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28. November 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 48 Ausgabe: Nr. 48 » November 27, 2008

Kein Recht auf Beschneidung?

von Simon Spiegel, November 27, 2008
Die Nachricht kam zumindest für Aussenstehende völlig unerwartet: In Dänemark wurde die Forderung laut, jede Form von Beschneidung an Kindern zu verbieten.
BESCHNEIDUNG IN DER KRITIK Kinder sollen selbst über ihren Körper bestimmen können

Dass die Beschneidung von Mädchen barbarisch ist und verboten gehört, ist in der westlichen Welt unbestritten. Doch nun steht auch die Beschneidung von Knaben zusehends in der Kritik. Der dänische Nationale Rat für Kinder hat die Empfehlung abgegeben, den Eingriff bei Kindern generell zu verbieten. Möglich soll eine Beschneidung erst ab dem Alter von 15 Jahren sein – mit der Einwilligung des Betroffenen.  
Der Ruf nach einem Beschneidungsverbot ist dabei in keiner Weise antisemitisch oder generell antireligiös motiviert; entscheidend sind vielmehr die Rechte des Kindes. In den Augen der Beschneidungsgegner geht es nicht an, dass Eltern frei über den Körper ihres Kindes verfügen und ihn verstümmeln lassen. Jeder Mensch habe ein Recht darauf, über seinen Körper zu bestimmen, und es gäbe in dieser Hinsicht keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen der Beschneidung von Mädchen und der von Knaben. Für die Gegner des Verbots ist dieser Vorwurf dagegen völlig unangebracht. «Der Vergleich zwischen einer Beschneidung und der vorsätzlichen Verstümmelung des weiblichen Geschlechtsorgans, wie er in manchen Kulturen praktiziert wird, ist vollkommener Unsinn», meint der dänische Oberrabbiner Bent Lexner, der selber auch als Mohel praktiziert.
Allerdings ist die Angelegenheit längst nicht so dramatisch, wie sie von den internationalen Medien teilweise dargestellt wurde. Die Empfehlung des Rats für Kinder richtet sich nicht speziell gegen die Beschneidung, sondern betrifft jede Form von elterlicher Verfügung über den Körper des Kindes. So ist denn auch die katholische Kirche mit der Empfehlung nicht glücklich, denn streng genommen könnte diese Argumentation auch zu einem Verbot der Taufe führen. Rabbiner Lexner ist auf jeden Fall nicht weiter besorgt. Es werde nun eine Diskussion geführt, aber das Parlament werde kaum auf die Empfehlung eintreten.

Widerstand formiert sich

Dennoch steht die Beschneidung international zunehmend unter Beschuss. Dies ist eigentlich erstaunlich, denn dieser Eingriff hat nicht nur eine lange Tradition, sondern wird in vielen Ländern auch aus nicht religiösen Gründen häufig praktiziert. In den USA war die Beschneidung männlicher Neugeborener während Jahrzehnten die Norm. Heute werden dort immer noch knapp 60 Prozent aller Knaben beschnitten. Weltweit liegt der Anteil beschnittener Männer bei etwa 25 Prozent. Im Internet finden sich allerdings zahlreiche Gruppen, die gegen die Beschneidung Front machen. Beispielsweise die beiden Organisationen Nocirc und Noharmm: Während erstere gegen jede Form von Beschneidung kämpft, nimmt Noharmm nur die Beschneidung von Knaben ins Visier.
Wie viel Zuspruch derartige Initiativen haben, lässt sich schlecht abschätzen. Beide Internetsites sind auf jeden Fall eher amateurhaft gestaltet und Noharmm wird momentan nicht mehr aktiv betreut. Wer sich aber im Netz weiter umsieht, stösst schnell auf äusserst hitzige Diskussionen – auch unter Schweizer Adresse. Und spätestens hier wird klar, dass die Beschneidung hierzulande momentan zwar kein politisches Thema sein mag, dass die Positionen aber dennoch unversöhnlich sind. Die Argumentation der Beschneidungsgegner ist einfach: Der Eingriff sei schmerzhaft, für den Knaben traumatisch und medizinisch nutzlos.

