Der vergessene Krieg
Die Anti-Kriegs-Filme Hollywoods verdrehen die Wahrheit», sagt Regisseur Ari Folman im Gespräch mit tachles, «denn sobald der Regisseur auf dem Set erscheint, nimmt er die Stellung eines Generals ein. Denk mal drüber nach! Er sitzt auf einem Stuhl und sagt ‹Action!›, da kommen schon die Helikopter und sprengen einen Wald in die Luft.» Bequem zurückgelehnt verschränkt Folman die Hände hinter dem Nacken und grinst. Und in «Waltz with Bashir», seinem neuesten Film? Folman grinst wie ein Pirat: «Hier gibt es das nicht.»
Ein Animationsfilm
«Waltz with Bashir» handelt von einem ehemaligen Libanon-Kämpfer, der sich, traumatisiert, nicht mehr an den Krieg erinnern kann. Er macht sich daran, Kameraden und Journalisten zu treffen, um sich von ihnen den Krieg erzählen zu lassen und so fehlende Bilder zu sammeln und zwischen den Alpträumen in seinem Gedächtnis einzuordnen. Folman wählte das Genre des Animationsfilms, wo die Figuren, wie zum Beispiel Ari Folman, der Protagonist, der seinem Regisseur Ari Folman täuschend ähnlich sieht, sich durch die Geschichte bewegen, als wären sie farbige Scherenschnitte mit Folmans Humor.
So begegnet man Folmans Sinn für die bis ins Absurde gesteigerte Verfremdung wieder. Folman, der den Libanon-Krieg von 1982 als knapp 20-jähriger Soldat der IDF miterleben musste, nennt denn auch «Catch-22», den bissigen Anti-Kriegs-Roman von Joseph Heller, als eine seiner wichtigsten Inspirationsquellen. Diesen las er allerdings erst nach dem Krieg. «Als Junge war ich ziemlich stumpfsinnig», bekennt Folman, «was interessierte mich denn schon? Fussball und Rock and Roll. Ich begann erst zu lesen, als ich die Armee verliess und schrieb mich dann in die Filmschule ein, ohne zu wissen, wer Antonioni oder Godard waren. Ich wollte nur lernen, Geschichten zu erzählen.»
Geschichten erzählen
Für «Waltz with Bashir» hat Folman über Inserate Kriegsveteranen des Libanon-Kriegs gesucht, die ihre Geschichte erzählen wollten. «Ich glaube, die Leute haben nur darauf gewartet, dass jemand kommt und ihnen zuhört.» Mit der Bedingung, diese auch zu veräussern: «Hatten sie mir ihre Geschichte einmal gegeben, so war sie in meinen Händen.» Eine Entscheidung, deren Tragweite nicht allen Erzählern bewusst wurde, zumal das Genre des fiktiven und animierten, für den die realen Gesprächspartner abgezeichnet werden mussten, innovativ ist. «Für Ron Ben-Yshai, den damaligen Kriegskorrespondenten, der im Film vorkommt, hatten wir einen Zeichner angestellt, der ein ganzes Jahr lang nur an seiner Figur gearbeitet hatte. Der lief schon wie er! Aber Ben-Yshai war schockiert, als er sich abgebildet sah – er hatte nicht realisiert, für einen Animationsfilm interviewt worden zu sein.»
Seinerseits schockiert war Folman, als er anlässlich einer öffentlichen Aufführung von einem Herrn angesprochen wurde, der sich als Neffe von Bashir Gemayel vorstellte, dem christlich-maronitischen Milizenführer und Präsidenten Libanons, dessen Ermordung seine Gefolgsleute, die Phalangisten, zum Anlass für das Massaker in Sabra und Schatila genommen hatten. «Er lobte die Genauigkeit der Details, konnte aber nicht verstehen, warum ich nicht die kulturelle Seite der Phalangisten gezeigt hätte, wie sie Baudelaire zitierten, die französische Literatur liebten, und so weiter. Ich denke nicht, dass ich ihm geantwortet habe. Aber so müssen diese Leute sich wohl wahrgenommen haben», sagt Folman leise, und wirkt beinahe resigniert über die Absurdität seines eigenen Erlebnisses.


