Der Vatikan wehrt sich gegen Kritik
Auch nach dem 50. Todestag des katholischen Kirchenoberhauptes Pius XII. (Eugenio Pacelli) dauert die Kontroverse um seine Rolle während des Holocaust an. Der Protest war entbrannt, nachdem der amtierende Papst Benedikt XVI. seinen einstigen Vorgänger Pius XII. in einem Gedenkgottesdienst Anfang der zweiten Oktoberwoche gewürdigt hatte. Dieser habe oft «im Geheimen» gehandelt, um den Massenmord an den europäischen Juden zu verhindern, sagte Benedikt XVI. Religiöse und politische Organisationen hatten weltweit gegen diese positive Darstellung von Pius XII. protestiert. Zwar erklärte Papst Benedikt XVI. später angesichts der weltweiten Ablehnung, von der Seligsprechung vorerst Abstand nehmen zu wollen. Doch die Politik des Vatikans weist in eine andere Richtung. Anfang November wurde in einem Flügel der Kolonnaden am Petersplatz eine internationale Wanderausstellung über Pius XII. eröffnet. Sie soll einem breiten Publikum «Leben und Wirken dieses Papstes vertraut machen», hiess es zunächst neutral. Die Ausrichter liessen jedoch keinen Zweifel an der politischen Intention offen: Die Fotos, Dokumente und Objekte aus dem Leben von Pius XII. sollten dazu beitragen, «einigen der bösartigen Interpretationen zu begegnen, die einen Schatten auf Pius XII. zu werfen versuchen», wie Walter Brandmüller, Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften, nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur sagte. Kardinalsstaatssekretär Tarcisio Bertone sprach sich nur wenige Tage später gegen jedwede Einmischung von Pacelli-Kritikern in das Verfahren zur Seligsprechung aus. Der Vatikan gibt damit unabhängig von den Äusserungen seines Oberhauptes zu verstehen: Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Verhältnis der katholischen Kirche zum Hitler-Regime findet nicht statt.
Erneutes Lob
Darauf weisen auch Äusserungen von Benedikt XVI. selbst hin. Zum Abschluss eines Kongresses zum Thema «Erbe des Lehramtes Pius’ XII.» lobte Joseph Ratzinger vor wenigen Tagen erneut das Wirken seines Amtsvorgängers. Kritik an dessen Haltung gegenüber den deutschen Faschisten fand sich in der Rede des Pontifex Maximus nicht. Stattdessen bemängelte er, dass sich die öffentliche Debatte über Pius XII. «in übertriebener Weise nur auf eine Problematik des Pontifikats konzentriere» und seine Geschichte «in einseitiger Weise» behandle, wie es in dem Kongressbericht einer vatikannahen Internetsite heisst. Diesen Darstellungen entgegen habe Pacelli zahlreiche positive Eigenschaften gehabt. So habe er die Wissenschaft bewundert und zugleich «mit einem ausserordentlichen Weitblick» verfolgt, indem er etwa vor den Gefahren der Kernkraft gewarnt habe. Berühmt seien auch seine Aufrufe zur sozialen Lage gewesen. All dies sei «auch für Christen von heute von unschätzbarem Wert».
Jüdische Organisationen verfolgen solche widersprüchlichen Stellungnahmen mit zunehmendem Unmut. Die Amerikanische Vereinigung jüdischer Holocaust-Überlebender und ihrer Nachfahren (AGJHSD) hat bereits eine internationale Kampagne gegen die offenbar weiterhin geplante Seligsprechung des umstrittenen Papstes gestartet. Ein solcher Schritt des Vatikans würde schliesslich «eine Tragödie für die katholisch-jüdischen Beziehungen» bedeuten, warnte der Vizepräsident der AGJHSD, Elan Steinberg. Soweit überliefert ist, sei Pius XII. zwar nicht «Hitlers Papst», aber der «schweigende Papst» gewesen, so Steinberg weiter. Es sei deswegen an der Zeit, dass sich Holocaust-Überlebende gegen die Pläne der katholischen Kirchenspitze aussprechen. Steinberg selbst ist der Sohn eines Holocaust-Überlebenden. Ende Oktober bereits war im Vatikan eine Delegation des Internationalen Jüdischen Komitees für Interreligiöse Beziehungen zu Gast. Als Vorsitzender der Abordnung drängte Rabbi David Rosen bei einer Privataudienz mit Joseph Ratzinger schon bei dieser Gelegenheit auf einen Zugang zu den vatikanischen Geheimarchiven. Dies sei nötig, «um ein historisch glaubwürdiges Urteil fällen zu können», so Rosen.
Zurzeit keine Akteneinsicht
Doch auch mit dieser Forderung stossen jüdische Organisationen auf wenig Gegenliebe in Rom. Ein Sprecher des Vatikans, Federico Lombardi, kündigte eine Öffnung der Aktensammlung nicht vor dem Jahr 2014 an. Die «Arbeit der Katalogisierung und Sichtung» der über 16 Millionen Unterlagen sei «zu zeitaufwändig», so Lombardi. Auch sei «das notwendige spezialisierte Personal begrenzt». Es stellt sich die Frage, warum nicht mehr Personal zur Verfügung gestellt wird. Inzwischen wächst bei jüdisch-christlichen Organisationen die Sorge um das interreligiöse Verhältnis der beiden Religionsgruppen. Ende Oktober veröffentlichte in Deutschland der Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit einen offenen Brief an Benedikt XVI. zur laufenden Debatte. Mit «grosser Besorgnis» hätten die 83 Gesellschaften des Koordinierungsrates die Kontroverse wahrgenommen, heisst es in dem Schreiben. Die Verbandspräsidenten jüdischen, evangelischen und katholischen Glaubens verweisen auf Ratzingers positive Haltung zur geplanten Seligsprechung Pacellis. Vor diesem Hintergrund appellieren die Autoren des offenen Briefes «mit grosser Dringlichkeit» an den Papst «als Vertreter von Glaube und Vernunft, (...) alle historisch relevanten Quellen in den Archiven des Vatikans (...) zur Sichtung freizugeben». Ohne den historischen Nachweis seines Eintretens für die Juden in der Nazizeit würde eine Seligsprechung von Pius XII. «den Verlust der emotionalen Bindung von Katholiken an das päpstliche Amt» sowie «das Leid der jüdischen Nachfahren» verstärken. Nach der Auseinandersetzung um die als antisemitisch wahrgenommene Karfreitagsliturgie in diesem Jahr stehe es um den christlich-jüdischen Dialog ohnehin nicht gut. Und dieser Dialog sei «nicht grenzenlos belastbar», schreiben die Verfasser des Briefes, der ein Moratorium der Seligsprechung von Pius XII. verlangt.


