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7. November 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 45 Ausgabe: Nr. 45 » November 6, 2008

Symbol und Agent des Wandels

November 6, 2008
Mit der Wahl von Barack Obama zum Präsidenten demonstriert Amerika den Wunsch nach Erneuerung und zeigt: Konstant ist in den USA nur der Wandel.
AMERIKA IN EINE BESSERE ZUKUNFT FÜHREN Barack Obama und sein Vize Joe Biden

Als Barack Obama am Mittwochmorgen kurz nach Mitternacht vor die unüberschaubare Menge seiner Anhänger in Chicago tritt, sagt Joanne mit Tränen in den Augen: «Vor vier Jahren haben wir um diese Uhrzeit noch auf einen Sieg in Ohio gewartet, der nie gekommen ist.» Obama hat nicht nur Ohio und Florida gewonnen, an denen sich seine Vorgänger die Zähne ausgebissen hatten, sondern auch als erster Demokrat seit Jimmy Carter Nordkarolina und Virginia.
Dazu kommt sein sensationeller Sieg in Indiana, das zuletzt 1964 für die Partei Obamas gestimmt hat. Doch sein Erdrutschsieg ist dem ersten schwarzen Präsidenten Amerikas nicht zu Kopf gestiegen. Obamas Rede ist ernst. Aus seinen Worten spricht nicht Triumph, sondern das Bewusstsein der Verantwortung, um die er zwei Jahre lang so hart gekämpft hat.
Obama bedankte sich bei seinen Wählern, die ihm «die Gelegenheit gewähren, den Wandel herbeizuführen, den Amerika braucht» und er sprach seinem unterlegenen Gegner John McCain seinen Respekt aus. Dann rief er die ganze Nation auf, «im neuen Geiste eines Patriotismus zu handeln und in den Dienst der Nation zu treten», um Amerika in eine bessere Zukunft zu führen. Erst verhalten, dann mit voller Stimme fiel die Menge in Chicago in die Worte Obamas ein, die Amerika so oft gehört hat: «Yes, we can!»
In Joannes Wohnzimmer sprechen die Gäste den Slogan ergriffen mit. Die pen-
sionierte Mathematiklehrerin und ihr Mann Biddle haben ein Dutzend Freunde und Verwandte in ihr Haus in Connecticut eingeladen, um unentschlossene Wähler in umkämpften Staaten am Telefon in letzter Minute von Obama zu überzeugen. Alle in der Runde haben teilweise Tausende von Dollars für Obama gespendet. Die Studentin Hannah ist wie fünf Millionen andere Freiwillige seit 18 Monaten in ihrem eigenen Wahlkreis und im ganzen Land von Tür zu Tür gezogen, um Wähler anzusprechen. Hannah war vor drei Wochen auch zu Besuch bei ihren jüdischen Verwandten in Florida, um dem alten Onkel und seiner Frau die Zweifel an Obamas Verbundenheit mit Israel zu nehmen. Letzten Meldungen zufolge konnte der Demokrat landesweit 77 Prozent der jüdischen Stimmen auf sich vereinen, etwas mehr als sein Parteifreund John Kerry bei den Wahlen im Jahr 2004. Nun freuen sie Hannah, Joanne und ihre Mitstreiter über den gewaltigen Sieg Obamas, zu dem auch sie beigetragen haben. Der 48-jährige Sohn eines Kenianers und einer Weissen aus Kansas konnte nicht nur als erster Demokrat seit Jimmy Carter die absolute Mehrheit der Stimmen auf sich vereinen. Obama hat zwei Drittel der Latinos und der Jungwähler, aber mit 43 Prozent auch einen höheren Anteil der Weissen überzeugt, als Bill Clinton 1996. Er hat seinen Sieg also nicht nur enthusiastischen Studenten und den Schwarzen zu verdanken, die sich zu 96 Prozent hinter Obama gestellt haben. Dass Obama nicht nur an den Küsten, sondern in jeder Ecke des Landes und in vielen Milieus gewonnen hat, ist jedoch nicht allein seiner Organisation und den 700 Millionen Dollar Spenden seiner Anhänger zu verdanken.

