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5. Dezember 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 49 Ausgabe: Nr. 49 » December 4, 2008

Nach der Schreckenstat

von Jaques Ungar, December 4, 2008
Menschen reagieren oft nur allzu menschlich. Das gilt gleich mehrfach für die Nachwehen der schrecklichen Terrorakte von Mumbai.
TRAURIGE HEIMKEHR Soldaten tragen einen Sarg mit einem der Opfer des Attentats von Mumbai nach der Ankunft in Israel

Für Aufsehen sorgte die Reaktion der chassidischen Organisation Chabad Lubavitch, die in der südindischen Stadt ihren Emissär Rabbi Gabi Holtzberg und seine im fünften Monat schwangere Gattin Rivka verloren hat. An der Abdankungszeremonie in Kfar Chabad gelobte Rabbi Moshe Kotlarsky, Vizevorsitzender der Erziehungsabteilung von Chabad, Rache für die Morde – allerdings nicht mit Gewehren, Granaten und Panzern. «Wir werden uns auf eine andere Art rächen», rief er mit tränenerstickter Stimme vor Tausenden von Anwesenden aus. «Wir werden mehr Licht in die Welt bringen, mehr gute Taten verüben.» Chabad wolle sich dafür einsetzen, dass künftig kein jüdischer Mann auf das Anlegen der Tefilin (Gebetsriemen) und keine jüdische Frau auf das Entzünden der Schabbatkerzen verzichten müsse. Kotlarsky versprach auch, dass das Chabad-Haus in Mumbai wieder aufgebaut und seinen Betrieb wieder aufnehmen werde.
Es gibt aber auch weniger Sympathisches zu vermelden. Etwa die Forderung der Familie von Aryeh Leibish Teitelboim s.A., eines der Opfer von Mumbai, den Sarg mit seinen sterblichen Überresten nicht mit einer Israel-Flagge zu bedecken. Auch weigerte sich die Familie, an der kurzen Zeremonie auf dem Ben-Gurion-Flughafen nach der Landung der Sondermaschine der israelischen Luftwaffe teilzunehmen, die alle Leichen aus Mumbai zurückgeflogen hatte. Teitelboim, Vater von acht Kindern, war Mitglied der virulent antizionistischen und antiisraelischen Sekte der Satmarer Chassidim und hat laut Presseberichten vor einigen Jahren seinen israelischen Pass zurückgegeben. Dass das israelische Flugzeug auch Teitelboims Sarg transportiert hat, versteht sich von selbst. Auch diverse Äusserungen von Mitgliedern der sechsköpfigen, nach Mumbai gereisten ZAKA-Delegation sollte man möglichst rasch vergessen. ZAKA ist eine streng religiöse Organisation, die sich auf die Identifizierung und Bergung von Opfern von Gewaltakten spezialisiert hat. Haim Weingarten, der Leiter des Teams, schloss in Interviews nicht aus, dass einige der Geiseln im Chabad-Haus nicht von den Terroristen umgebracht worden, sondern im Kugelregen der das Haus stürmenden indischen Elitetruppen gestorben seien. Offizielle israelische Stellen kritisierten ihn für seine Spekulationen, die eine schwere diplomatische Verstimmung zwischen Neu-Delhi und Jerusalem provozieren könnten.

Sture Bürokraten

Tragisch oder zumindest ungeschickt war die Reaktion des Staates Israel auf die Liste der israelisch-jüdischen Opfer. Auf dieser Liste figurierte nämlich auch Norma Shvarzblat-Rabinovich, eine Jüdin aus Mexiko, die während ihres mehrmonatigen Aufenthalts in Indien beschlossen hatte, nach Israel zu immigrieren. Sie hatte bereits alle nötigen Papiere ausgefüllt und wollte eigentlich am vergangenen Montag Alija machen und sich zu ihren Kindern gesellen , von denen zwei in Israel leben. Am Montag aber war Norma
Shvarzblat bereits tot, von fanatischen Muslimen ermordet. Weil sie zum Zeitpunkt ihres Todes noch nicht über eine israelische Identitätsnummer verfügte, weigert sich der Staat, sie als «Terroropfer» anzuerkennen und ihren Hinterbliebenen die für solche Fälle vorgesehene finanzielle Unterstützung zu gewähren. Der trockene Buchstabe des Gesetzes gibt dem Staat Recht, aber die zuständigen Beamten und Bürokraten in Jerusalem sollten sich ob eines derart sturen, unflexiblen Verhaltens schämen. Glücklicherweise sprang die Jewish Agency (JA) in die Bresche und beschloss, alle Familien der jüdischen Opfer mit Mitteln aus dem Fonds für Opfer des Terrorismus finanziell zu unterstützen. Seit seiner Errichtung im Jahre 2000 hat der Fonds insgesamt über 100 Millionen Schekel an Opfer von Terrorangriffen und deren Familien ausgeschüttet. In Mumbai kümmern sich zwei Vertreter der JA um auswanderungswillige Juden oder um solche, die sich an den diversen kulturellen und Bildungsprogrammen der JA beteiligen wollen. Von den rund 4500 noch in Indien lebenden Juden wohnen 85 Prozent in der Region Mumbai.   





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