung in Tanger?

von Franziska Amsel, December 4, 2008
Die jüdische Gemeinde von Tanger im Nordwesten Marokkos zählt nicht einmal mehr 100 Mitglieder. Doch der Optimismus der letzten jüdischen «Tanjaouis» ist ungebrochen. Ein Augenschein vor Ort.
REIZVOLLE KÜSTENSTADT Die marokkanische Stadt Tanger zieht immer mehr Europäer an

Die jüdische Gemeinde in Tanger, der sagenumwobenen, schillernden Hafenstadt am nordwestlichsten Punkt Marokkos, verzeichnet nicht einmal mehr 100 Mitglieder, und davon sind die meisten über als 70 Jahre alt. Die Rebbezzin, die als einzige Jüdin in der Stadt noch zwei minderjährige Kinder hat, gibt der Gemeinde nicht einmal mehr zehn Jahre. Dabei wurde Tanger von den Juden geprägt wie kaum ein zweiter Ort in einem arabischen Land. Und so bleiben auch die Juden von Tanger, wenngleich die meisten von ihnen inzwischen in aller Welt verstreut leben, in ihrem Kern «Tanjaouis».



Rachel Muyal, die Grande Dame de la culture à Tanger, die von 1973 bis 1997 die weltberühmte Librairie des Colonnes geleitet hat, wo Schriftsteller wie Allen Ginsberg, Paul und Jane Bowles, William Burroughs, Samuel Beckett, Mohammed Choukri, Tennessee Williams, Jean Genet, um nur einige zu nennen, ein und aus gingen, und die für ihre kulturellen Verdienste von den Franzosen mit dem Titel Chevalier de l'ordre des arts et des lettres geehrt wurde, sagt im Brustton der Überzeugung: «Wir Juden aus Tanger sind anders, wir waren stets Avantgardisten, und wer immer hier aufgewachsen ist, wird in seinem Herzen Tanjaoui bleiben, wo immer er später leben wird.»

Das Selbstbewusstsein der hebräischen Tanjaouis gründet auf einer jahrtausendealten Geschichte, die bis auf König Salomon zurückgeht. Dieser, so erzählt man sich, habe seine Untertanen einst bis nach Marokko gesandt, um Gold und Edelsteine für den zweiten Tempel zu suchen, angeblich sind einige von ihnen nicht mehr zurückgekehrt, sondern haben sich im prä-arabischen Marokko niedergelassen und dort die ersten jüdischen Berberstämme gegründet, deren letzte Angehörige während der grossen Auswanderungswelle in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts nach Israel emigrierten. Dies mag ein Mythos sein, der sich demjenigen von Herkules anschliesst, der in Tanger die zwei Welten trennte und so die Meerenge von Gibraltar schuf, wo sich seither Mittelmeer und Atlantik vermählen, doch genauso wenig, wie die Sage von Herkules von Tanger wegzudenken ist, löst sich die Idee der Juden von Tanger von der Vorstellung, dass es die biblischen Juden waren, die Marokko und insbesondere das alte Tingis (frühester Name Tangers) als erste besiedelt haben. Wissenschaftlich ist diese Geschichte kaum belegbar, die einzigen Spuren, die womöglich davon zeugen, sind archäologische Funde phönizischer Tonscherben, die Menora-förmige Eingravierungen aufweisen, aber wer etwas von Mythen versteht, weiss um ihre unverwüstliche Vitalität und Ausstrahlung. Sicher ist, dass Juden im römischen Marokko gelebt haben, dies belegen Grabsteine in Volubilis, und laut Simon Levy, der seit 1971 im spanischen Departement der Faculté des lettres in Rabat lehrt, ist anzunehmen, dass einige Berberstämme im vorarabischen Marokko zum Judentum übertraten. Diese Vermutung sei allerdings nach wie vor Auslöser von Kontroversen. Seit den ersten Eroberungszügen der Araber und der beginnenden Islamisierung Nordafrikas im 7. Jahrhundert existiert in Tanger das jüdische Viertel Oued-el-Jahoud («Flussbett der Juden»). Davon berichtet die erste glaubwürdige literarische Quelle, das «Sefer Hakabbala» von Rabbi Avraham Ibn Daud, worin dieser die Ausrottung der Juden durch die Almohaden beklagt.

