Zu Besuch in der Krisenregion
Am Vormittag des Tages, an dem die Delegation der Gesellschaft Schweiz-Israel beim Sapir College in der Stadt ankommen sollte, gingen zwei Kassem-Raketen auf die Stadt nieder. Doch die Teilnehmer, die die Reise gemeinsam mit der deutsch-israelischen Gesellschaft unternahm, liessen sich dadurch nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Dies wurde von der Dozentin Ruthie Eitan, die für die Aussenbeziehungen des Colleges zuständig ist, ausdrücklich verdankt. In ihren Ausführungen hob die Dozentin hervor, dass das College auf dem Höhepunkt der Beschiessungen vor einem halben Jahr bis zu 40 Raketenalarme am Tag überstehen musste. Sobald ein Alarm ertönt, haben Studenten und Lehrpersonal im Prinzip 20 Sekunden Zeit, um einen Luftschutzkeller aufzusuchen, doch ist dies fast immer aussichtslos. Einmal ging eine Rakete auf dem Parkplatz des Colleges nieder, und ein Student wurde getötet. Ein anderes Mal landete eine Rakete in einem Raum neben dem Hörsaal, in dem Eitan gerade unterrichtete.
In beständiger Angst
Das College, grösster Arbeitgeber der Region, ist wahrlich multikulturell. Unter den 8000 Studierenden gibt es sowohl Juden als auch Muslime, Beduinen, Drusen und Christen. Auch die 2000 Dozierenden und Angestellten stammen aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen, und vor Beginn der zweiten Intifada hatte das College sogar einen palästinensischen Dozenten aus dem Gazastreifen, Minister Soufyan Abu Zayda, der in Yasser Arafats Kabinett auch für die Beziehungen zu Israel zuständig war. Trotz der schwierigen Umstände bemüht sich das College, die akademische Qualität beizubehalten, und keine Abstriche am Programm zu machen. In einem Briefing erläutert Zohar Avitan, der als einjähriges Kind von Marokko nach Sderot gekommen war, das Alltagsleben der Stadtbewohner. Am 16. April 2001 war die erste aus dem Gazastreifen abgeschossene Rakete in der Stadt gelandet. Seitdem gingen über 10 000 Raketen auf Sderot nieder. Zwölf Menschen wurden getötet. Auch wenn die meisten Geschosse auf freiem Gebiet landeten, war der Sachschaden beträchtlich. Unterdessen hätten etwa 15 Prozent der Bewohner die Stadt verlassen, und 70 Prozent der Kinder leiden offenbar an einem posttraumatischen Stress-Syndrom. Für die Einwohner der Stadt scheint es in psychologischer Hinsicht keine Rolle zu spielen, ob eine Rakete pro Woche oder ein Dutzend an einem einzigen Tag niedergingen. Die Angst sei die gleiche. Vom Gipfel eines Hügels unmittelbar vor Sderot sieht man nach Gaza hinüber. Über der nur etwa zwei Kilometer entfernten Grenze zum Gazastreifen schwebt eine Drone der israelischen Armee. Es überwacht den Boden, in der Hoffnung, Freischärler zu registrieren, bevor sie ihre Raketen zünden.
Erneute Angriffe
Vor der Abfahrt machen die Gäste aus der Schweiz und aus Deutschland noch einen Halt bei der lokalen Polizeistation. Im Hof stapeln sich Hunderte von Raketenteilen, sowohl Teile der primitiven Kassem-Raketen als auch der grösseren, etwas weiter entwickelten Grad-Raketen, die auch die entferntere Stadt Ashkelon erreichen können. In den Nachrichten am selben Abend hört man, dass nach der Abfahrt der Delegationen aus Sderot eine weitere Rakete in der Stadt niedergegangen war. Ein Mann wurde von Splittern verletzt.


