Ein wilder Denker
Mit dem Bekenntnis «Ich verabscheue Reisen und Forschungsreisende» beginnt eine der faszinierendsten Reisebeschreibungen des 20. Jahrhunderts: das Buch «Traurige Tropen». Der Titel bilanziert das Aussterben der sogenannten primitiven Kulturen angesichts ihrer Konfrontation mit dem Fortschritt. Verfasst hat sie einer, der wie kein anderer die zerstörerische Macht unserer Zivilisation beschrieben hat: Claude Lévi-Strauss. Der 1955 erstmals erschienene Erfahrungsbericht über seine Expeditionen zu den Eingeborenen am brasilianischen Amazonas ist dabei weit mehr als ein touristischer Aufsatz eines Fernwehgeplagten. Autobiografisches Werk, wissenschaftliche Studie und philosophisches Grundlagenwerk zugleich, stellt es auch eine der ersten systematischen Beschreibungen strukturaler Anthropologie dar – und diese begründet zu haben, ist Lévi-Strauss’ bedeutende Leistung. Als ethnologischer Feldforscher und philosophischer Denker beschreibt Lévi-Strauss seine Reisen zu den Indianern im Innern Brasiliens wie auch den eigenen intellektuellen Werdegang, in dessen Verlauf er die Ethnologie endgültig vom kolonialistischen Klischee des wilden Ureinwohners befreite.
Belletrist der Wissenschaft
Claude Lévi-Strauss wurde am 28. November 1908 in Brüssel geboren. Ab etwa 1914 wuchs er in Versailles bei Paris auf. Die Familie war seit Generationen assimiliert, pflegte aber dennoch ihr jüdisches Erbe. Schon als kleiner Junge tauchte Claude in die Welt der Kunst und Musik ein. Dies auch bedingt durch die von seinem Urgrossvater Isaac Strauss, der als Komponist mit Hector Berlioz und Jacques Offenbach zusammengearbeitet hatte, aufgebaute Sammlung – deren Überbleibsel sich heute im Musée de Cluny befinden.
Ab 1927 studierte Claude Lévi-Strauss Philosophie und Jura an der Sorbonne in Paris. Er unterrichtete eine Zeitlang als Lehrer am Gymnasium von Mont-de-Marsan, erkannte aber, dass sein eigentliches Interesse der Anthropologie galt, und kam so von der Philosophie zur Ethnologie. 1935 wurde er als Professor für Soziologie an die Universität von São Paolo in Brasilien berufen. In den folgenden Jahren unternahm er ausgedehnte Forschungsreisen zu verschiedenen Indianerstämmen im Amazonasgebiet. 1939 wurde er zum Kriegsdienst einberufen und Verbindungsoffizier in der französischen Armee. Nach der Niederlage der französischen Streitkräfte gelang dem Juden Lévi-Strauss 1941 über Marseille die Flucht nach New York. Dort arbeitete er an der New York School of Social Research, beschäftigte sich mit anthropologischer Literatur, begegnete Roman Jakobsohn, dem Oberhaupt der strukturalen Linguistik. 1946 wurde er Kulturattaché an der französischen Botschaft in den USA. Im Jahr darauf kehrte er nach Frankreich zurück und gründete mit ein paar Mitstreitern die anthropologische Zeitschrift «L’Homme». Er lehrte Sozialanthropologie am Collège de France und wurde in den späten vierziger Jahren Professor an der Sorbonne.
Symbole und Mythen
1949 erschien sein erstes Hauptwerk «Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft». In den fünfziger Jahren befand er sich auf dem Höhepunkt seiner akademischen und wissenschaftlichen Karriere. Und er gab den Menschen nach «Traurige Tropen» eine weitere bittere Pille zu schlucken: Der Homo sapiens, gab er zu verstehen, sei eine Art Maschine mit «Milliarden von Nervenzellen unter dem Termitenhügel des Schädels». Um sich im Dickicht der oft widersprüchlichen Realität zu orientieren, brauche der maschinenähnliche Mensch, anders als das instinktgeleitete Tier, Symbole und Mythen. Solcher gab es im Verlauf der Jahrtausende und in den vielen Kulturen unzählige, und sie scheint nicht unbedingt ein roter Faden zu verbinden. Tatsächlich aber, das behauptete nun Claude Lévi-Strauss, lägen ihnen unsichtbare Muster und unveränderliche Strukturen zugrunde. So tauche die Geschichte vom geheimnisvollen Gral in fast allen Kulturen auf, wie auch das Ödipus-Thema. Es gibt Claude Lévi-Strauss zufolge also durchaus den roten Faden, der die Kulturen und ihre Produkte verbindet. Den Geschichten und Mythen gemeinsam seien die Themen, die sie behandeln, die zugrundeliegenden «Strukturen», die sich hinter der eigentlichen Geschichte verbergen. Anders ausgedrückt: Die Kreativität des Menschen ist ehernen Denkgesetzen unterworfen und diese regulieren die menschlichen Ausdrucksformen, die wir Kultur nennen. «Wie bei allen meinen bisherigen Bemühungen geht es darum, zu verstehen, wie der menschliche Geist arbeitet.»