Als Reaktion auf die Kreuzzüge schufen die asketisch orientierten, religiösen Fanatiker den islamischen Status der Dhimmi («Schutzbefohlene») – der Juden und Christen zustand – ab und zwangen diese mit Gewalt zu Konversion oder Flucht. Gewisse Quellen beschreiben jedoch das heimliche, verschlüsselte Überleben des Judentums hinter islamischer Fassade. Echte Konversionen gab es trotzdem, auch später während Hungersnöten und sonstigen Unruhen. Bis heute verweisen marokkanische Muslime, die «Ben» in ihrem Namen verzeichnen (wie zum Beispiel der erfolgreiche Autor Tahar Ben Jelloun) nicht ohne Stolz auf ihre jüdischen Vorfahren. Bis zur Vertreibung der Juden aus Spanien (1390 und 1492) verlieren sich die Spuren jüdischer Geschichte in Tanger, die sich aber von da an mit kurzen Unterbrechungen bis heute prägend in die Geschichte der Stadt einzuschreiben beginnt.

Multikultureller Schmelztiegel

In Marshan, einem Nobelquartier in Tanger, befindet sich getarnt hinter hohen weissen Mauern die jüdische Altersresidenz. Das moderne, helle Gebäude mit dem blühenden Garten und der hauseigenen Synagoge beherbergt rund 20 betagte Bewohner. Einer von ihnen ist der 80-jährige ehemalige Immobilienhändler und eingefleischte Tanjaoui Yan Bengoualid. Umgeben von vielen alten Büchern sitzt er im sonnendurchfluteten, bescheidenen Zimmerchen, und von der Wand schaut aus einem vergilbten Portrait seine junge, schöne Mutter auf ihn herab, die er im zarten Alter von 13 Jahren verlor. Yan Bengoualid ist wie alle Tanger Juden in mehreren Sprachen zu Hause. Es ist Freitagnachmittag und Verwandte aus aller Welt rufen ihn an, um ihm Schabbat Schalom zu wünschen; dabei spricht er fliessend Spanisch, Französisch und Englisch. Auch das Arabische beherrscht er und selbstverständlich das biblische Hebräisch. Seine Vorfahren waren seit fünf Jahrhunderten im Norden Marokkos ansässig und sind als tüchtige Geschäftsleute zu Vermögen und hohen Ämtern gelangt: «Wissen Sie, dass wir Juden von Tanger zwei zusätzliche Purimfeste feiern: Purim de Sebastien und Purim des Bombes? Ersteres erinnert uns an den Angriff des portugiesischen Königs Sebastian 1578, bei dem das jüdische Viertel auf wundersame Weise verschont blieb. Im 19. Jahrhundert wiederholte sich das Phänomen, als die Franzosen Tanger bombardierten. Wenngleich auch dieser Angriff sich nicht gegen die Juden richtete, feiern wir noch heute Purim des Bombes!» Monsieur Bengoualid ist in der Welt herumgekommen, zu Hause fühlt er sich aber nur in Tanger: «J'adore Tanger! Hier will ich leben, hier will ich begraben werden.»

