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21. November 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 47 Ausgabe: Nr. 47 » November 20, 2008

Einsatz für bedürftige Menschen und Flüchtlinge

von Nicole Dreyfus, November 20, 2008
Der Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen hat seit letztem Mai eine neue Präsidentin. Gabrielle Rosenstein folgt ihrer Vorgängerin Doris Krauthammer in ihrem Engagement für das vom Bund anerkannte jüdische Flüchtlingshilfswerk. Dessen Hauptaufgabe bleibt nach wie vor die Betreuung jüdischer Bedürftiger und Asylsuchender.
UNTERSTÜTZUNG FÜR HILFSBEDÜRFTIGE Immer mehr Familien sind auf die Hilfe des Verbands Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen angewiesen

Eine Studie der Hochschule Luzern, die im Auftrag des Verbands Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen (VSJF) durchgeführt wurde, hat aufgezeigt, dass die Armut der jüdischen Bevölkerung in der Schweiz in den letzten Jahren zugenommen hat. Der VSJF mit Sitz in Zürich möchte diese Entwicklung abschwächen. Er nimmt sich der Aufgabe an, bedürftige jüdische Menschen aus allen Kreisen finanziell und sozial zu unterstützen. Seit Jahren erhalten zahlreiche Antragssteller monatliche Zuwendungen. «Neben der finanziellen Unterstützung bieten wir Sachhilfe an oder vermitteln Betreuerpersonen für allein stehende Menschen, um ihnen das Einkaufen oder das Spazierengehen zu ermöglichen», sagt Gabrielle Rosenstein, die neue Präsidentin des Verbands. Sie trat im Frühling das Erbe von Doris Krauthammer an, die nach zwölf Jahren als Vorstandsmitglied des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) zurücktreten ist und den VSJF in der Geschäftsleitung des SIG vertreten hatte.

Zusammenarbeit erwünscht

Seit der Gründung des VSJF vor nunmehr 80 Jahren, vor allem aber nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland in den dreissiger Jahren, kümmerte sich der Verband massgeblich um Kriegsflüchtlinge und ihre psychologischen Folgeschäden. «Mit unseren Besuchen bei über 90 bedürftigen Holocaust-Überlebenden können wir dazu beitragen, die Betroffenen aus der Isolation zu holen, und ihnen helfen, sie im Sozialressort der lokalen Gemeinden einzubinden», sagt Rosenstein. Es seien aber nicht nur ältere Menschen, die Hilfe benötigen. Es gebe auch viele Familien, die auf Zulagen angewiesen seien, um sich ernähren zu können. Es gehe in erster Linie darum, jüdische Menschen in Not zu unterstützen und den Sozialstellen der Gemeinden in diesen Belangen beratend zur Seite zu stehen.
Der VSJF arbeitet mit diesen Stellen zusammen, kümmert sich aber auch um Menschen, die in keiner Gemeinde Mitglied sind. Rosenstein denkt, dass zwischen den Gemeinden und dem VSJF kein Konkurrenzdenken entstehen darf. Es sollte zu «einer kompetenten Zusammenarbeit von beiden Seiten kommen». Es sei vor allem wichtig, den Notdürftigen professionell unter die Arme zu greifen: «Jemand muss ja die Zahnarztrechnung bezahlen», so Rosenstein.