Mit seinem «Strukturalismus» stellte Lévi-Strauss denkgerecht die Hervorbringungen der nicht westlichen, «primitiven» Kulturen auf Augenhöhe mit der Kultur hoch entwickelter Länder: Wenn alle nach den gleichen Regeln und Strukturen funktionieren, wenn Höhlenmalerei und Stammestanz, Hochkultur im Louvre und Ballett in der Oper von ähnlichen Mythen unterfüttert sind, verliert die westliche Zivilisation ihre Übermacht und Deutungshoheit. Der «Wilde» steht demnach auf gleicher Stufe wie der europäische Bildungsbürger: Ein solches Denken war in der Nachkriegszeit, als Gräben etwa zwischen Weissen und Schwarzen noch wie soziales Dynamit wirkten, ungeheuerlich.
Bedeutendster lebender Ethnologe
Mit der Veröffentlichung von «Das wilde Denken» im Jahr 1962 brach die Blütezeit des Strukturalismus an, und mit seiner allgemeinen Hypothese von den gemeinsamen Denkstrukturen der Menschen hatte Lévi-Strauss grossen Einfluss auf die Geisteswissenschaften, war selbst deutlich beeinflusst etwa von der Philosophie Immanuel Kants, der Psychoanalyse Sigmund Freuds, und von Karl Marx. Ende der sechziger Jahre galt Claude Lévi-Strauss als einer der bedeutendsten Vertreter der anthropologischen Theorie des 20. Jahrhunderts. Nichtsdestotrotz kritisierten viele Kritiker seine Theorien als zu stark vereinfachend. Untergrub er, beispielsweise, mit seinem Modell vom nervenzellgesteuerten Menschenapparat nicht die Bedeutung der menschlichen Freiheit, des Willens? Jean-Paul Sartre bezichtigte den Kollegen der «Geschichtsvergessenheit».
In der Tat stellt sich die Weltgeschichte in manchen Passagen des Werks von Claude Lévi-Strauss wie ein ewiges Schauspiel ewig gleicher Themen und Mythen da, die nur in unterschiedlicher Maskerade aufgeführt werden, als ob die Menschheit dazu verurteilt sei, bis ans Ende ihrer Tage das ewig gleiche Programm zu sehen – und zu spielen. Ist denn der Mensch nicht lernfähig? Die «Verhältnisse verändern!», forderten die demonstrierenden Studenten im Pariser Mai 1968 – und kritisierten damit auch den Strukturalismus. Claude Lévi-Strauss’ Werk hat trotz aller Anfechtungen bleibenden Wert für die Kulturanthropologie. Vielleicht auch, weil es in Einklang stand mit der ebenfalls in den späten sechziger und siebziger Jahren aufkommenden grünen Bewegung und dem wachsenden ökologischen Bewusstsein. Was ihm seine Reisen in unberührte Landstriche, zu den wenigen Indianern, die der barbarischen Ausrottung entkommen sind, vor Augen geführt hätten, sei, so Lévi-Strauss «der Schmutz, mit dem wir das Antlitz der Menschheit besudelt haben». Als scharfsinniger Theoretiker und Visionär hat er bereits vor einem halben Jahrhundert das Problem der Ausbeutung der Erde im Namen der Zivilisation angeprangert, das uns heute nicht nur unter dem Schlagwort Klimawandel täglich begegnet. Für uns Erdenbewohner, die wir bereits so «viele Exemplare tierischer und pflanzlicher Arten ausgerottet» und so viel «Wasser und Luft verpestet» haben, letztlich keine gute Nachricht: Die Welt hat ohne den Menschen begonnen, und sie wird, wenn er sich selbst der Lebensgrundlage beraubt, ohne ihn enden.


