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21. November 2008, Beilage Wohnen Ausgabe: Nr. 47 » November 20, 2008

Das Unsichtbare in meinem Wohnen

Lena Gorelik, December 3, 2009
Warum man eigentlich nicht jüdisch wohnen kann.
WOHNEN JUDEN DENN SO ANDERS ALS NICHTJUDEN? Chanukka in Jerusalem

Dass Fernsehen stupide und stumpf macht, wird seit Jahren – und lange vor Marcel Reich-¬Ranicki und Elke Heidenreich – beklagt. Ich gehe in der Kritik noch weiter. Ich sage: Fernsehen macht nicht nur stupide, sondern ist auch noch verlogen. Am Verlogensten sind Dokumentationen, die doch die Wirklichkeit abbilden wollen, eigentlich.
Manchmal bin die Wirklichkeit ich. Manchmal kommen in Sendungen kleine Dokumentationen (Dokumentatiönchen, möchte ich sagen) über die Schriftstellerin Lena Gorelik vor. Sie wollen mich dabei filmen, wie ich lebe, aber wenn ich ihnen sage, wie ich lebe, dann ist ihnen mein Leben doch zu langweilig, für die Kamera ist mein Leben nicht gut genug. Einmal sagte ich einer Journalistin, dass ich in Cafés schreibe und Hunde liebe. Ich besitze leider keinen eigenen Hund, also wollte sie mir den ihrer Nachbarin andrehen, damit ich mit ihm vor der Kamera spiele, und vor der Kamera sollte ich ausserdem in einem Café schreiben, das ich vorher noch nie betreten habe, für das sie aber eine Drehgenehmigung hatte. Und weil ich aus Russland stamme, sollte ich vor der Kamera auch noch in einem russischen Lebensmittelladen einkaufen, von dessen Existenz ich bis dato nichts geahnt hatte.

Jüdisch wohnen

Die Kamera braucht Bilder, spannende, bunte, schubladengeeignete Bilder. Schubladen sind zum Beispiel: «Sie sind doch eine jüdische Schriftstellerin, oder?» Und daraus folgt wiederum: «Können wir nicht bei Ihnen zu Hause drehen, Sie wohnen doch jüdisch, oder?» Jüdisch wohnen, darüber denke ich nach. Ich wohne und ich bin jüdisch, so viel ist klar. Aber wohne ich jüdischer als die Nichtjuden? Darauf inspiziere ich unsere Wohnung: Kerzenständer. Wir haben zu viele davon. Wir zünden selten Kerzen an, Faulheit. Darunter auch: Eine grosse hölzerne Menora auf einem Bücherregal, die haben wir zufällig in einem Museumsshop eines mittelalterlichen Freilichtmuseums in Hessen gefunden, in dem von Juden gar nicht die Rede war. Schabbatleuchter, noch nie benutzt, machen sich prima auf dem Bücherregal. Im Bücherregal: Reiseführer über Israel, zwischen Prag und New York City. Auf dem Fensterbrett im anderen Zimmer eine weitere Menora, ein Erbstück. Nicht diskutabel, weil geerbt. Ich finde ausserdem ein paar CDs mit Klezmer-Musik, ein paar DVDs, die sich mit jüdischen Themen beschäftigen. (Zählt unsere Sammlung von «Curb Your Enthusiasm»-Staffeln hinzu? Produzent und Hauptdarsteller ist immerhin Larry David!). Und: Ist das schon jüdisches Wohnen? Auf dem Bild, das Freunde uns zur Hochzeit gemalt haben, finden sich hebräische Buchstaben, macht das die Wohnung schon jüdischer?

Dinge, die man nicht filmen kann

Ich amazone «jüdisch wohnen». Amazon bietet mir «wohnen» mit einem durchgestrichenen «jüdisch» oder «jüdisch» mit einem durchgestrichenen «wohnen» an. Ich kann Bücher erwerben zu Themen wie «Wohnen mit Farben» oder «Wohnen in Weiss» (kann man heutzutage nicht einfach nur wohnen?) oder alternativ «Jiddische Lieder» und «Koscher durchs Jahr».
Koscher als Stichwort. Ist koscher wohnen jüdisches Wohnen? Oh je. Dann wohne ich nicht besonders jüdisch. Oder gar nicht jüdisch, um ehrlich zu sein. Im Gefrierfach ist noch kalter Putenbraten von meiner jüdischen Mutter, hilft das? Kann man den filmen? Nein. Den esse ich lieber. Mein jüdisches Wohnen kann man nicht filmen. Man kann nicht filmen, wie viel von dem Braten ins recht kleine Gefrierfach passt oder vielmehr hineingedrückt wurde («damit ihr lange davon habt; wenn ich euch nicht koche, dann esst ihr hier ja gar nichts!»); man kann nicht filmen, wie zerfleddert (weil zerlesen) meine Amos-Oz-Bücher sind; nicht das «Masel tow», das einer von uns ruft, wenn der andere etwas zerbricht. Vielleicht, denke ich philosophisch zum Abschluss, bevor ich der Journalistin erkläre, dass das mit dem Filmen von meinem jüdischen Wohnen nichts wird, und nein, sie darf die Menora nicht auf meinen Schreibtisch stellen, denn da steht sie doch auch sonst nicht; vielleicht ist das Unsichtbare das Jüdische daran.    





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