Medizinischer Nutzen umstritten

Tatsächlich ist der medizinische Nutzen der Zirkumzision, wie die Beschneidung von Ärzten genannt wird, umstritten. So ergaben zwar verschiedene Studien, dass sich beschnittene Männer deutlich seltener beim Geschlechtsverkehr mit HIV infizieren, und die Weltgesundheitsorganisation WHO empfahl im Frühjahr 2007
ihren Mitgliedstaaten sogar explizit, die Beschneidung als Teil der nationalen Anti-Aids-Kampagnen zu propagieren. Doch diese Ergebnisse werden angezweifelt; in den USA etwa wird die Beschneidung mittlerweile von keiner der grösseren Ärzteorganisation mehr empfohlen.
Eberhard Wolff vom Medizinhistorischen Institut der Universität Zürich, der vor allem die Auseinandersetzung um die Beschneidung in Deutschland im 19. Jahrhundert erforscht hat, ist denn auch der Meinung, dass medizinische Gründe von beiden Seiten meist nur vorgeschoben und der jeweiligen Argumentation angepasst würden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Beschneidung von jüdischen Ärzten als gesundheitsförderlich dargestellt, um das  Bild des «hygienischen» (im Sinne von «gesunden») Juden zu propagieren; damit sollte dem grassierenden Antisemitismus entgegengewirkt werden. In den USA dagegen scheint die Beschneidung auch einen starken puritanischen Hintergrund zu haben: So empfahl der Corn-Flakes-Erfinder John Harvey Kellog in seinem 1877 erschienenen Buch «Plain Facts for Old and Young» den Eingriff als äusserst erfolgsversprechende Massnahme gegen das Übel der Selbstbefriedigung; Kellogg betont sogar, dass die Beschneidung ohne Betäubung durchgeführt werden sollte – dies wirke heilend auf den verdorbenen Geist des Knaben.  
Wie immer auch argumentiert wird: Gemäss Wolff dienen die medizinischen Argumente jeweils vor allem dazu, die bereits gefasste Meinung  zu stützen. Für den Medizinhistoriker ist es faszinierend, dass ausgerechnet dieser Brauch so fest in der jüdischen Tradition verankert ist, dass die Beschneidung auch für Juden, die nicht koscher essen, selbstverständlich sei. Tatsächlich gibt es aus jüdischer Sicht wenig zu diskutieren: Die Brit Mila ist ein essentieller Bestandteil des Ritus, und auch für säkulare Juden steht sie in der Regel kaum zur Debatte.  

Körperverletzung

Diskussionen, wie sie zur Zeit in Dänemark geführt werden, wurden in den vergangenen Jahren auch in Schweden und Grossbritannien aktuell. Das Thema ist delikat, denn bei der Beschneidung prallen ganz unterschiedliche Wertvorstellungen aufeinander. Das zeigt sich auch bei der juristischen Einschätzung: Hier steht die Freiheit der Religionsausübung und das Erziehungsrecht der Eltern gegen die Selbstbestimmung des Kindes und die Integrität des eigenen Körpers. Eine Güterabwägung, die alles andere als trivial ist; so kam ein Strafrechtler der Ruhr-Universität Bochum in einem Mitte dieses Jahres veröffentlichten Aufsatz zum Schluss, dass bei einer Beschneidung ohne medizinische Indikation eigentlich der Tatbestand der Körperverletzung erfüllt sei. Noch befassen sich die Gerichte nicht mit dem Thema, aber Konfliktpotenzial ist auf jeden Fall vorhanden.
Dass der Mensch allein über seinen Körper verfügen soll, ist in unseren Breitengraden weit herum akzeptiert. In gewissem Sinne sind die Bestrebungen, die Beschneidung von Knaben zu verbieten, und Modeerscheinung wie Piercings, Tätowierungen, Brustimplantate und Haarverpflanzungen ja zwei Seiten der gleichen Medaille: In jedem Fall soll jeder selbst darüber bestimmen können, was mit dem eigenen Körper geschieht. Und diese Auffassung steht in der Tat in einem fundamentalen Widerspruch zur jüdischen Tradition, in der die Brit Mila zwar vorgeschrieben ist, weitere Veränderung des Körpers aber, wie Tätowierungen oder gepiercte Ohren, verboten sind.





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