Ein Beitrag an die Integration

Mit der neuen Präsidentin hat sich auch die Zentrale des VSJF verändert. Die Stelle der langjährigen 97-jährigen Mitarbeiterin Jolanda Gross für die psychosoziale Beratung wird nun neu mit Eran Simchi besetzt. Der frühere Jugendleiter der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich blickt auf eine langjährige Erfahrung im Bereich der sozialen Arbeit zurück. Seine Aufgabe ist es, Menschen, die in einer bedrängten Situation leben, in praktischer Hinsicht zu helfen. «Ich spreche mit ihnen über ihre Lage oder erkläre ihnen den Umgang mit den Behörden», sagt Simchi. Oft gehe es bei ausländischen Familien um das Einleben und die Anpassung im neuen Land, das sie völlig überfordere, sagt der gebürtige Israeli, der pro Woche um die 20 Anfragen erhält. «Manchmal ist es aber auch einfach nur wichtig, den Menschen zuzuhören und ein paar Tipps zu geben.» Simchi ist in ständigem Kontakt mit dem Sozialamt der Stadt Zürich. «Viele Leute haben einfach Angst, wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen, wenn sie ein Problem haben; dies gilt für Menschen aus allen Kreisen», erzählt Simchi.
Neben der psychosozialen Beratung fördert der VSJF auch die Integration von Ausländern. Eine vom Hilfswerk betreute jüdische Gruppe von ehemaligen russischen Flüchtlingen trifft sich monatlich zu einer Gesprächsrunde. Zusätzlich bietet der Verband dreimal wöchentlich Hausaufgabenhilfe für Migrantenkinder von jüdischen und nicht jüdischen Familien aus dem Zürcher Kreis 2 an. Im letztjährigen Geschäftbericht des Verbands wird dieses Engagement bekräftigt: «Unseren Beitrag an die Integration sehen wir als eine äusserst wichtige Aufgabe.»

Ein Pilotprojekt

Bei der jüngsten Integrationsvision des VSJF handelt es sich um ein Pilotprojekt. Um die Chancengleichheit von bedürftigen jüdischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu verbessern, ermöglicht der VSJF eine zweisemestrige Ausbildung mit Abschluss des Bürofachdiploms VSH. Damit soll den Jugendlichen die Möglichkeit gegeben werden, sich im Schweizer Arbeitsmarkt eingliedern zu können. «Vielen Schülerinnen und Schülern ist es vorenthalten, an der Universität studieren zu können oder eine Berufslehre zu machen. Gerade aus bedürftigen Kreisen ist der Einstieg in die Berufswelt sehr erschwert», sagt Rosenstein, die neben ihrer Aufgabe im VSJF selbst als Sekundarlehrerin tätig ist. In Zusammenarbeit mit der Sprach- und Handelsschule Bénédict bietet der VSJF zwei berufsbegleitende Ausbildungen an: den Erwerb eines eidgenössischen Bürofach- oder eines Handelsdiploms. Die Bénédict-Schule rapportiert über Fortschritte, Schwierigkeiten und Ergebnisse der Absolventinnen und Absolventen. Der VSJF wählt die Auszubildenden gemäss ihrer Eignung aus und überwacht die Kosten. Diese werden von der Dorothea-Gould-Foundation getragen.

