Ich warte noch immer auf dich, Rivki
«Schreib doch», sagtest du mir nur zwei Stunden und zehn Minuten bevor sie in dein Haus eindrangen. «Du hast schon lange nicht mehr über deine Arbeit geschrieben.»
Ich schreibe dir also, Rivki. Dir, die du in den letzten vier Jahren zu meiner Herzensschwester und zur Frau meines Vertrauens geworden bist. Ich schreibe einzig und alleine wegen dir, du meine Zwillingsseele. Die Tränen brennen mir auf den Händen, mein Herz ist in Stücke zerrissen. Aber du hast mich gebeten zu schreiben, und wir haben einander ja nie «Nein» sagen können. Mein Handy ist wie immer an, doch dein Apparat ist plötzlich verstummt. Ich warte auf dich. Wo bist du, Rivki? Ich warte darauf, dass du Kontakt aufnimmst. Schon drei Tage haben wir uns nicht mehr unterhalten, eine Ewigkeit für uns. Mit dir pflegte ich den Morgen zu beginnen und den Tag zu beenden, und ich habe dir so viel zu erzählen. Du kannst doch nicht so plötzlich verschwinden. Das entspricht nicht unserem Abkommen. Wir wollten doch diese Mission gemeinsam durchstehen. Unmöglich, dass du das vergessen hast. Du hast noch nie etwas vergessen.
Vier Stunden nach unserer letzten Unterhaltung weckte mein Man Cheski mich sachte. «Ich will nicht, dass du erschrickst», flüsterte er, «aber es ist etwas im Gange in Indien.» Er war sich unserer besonderen Verbindung voll bewusst. «Es geschieht etwas in Mumbai, wir müssen herausfinden, was mit ihnen los ist.»
Die Sterne draussen zerrissen den Himmel, und ich hinterliess dir zu jeder vollen Stunde eine Nachricht auf deinem Anrufbeantworter. Zuerst hoffte ich, du hättest den Apparat auf «geräuschlos» gestellt, doch die Meldungen aus Mumbai versetzen mich ein wenig in Sorge.
Am Morgen bereitete ich dir den Jasmin-Tee mit Minzen-Blättern, den du so gerne hast. Ich wartete darauf, dass du anrufen würdest und wir, wie jeden Morgen seit vier Jahren, zusammen am Bildschirm Tee und Kaffee trinken und Kuchen essen würden. Du pflegtest jeden Morgen einen anderen Kuchen herzurichten und mir zu beschreiben, woraus er gemacht war. Du wusstest ja, dass die Küche noch nie meine starke Seite war.
Ich warte auf dich mit dem Tee, Rivki, warte auf deinen Kuchen. Heute früh hätte ich sogar nichts dagegen, deine süssen Schokoladen-Muffins zu probieren, denn ich habe einen schrecklich bitteren Geschmack im Mund.
Wenn du kommst, wirst du mir sicher erzählen, was für eine komische Nacht ihr dort zugebracht habt. In der Strasse nebenan gab es einen Menschenauflauf, man sprach auch von einer Explosion in der Nähe. Wirklich eine komische Nacht. Zum Glück warst du sehr müde. Vielleicht gehst du später nach draussen, um herauszufinden, was geschehen ist. Aber du kommst nicht, Rivki, und der Tee wird immer kälter. Schade. Als wir uns am letzten Abend unterhielten, sagtest du, dass der nächste Tag ruhig und ohne spezielle Ereignisse sein würde, und wenn ich nichts dagegen hätte, würden wir zusammensitzen und über lebendigere Farben für die Zimmer im oberen Stockwerk des Chabad-Hauses sprechen. Ich habe viel darüber nachgedacht, und ich habe eine Farbe, die passen könnte. Alle paar Minuten würdest du das Gespräch unterbrechen und Gabi fragen, ob er auch eine Idee hat. So ist das eben bei euch: Ihr macht alles zusammen.
So sass ich und wartete auf dich, Rivki, den ganzen Tag, denn dein Wort gilt. Ich bereitete eine Tasse Tee nach der anderen zu, und der Dampf trieb mir die Tränen in die Augen und brannte mir auf der Seele. Erinnerst du dich noch, wie wir lachten und die ganze Zeit sagten, in Indien und Nepal verlaufe das Leben wie in einem Film? Nichts könne uns noch überraschen. «Everything is possible», sagen die Ortsansässigen und schütteln dabei den Kopf in ihrer typischen seitlichen Kreisbewegung. Du fängst den Tag an und weisst nie, wie er endet. Hunderte von Ausflüglern kommen und gehen an einem Tag durch unsere Türe. Einer ist etwas einsam, der andere hat Schmerzen und will ein freundliches Wort hören, und wieder eine andere möchte einfach kurz in die Arme genommen werden.
Das ist der Zauber dieses Ortes: Alles ist möglich, nicht wahr? Alles, nur das nicht! Das darf einfach nicht möglich sein. Es kann einfach nicht sein, dass du einfach so in der Erfüllung deiner Pflicht gefallen bist. Du bist doch die Stärkste von uns allen. Ströme von Schmerz haben dich jeden Tag überschwemmt, wer weiss das besser als ich? Am Tage erzähltest du mir die Geschichte deines Lebens, und in der Nacht weinte ich still deine Tränen. Die Stürme haben dich nicht mitgerissen, nichts konnte dir etwas anhaben. Wo bist du also, Rivki? Warum bist du nicht aus der Situation herausgekommen?
Wir haben seither zahllose Anrufe und E-Mails erhalten. Alle versuchen zu trösten, fragen gleichzeitig aber auch, was nun sein wird. Diese Frage stellen sich zurzeit auch weitere 3500 Emissäre des Rebben in aller Welt. Ich weiss, was du ihnen geantwortet hättest. Wir würden, hättest du gesagt, aus der Einheit, für die euer Schicksal in der ganzen jüdischen Welt gesorgt hat, so viel Kraft wie möglich für die kommenden Tage schöpfen. Trotz des unsäglichen Schmerzes: Wir versprechen, es zu versuchen, Rivki!
Chani Lipshitz ist Chabad-Emissärin in Kathmandu, Nepal, und war eine enge Freundin der im Chabad-Haus von Mumbai ermordeten Rivka Holtzberg. Der hier gekürzt wiedergegebene, nach dem Drama von Mumbai geschriebene, Brief ist am 1. Dezember in voller Länge in der Zeitung «Yediot Achronot» publiziert worden.


