Von blöden und anderen Eseln
An gewisse Dinge kann man sich gewöhnen, andere hingegen können und dürfen nicht zur Norm werden. Nicht zur Norm werden darf etwa die verächtliche, zynische Art, in der in Israel Vertreter einer kulturell-religiös-ethnischen Richtung immer wieder und mit Vorsatz über die «anderen» herziehen, vor allem während eines Wahlkampfs.
Wenn Rabbi Ovadia Yosef, der geistige Führer der Shas-Partei, in einer Rede die säkularen Lehrer des Landes als «blöde Esel» beschimpft, die weder etwas über den Schabbat noch über die Feiertage wüssten und nur Geschichte und «anderen Blödsinn über die Nationen der Welt» lehren würden, dann ist das schlimm und verwerflich und muss verurteilt werden. Nicht etwa, weil die derart angegriffenen Lehrer und Lehrerinnen vielleicht wirklich nicht genug über Schabbat und Feiertage wissen. Das ist bedauerlich. Unzumutbar und kaum zu fassen aber ist, wenn ein Mann wie Rabbi Ovadia Yosef, dem die göttliche Gnade den «blöden Eseln» gegenüber in dieser Beziehung einen Vorsprung verliehen hat, alles unternimmt, um die Motivation säkularer Menschen, Lücken in ihrer Judentumskunde zu schliessen, auf den Nullpunkt sinken zu lassen.
Dass nicht nur das säkulare Lager Israels, sondern Menschen bis weit hinein in die national-religiöse Landschaft angesichts solcher immer wiederkehrenden Exzesse eines prominenten Rabbiners Kopf stehen, überrascht nicht und ist knapp drei Monate vor den Knessetwahlen vielleicht wirklich nur politischer Opportunismus. Ebenso wenig überrascht die traurige Tatsache, dass die Zahl jener religiösen Prominenz, die Ovadia Yosef gebührend in den Senkel stellt, sich an einer Hand abzählen lässt. Dabei müsste echte Religiosität unter anderem durch unablässige Versuche zum Ausdruck gelangen, dem Fernstehenden den Weg zum traditionellen jüdischen Erlebnis mit Liebe, Verständnis und vor allem mit Geduld zu ebnen, anstatt ihm diesen Weg mit ständigen Kinn- und Leberhaken endgültig zu vermiesen.
Shas-Parteichef Eli Yishai erwies sich, wie schon früher in ähnlichen Fällen, auch jetzt wieder getreu und kritiklos als «his master’s voice». Ohne direkt zu den Anwürfen des Rabbiners Stellung zu beziehen, meinte Yishai, das jüdische Volk habe nicht vergessen, wer mit der Zerstörung des jüdischen Heims begonnen habe, und Shas kämpfe immer noch darum, den Schaden zu beheben. Wer Andersdenkende als «dumme Esel» beschimpft, behebt aber keinen Schaden, sondern streut höchstens Salz in die Wunde.
Das Ziel von Shas für die Wahlen vom 10. Februar haben Rabbi Yosef und Eli Yishai vor Kurzem fixiert: Die Zahl der Mandate soll von heute zwölf auf 18 erhöht werden. Dieser Quantensprung wird wohl kaum gelingen, doch gibt es leider genug wirkliche Esel und blinde Mitläufer, die dafür sorgen, dass Shas wieder mit mindestens zwölf Sitzen in der 18. Knesset vertreten sein wird.
Damit aber nicht genug: Eli Yishai fordert für seine Partei in einer künftigen Koalition das Erziehungsministerium. Weder wollen wir frühere säkulare Bildungsminister zu unfehlbaren Perfektionisten emporstilisieren, noch sei geleugnet, dass der Drogenkonsum und die Gewalt unter Jugendlichen von Jahr zu Jahr steigt, während Israels Bildungsniveau sich im Sinkflug befindet. Angesichts der unentschuldbaren Verbalinjurien des Rabbi Ovadia Yosef aber und des Kadavergehorsams seiner Gefolgschaft lässt der Gedanke an eine erneute ethnisch-religiöse Shas-Diktatur im Erziehungsministerium nur noch ein Stossgebet übrig: Da stehe uns der Himmel bevor.