Teil der Politik

Der VSJF ist der politischer Arm des SIG in Sachen Flüchtlingsfragen. In dieser Funktion ist der Verband Mitglied der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. «In der jüdischen Öffentlichkeit ist oft nicht genügend sichtbar, welche Rolle der VSJF im politischen Diskurs spielt», findet Rosenstein. Der Verband nehme oft Stellung zu Flüchtlingsfragen oder zu Asylgesetzen wie zum Beispiel zum neuen Asyl- und Ausländergesetz, das dieses Jahr in Kraft getreten ist. «Es ist das ausdrückliche Interesse des VSJF, Teil der Schweizer Politik zu sein», unterstreicht Rosenstein. Der VSJF sei ein wichtiger Partner des Bundesamts für Migration auf dem Gebiet des Asylwesens, obwohl die Anzahl jüdischer Flüchtlinge in der Schweiz heute gering sei. Doris Krauthammer bestätigte kurz vor der Abgabe ihres Präsidiums dieses Jahr gegenüber tachles, es sei unheimlich wichtig, dass sich die Juden aufgrund ihrer historischen Kompetenz und diesbezüglichen Sensibilität in der gesamten Asylfrage einbringen können.
Obwohl der Krieg in Georgien keine grosse Flüchtlingswelle in die Schweiz auslöste und unter den wenigen Flüchtlingen auch keine jüdischen Personen waren, führte der VSJF bis Mitte Oktober 639 Befragungen am Flughafen Zürich und beim Bundesamt für Migration in Zusammenarbeit mit dem Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz durch. Trotz der Verschärfungen des neuen Asylgesetzes, über das die Schweizer Stimmbürger im Jahr 2006 befunden hatten, stieg die Anzahl der Befragungen kontinuierlich an. Seit letztem Januar ist der VSJF als einziges Hilfswerk am neuen Aufnahmeverfahren des Flughafen Zürichs beteiligt. Innerhalb einer Frist von 20 Tagen wird die Entscheidung gefällt, ob Asylsuchende in die Schweiz einreisen dürfen oder ob sie ins Ausschaffungsgefängnis eingewiesen werden. Verantwortlich für die Befragungen ist Marta Knieza. Sie koordiniert den Einsatz der 21 Hilfswerksvertreterinnen und -vertreter und organisiert die Rekrutierung des Personals an der Empfangsstelle. Da diese Aufgabe im Auftrag des Bundesamts für Migration durchgeführt wird, vergütet der Bund dem VSJF die anfallenden Kosten. Ansonsten finanziert sich der Verband über die Mitgliederbeiträge der Gemeinden sowie über private Schenkungen und Legate.  

Schon vor Kriegsbeginn tätig

Im Jahr 1925 wurde als Verbund der lokalen jüdischen Armenfürsorgen der Schweiz die gesamtschweizerische Dachorganisation Verband Schweizerischer Israelitischer Armenpflegen gegründet. Ab 1933 wurde dieser zur zentralen Anlaufstelle für die verfolgten jüdischen Flüchtlinge aus dem nationalsozialistischen Deutschland. Als Gründungsmitglied der Schweizerischen Zentralstelle für Flüchtlingshilfe engagierte sich der Verband seit 1936. Bis 1939 organisierte der VSJF den fremdenpolizeilichen Bestimmungen folgend in erster Linie den Transit von Flüchtlingen. Nach Kriegsbeginn standen die Organisation und die Finanzierung des Aufenthalts der Flüchtlinge im Mittelpunkt der Hilfstätigkeit. Die finanziellen Mittel wurden durch die Schweizer Juden sowie durch amerikanische jüdische Hilfsorganisationen bereitgestellt, massgeblich durch das American Jewish Joint Distribution Committee, die Hebrew Immigrant Aid Society und die HIAS-ICA-Emigdirect.
1943 erhielt die Organisation die Bezeichnung Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen/Flüchtlingshilfen. In den Jahren 1933 und 1945 wurden etwa 23 000 Flüchtlinge betreut, unter anderem Überlebende aus den Konzentrationslagern Bergen-Belsen und Theresienstadt sowie Kinder und Jugendliche aus Buchenwald. Zu den Aufgaben und Tätigkeiten zählten damals in erster Linie die Vertretung der Anliegen der Flüchtlinge vor den Schweizer Behörden, die Beschaffung von Kleidern, die ärztliche Versorgung, die Zusammenlegung von Familien und die Unterbringung in Privatunterkünften, Nachforschungen nach Vermissten, Rechtsberatungen sowie die berufliche Aus- und Weiterbildung im Hinblick auf die Rück- und Weiterwanderung. In der Nachkriegszeit unterstützte der VSJF auch zahlreiche Juden bei ihren Wiedergutmachungsanträgen an die Bundesrepublik Deutschland und Österreich. Nach dem Krieg setzte der VSJF seine fürsorgerische Tätigkeit sowie seine Flüchtlingshilfe fort. Er betreute jüdische Flüchtlinge aus zahlreichen Ländern wie Ägypten, Ungarn, der Tschechoslowakei, Polen, der Sowjetunion und Bosnien. Der VSJF hat sich nun über einem halben Jahrhundert auch in der internationalen Flüchtlingsbetreuung einen Namen gemacht.





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