1863 erreichte der Brite Lord Montefiore in Marokko einen königlichen Erlass, der den Juden künftig Gleichheit vor dem Gesetz zusicherte. Dies war ein Wendepunkt Marokkos in Richtung europäischer Moderne, doch leider zugleich eine Kniebeuge vor dem sich ausbreitenden Kolonialismus der Engländer, Franzosen und Spanier, die allesamt um die Gunst der erfolgreichen jüdischen Bevölkerung buhlten, was nicht wirkungslos blieb. Die Blütezeit der interna¬tionalen Zone, die Tanger zum multikulturellen Schmelztiegel gemacht hat, prägte die Tanger Judenschaft nachhaltig: «Zusammen mit den Muslimen haben wir damals Geld gesammelt, damit die Franzosen ihre Kirche bauen konnten», erinnert sich Yan Bengoualid. «Wir haben miteinander Geschäfte gemacht und Feste gefeiert, unsere muslimischen Freunde tischten stillschweigend nur Speisen aus Obst und Gemüse auf, um ihren Respekt vor unserer Kaschrut zu zeigen. Und wir bewirteten sie unter anderem ausgiebig am Vorabend des Festes Mimuna, dem zusätzlichen Feiertag von Pessach, das unzählige Symbole zur Glücksverheissung und der Erneuerung enthält und nur in Marokko gefeiert wird.» «Allein die Tatsache, dass die Juden ihre muslimischen und christlichen Mitbürger auf diese Weise an ihrem Leben teilhaben lassen und so die Begegnung der Religionsgemeinschaften fördern, ist ein Grund zum Feiern», gibt Simon Levy zu verstehen. «Der Tanger Jude war die Brücke zwischen Orient und Okzident, das sichere und diskrete Medium der Europäisierung der Stadt», schreibt Carlos de Nesry in seiner 1957 erschienen Studie «Le Juif de Tanger et le Maroc». Die Ausländer fanden im Juden von Tanger den Geschäftsmann, den Makler, den Bankier. Einmal noch ging die Angst um bei den Tanger Juden und allen anderen in Marokko, nämlich als das offiziell antisemitische Vichy-Regime Marokkos Juden mit einem Stern kennzeichnen wollte. «Wie viele Sterne habt ihr denn vorbereitet?», habe Mohammed V. den französischen Gesandten gefragt und erklärt: «Fügt noch 500 für mich und meine Familie hinzu!» Damit sei das Thema vom Tisch gewesen.

Gemeinde vor dem Aussterben

Bis heute sind die marokkanischen Juden treue und dankbare Anhänger der alaouitischen Königsfamilie. Victoria Abergel, die mit ihrem Mann auf der Vieille Montagne unweit des Königspalasts in einer prächtigen Villa lebt, erzählt, dass der jetzige König Mohammed VI. im vergangenen Jahr einen Aufruf an alle Marokkaner geschickt habe, in dem er sie anhielt, ihre Kinder und Kindeskinder daran zu erinnern, dass Marokko seine Juden immer geliebt und geschätzt habe und des Landes Tore stets für sie offen stünden. Trotzdem sind von den 17 000 Juden, die Tanger 1957 noch bewohnt haben, zu Beginn der Unabhängigkeit Marokkos nach und nach fast alle abgewandert. «Hauptsächlich aus ökonomischen Gründen oder weil die meisten Jungen im Ausland studiert und dort geheiratet hatten und die Eltern nachzogen. Es gab viele individuelle Gründe für die Abwanderung, wohl kaum ein Jude hat Tanger aufgrund antisemitischer Erlebnisse verlassen, denn in Tanger gab es weder Juden, Muslime noch Christen, weder Franzosen, Italiener, Spanier noch Engländer, da hiess es nur: «Ich bin ein Tanjaoui, das reichte, um zu wissen, mit wem man es zu tun hatte!» Yan Bengoualids helle Augen leuchten hinter den dicken Brillengläsern, während er das erzählt.
Unter den verbliebenen Tanger Juden herrscht grosse Trauer über das Aussterben ihrer Mitglieder, kaum einer macht sich Hoffnungen, dass die Gemeinde überdauern wird. «Und trotzdem, man weiss nie», meint Rachel Muyal, «immerhin haben sich der Pariser Philosoph Bernhard-Henry Lévy und Philippe Lorin, der Organisator des Tanjazz-Festivals, seit einigen Jahren in Tanger niedergelassen. Vielleicht folgen ihnen noch andere Juden.» «Denn», so räumt sie ein, «in Tanger herrscht Aufbruchstimmung, Marokko hat eine grosse Zukunft vor sich». Die westliche Islamophobie kann sie nicht nachvollziehen, denn was immer die Juden unter islamischen Herrschern gelitten hätten, so sei «nichts davon auch nur annähernd mit dem vergleichbar, was die Europäer den Juden angetan haben». Und was meint sie zur Tatsache, dass die Bombenattentäter auf einen Madrider Zug aus Tanger stammen? «Hassan II. hat den Norden sein Leben lang stark vernachlässigt, deshalb wuchsen hier einzelne Sumpfblüten. Mais ça passe!» Rachel Muyal ist voller Optimismus wie der Geist von Tanger.



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