Wie geht es uns?
Laut Moshe Wjatscheslaw Kantor schaffe vor allem die Finanzkrise einen Nährboden für Antisemitismus. Vielleicht eher für eigene unangenehme Ereignisse: Laut «Bilanz» soll der promovierte Spezialist für Kontrollsysteme in Raumfähren, der im Düngerbusiness reich geworden sei, mit seiner russischen Akron AOA, dem weltweit grössten Düngerproduzenten, wegen der Finanzkrise «happige Kursverluste» erlitten haben. Sein Vermögen habe sich auf knapp eine Milliarde Franken halbiert. Die «Bilanz» berichtet in einem Satz von Kantors neuer Residenz in Genf, zu der eine private Kunstgalerie von mehr als 400 Quadratmetern gehöre. Es wird aber im Rahmen der Vorstellung des «Schweizer Oligarchenklubs» keineswegs erwähnt, dass Kantor jüdisch ist. Worauf beruht der vom EJC-Präsidenten in den Raum gestellte Zusammenhang zwischen Finanzkrise und Antisemitismus? Beweise hat er keine angeführt. Gibt es Parallelen zur Wahrnehmung an der Verkehrsampel, welche die Antisemiten immer dann auf Rot schalten, wenn man selber davor steht?
Moshe Kantor brachte seine Klagen ausgerechnet am prominent besuchten Gedenkanlass zur 70. Wiederkehr des Pogroms vom 9. November 1938 in der grossen Synagoge von Brüssel an. Zuhörer waren Spitzenvertreter der EU, der belgischen Regierung und jüdischer Organisationen. 70 Jahre danach, sagte Kantor, seien Leben und Besitz der Juden noch immer von Intoleranz und Hass bedroht: «Die Kräfte von Extremismus, Antisemitismus und Intoleranz sind auf manche Weise heute stärker, als sie jemals waren.»
Moshe Kantor sprach dann von Iran, das sich mit Hilfe von 6000 europäischen Firmen zur Nuklearmacht entwickle, die «nicht nur die Juden bedrohe, sondern auch den Mittleren Osten, Europa und andere». Da hat er sicher Recht. Aber er benützte einen der wichtigsten Anlässe zur Erinnerung an die «Kristallnacht» für unbelegte Vorwürfe, die an Verlautbarungen der letzten Führung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) erinnern.
Moshe Kantor hat kürzlich den «Europarat für Toleranz und Versöhnung» (European Council on Tolerance and Reconciliation ECTR) gegründet, mit prominenten früheren Spitzenpolitikern wie Rita Süssmuth und Vaclav Havel, präsidiert von Aleksander Kwasniewski, dem ehemaligen Präsidenten Polens. Der Einsatz für Toleranz und Versöhnung ist immer gut. Aber Kantor sollte ihn nicht durch unbewiesene Behauptungen in Bezug auf Juden präjudizieren. Gefragt wären am Lebensabend der letzten Holocaust-Überlebenden innovative Konzepte für die Zukunft, eine Stärkung des seit Jahrtausenden angeschlagenen Selbstbewusstseins der jüdischen Menschen und die Entwicklung neuer Inhalte der jüdischen Identität. Sonst mutiert auch der ECTR zu einem Etcetera.


