Tatort Spielfeld
Die immer wieder aufkommende Hoffnung, dass Sport vereinigend, neutral und frei von rassistischen Ressentiments sein kann, schwindet aufgrund vermehrt auftretender gewalttätiger Vorkommnisse der jüngsten Vergangenheit. Besonders im Männerfussball und auch im Juniorenfussball – eine relativ neue Erscheinung – stellen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus eine Gefahr für die Sportkultur dar, wobei das Spektrum von diskriminierenden Verhaltensweisen bis hin zu tätlichen Übergriffen reicht. Aufgrund dieser Erfahrungen scheint nun auch in Bern Bewegung in die Politik zu kommen. So bestätigt Jonathan Kreutner, Geschäftsführer der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA), gegenüber tachles: «Es sind aktuell Bestrebungen im Gange, eine nationale Koordination im Bereich Antirassismus im Schweizer Fussball zu bilden.» Nähere Einzelheiten sowie die Namen der sich beteiligenden Partner stünden derzeit aber noch nicht abschliessend fest.
Auch der Weltfussballverband FIFA und ihr Präsident Joseph Blatter beobachteten in den vergangenen Jahren einen gravierenden Anstieg von offen geäussertem Rassismus, Antisemitismus und von Fremdenfeindlichkeit. Da Verbote und Repression offensichtlich keine Lösung für das Problem sind, bedarf es vor allem flankierender Massnahmen durch vor allem präventive Ansätze. In der gesamten deutschsprachigen Schweiz setzen sich daher Verantwortliche mit diesem Thema auseinander und versuchen, der Situation Herr zu werden.
Steter Antisemitismus
Dies war nicht immer so: Noch Anfang der neunziger Jahre waren antisemitische Verunglimpfungen im Schweizer Fussball durchaus an der Tagesordnung, wie das unrühmliche Beispiel des Grasshopper-Clubs in Zürich beweist: Gemäss einer Studie wurden jüdische Spieler noch zu dieser Zeit gar nicht in den Club aufgenommen. Auf dem Spielfeld durften jüdische Gegner angeblich ungestraft mit antisemitischen Ausdrücken beleidigt werden. So hat der ehemalige israelische Nationalspieler Avi Tikva, der ab 1997 in der Schweiz bei den Grashoppers und bei den Young Boys spielte ausgesagt: «In den Stadien wurde ich manchmal von gegnerischen Fans als Saujude betitelt.» Die Geschichte lässt sich bis heute – so zeigt der jüngste Vorfall – fortschreiben. Bereits im Jahr 2004 sorgte ein Vorfall auf dem Zürcher Sportplatz Buchleren für Aufmerksamkeit, als ein türkischer Spieler seinen Gegner vom FC Hakoah mit den Worten «Du Saujud, man müsste euch alle vergasen» beschimpfte. Damals wurde der Match ohne Kommentar vom Schiedsrichter weitergespielt, heute wird beim aktuellen Vorfall, bei dem der genaue Tathergang noch geklärt wird, restriktiver reagiert – der Präsident hat die betroffene Mannschaft FC Industrie Turicum von sich aus bis auf Weiteres gesperrt, und der Fussballverband Region Zürich ermittelt.
Ebenso wurde auf die rassistischen Ereignisse in einem Extrazug des FC Basel Ende August 2007 (vgl. tachles 51/07) und auch auf die rassistischen Ausschreitungen beim Spiel Luzern–Basel im September 2007 reagiert: Der Basler Fussballverein entschuldigte sich bei den Betroffenen und rief spontan eine Fachgruppe gegen Antisemitismus und Rassismus ins Leben, die sich unter dem Motto «Hinschauen statt wegschauen.» nachhaltig gegen Rassismus, Extremismus und Neonazismus einsetzen möchte. Joseph Zindel, Mediensprecher des FCB, betont gegenüber tachles: «Die Fachgruppe wurde nicht nur definiert und aufgegleist, sie ist mittlerweile richtig in Fahrt gekommen». So ist zusammen mit der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB) im Dezember die Aktion «IGB goes FCB» geplant, an der Gemeindemitglieder in den Genuss einer exklusive Stadionführung mit anschliessend koscherem Apéro kommen. An dem Anlass werden neben Zindel voraussichtlich FCB-Vizepräsident Berhard Heusler, Trainer Christian Gross und Spieler Ivan Ergic teilnehmen. «Wir möchte die Gelegenheit zu einem informellen Austausch bieten», so Zindel, der innerhalb der Arbeitsgruppe weitere Aktionen plant. Überdenkenswert wäre vielleicht eine «Gegenaktion», bei der den Spielern des FCB ein Einblick in die IGB gewährt werden könnte – denn es kommt die Frage auf, bei welcher der beiden Seiten Aufklärung und Annährung mehr von Nöten ist.
Europaweite Vernetzung
Ende Oktober fand die 9. Auflage der Aktionswoche von Football Against Racism in Europe (FARE), dem Netzwerk gegen Rassismus in Europa, auch in der Schweiz statt. Insgesamt beteiligten sich 40 europäische Länder – eine Rekordzahl. Motiviert auch durch eine Reihe rassistischer Zwischenfälle während der aktuellen WM-Qualifikation setzte der europäische Fussball so ein Zeichen gegen Rassismus und Diskriminierung. Die Initiative wird vom europäischen Netzwerk koordiniert und von der UEFA unterstützt. In der Schweiz beteiligten sich wie auch schon in den Jahren zuvor die Berner Young Boys. Stadion-CEO Stefan Niedermeier verweist darauf, dass sich die FARE-Aktionswoche in Bern mittlerweile eingebürgert habe. Aktionen wie diese machen auf Missstände aufmerksam und vereinen die Gegner von Diskriminierung und Rassismus. Jonathan Kreutner befürwortet Netzwerke wie FARE und setzt sich mit der GRA für eine koordinierte Präventionsarbeit ein. Während der Euro 08 koordinierte die GRA zum Beispiel die Kampagne «Vereint gegen Rassismus», die nach seiner Ansicht Wirkung auch über die Europameisterschaft hinaus zeigt: «Die bestehenden Antirassismus-Projekte und Antirassismus-Organisationen in der Schweiz haben durch diese Kampagne an der Euro nachhaltig an Renommee und Beachtung gewonnen.» Somit sei die Sensibilisierung für Rassismusfragen hierzulande erhöht worden – eine notwenige Entwicklung, will man künftig dem Rassismus und Antisemitismus im Schweizer Fussball eine professionelle Antwort bieten.
Die soziale Kraft des Fussballs
Unterstützung sollten die europäischen Akteure bei der FIFA und ihrem Präsidenten finden. So engagierte sich Joseph Blatter stets gegen jegliche Form von Diskriminierung und setzte sich 1994 massgeblich für die Aufnahme des Landes in die Vereinigung Europäischer Fussballverbände UEFA ein. Ende Oktober besuchte er neben anderen Ländern der Region auch Israel, wo er den Grundstein für das zukünftige Trainingszentrum des Nationalteams in Shefayim legte. Im Peres-Zentrum für Frieden sprach Blatter über die soziale und erzieherische Kraft des Fussballs unter dem Motto «Hürden durch die Hilfe des Sports überspringen», und Shimon Peres fügte hinzu: «Der Fussball ist die beste Einführung für den Frieden.» Die jüngsten Ereignisse sowohl hier in der Schweiz als auch andernorts erwecken einen anderen Anschein und beweisen einmal mehr, dass die Bekämpfung von Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus im Fussballsport kein einmaliger Akt, sondern ein langfristiges und nachhaltiges Anliegen aller Verantwortlichen sein muss.