Präsident aller Amerikaner

Obamas Sieg zeugt von den ausserordentlichen Problemen, in denen sich das Land befindet. So erklärte ein Kontakt von tachles bei den Demokraten in Ohio kurz vor der Wahl: «Zitieren Sie mich nicht namentlich, aber wir können nur dem lieben Gott danken, dass die Investmentbank Lehman Brothers am 15. September kollabiert ist und nicht erst Anfang dieser Woche. Die Kernschmelze an den Finanzmärkten hat den Leuten hier die letzten Illusionen über die Republikaner und John McCain geraubt.» Tatsächlich haben die Umfragen Mitte September eine dramatische Wende verzeichnet: Nachdem McCain am Tag des Lehman-Bankrotts erklärt hatte, die US-Wirtschaft sei «fundamental robust», verwandelte sich seine knappe Führung in eine Unterlegenheit von fünf bis zehn Prozent, die er nicht mehr wettmachen konnte. Weder seine wilden Attacken auf den angeblich «unamerikanischen» Obama noch sein populistisches Maskottchen «Joe, der Klempner» aus Toledo im Norden Ohios konnten die Niederlage des bis zum letzten Moment kämpfenden Kriegsveteranen abwenden. McCain hat jedoch sein wahres Format bewiesen, als er Obama in der Wahlnacht seine Kooperation versprochen und seine buhenden Anhänger aufgerufen hat, mit dem ersten afroamerikanischen Präsidenten zusammenzuarbeiten. Obama nahm den Faden auf, indem er der Nation in seiner Siegesrede versprach, für «alle Amerikaner» einzustehen, nicht nur für seine Wähler.
Aber die überraschend guten Resultate der Demokraten in Ohio, Pennsylvania und sogar in Indiana, vor allem aber in Südstaaten wie Virginia, Nordkarolina und auch Florida sprechen für tiefer liegende Umwälzungen, die bei diesen Wahlen die Form eines Mandats für
Obama und sein Versprechen des «Wandels» angenommen haben. So hat der Kolumnist Richard Cohen am Wahltag in der «Washington Post» an Präsident Lyndon B. Johnson erinnert, der 1964 bei der Verabschiedung der Bürgerrechtsgesetze für die Schwarzen erklärt hatte: «Damit verlieren wir Demokraten den Süden für eine Generation.» Dass es mit Obama einem jungen, schwarzen Liberalen aus dem urbanen, nördlichen Chicago gelungen ist, derartige Einbrüche im seit der Nixon-Ära solide republikanischen Süden zu erringen, spricht tatsächlich für einen Generationenwandel: Rassenvorurteile scheinen dramatisch an Kraft verloren zu haben.

Der Wille zur Erneuerung

Richard Nixon hat das Ressentiment der «schweigenden Mehrheit» in der weissen Mittelklasse erkannt und für die Republikaner instrumentalisiert. Die «Grand Old Party» führt seither den Patriotismus und moralische «Keil-Themen» wie die Abtreibung ins Feld, um kulturell-konservative weisse Arbeiter und Angestellte von den «sittlich verwahrlosten», urbanen Demokraten abzuspalten. Obama hat den Wählern dagegen ein Programm der Partizipation angeboten: Er hat nicht nur die Bereitschaft von Bürgern wie Joanne und Hannah erkannt, am politischen Prozess teilzunehmen, sondern in seiner Siegesrede erneut betont, er wolle die Nation «von unten nach oben erneuern». Dass er Amerika damit ein gewaltiges Versprechen geleistet hat, ist bei allem Enthusiasmus auch Joanne klar: «Ich kann ehrlich gesagt noch nicht so richtig erkennen, wie Obama diese Erneuerung praktisch gestalten will.» Ihr Mann Biddle fasst dagegen den historischen Moment in Worte: «Wir sind ein grosses Land und zeigen, dass wir willens sind, uns zu erneuern. Jetzt muss
Obama zeigen, ob er ein grosser Präsident ist und uns dabei helfen kann.»
Hannah denkt indes darüber nach, was aus der «Grassroots»-Bewegung werden soll, die Obama zum Sieg getragen hat: «Unser Mann hat sich ja auch gegen das Establishment bei den Demokraten durchgesetzt. Jetzt muss er uns junge Fans einbinden und seine eigene Partei erneuern.» Allerdings machen sich Experten wie der Internet-Guru Don Tapscott bereits seit einiger Zeit darüber Gedanken, wie die «net generation» nicht nur im Wahlkampf, sondern permanent an der Politik partizipieren kann. Tapscott hat 1998 den Klassiker «Growing Up Digital» verfasst und am Vorabend der Wahl vorgeschlagen, einen «digitalen Brainstorm» im Internet zu etablieren. Ein solches Forum soll eine breite Diskussion über fundamentale gesellschaftspolitische Fragen ermöglichen und dem Establishment in Washington mit «kollektiver Weisheit aus dem Web» auf die Sprünge helfen.
Derartige Visionen sind gar nicht aus der Luft gegriffen. Der Demoskop John Zogby hat jüngst in seinem Bestseller «The Way We'll Be» eine «Transformation des amerikanischen Traums» beschrieben, die Obamas Erfolg erklärt. Unter dem Eindruck schwindender wirtschaftlicher Chancen sind die Amerikaner laut Zogby bescheidener in ihren materiellen Erwartungen geworden, aber auch offen für eine nachhaltige Lebensweise und eine neue Gemeinschaftlichkeit. Obwohl sie den Autoritäten in Politik und Wirtschaft immer weniger trauen, fordern die US-Bürger vom Staat, ihre Altersversorgung und die Ausbildung ihrer Kinder sicherzustellen. Und im Kontrast zu gängigen Vorurteilen im Ausland wünschen sich die meisten US-Bürger auch nicht, dass Washington dem Rest der Welt den Takt vorgibt – ihnen schwebt Zogby zufolge auch ein globales Miteinander vor, in dem Amerika im Verein mit anderen Nationen gemeinsame Probleme wie den Klimawandel anpackt. In der Wahlnacht sind sich die Medien-Kommentatoren und die Gäste von Joanne völlig einig
darin, dass die Welt Obama die Chance geben wird, auch das internationale Ansehen Amerikas zu erneuern.
Während die erste Begeisterung über den Erdrutschsieg Obamas abklingt, wirkt die von Zogby umrissene «Verschiebung der tektonischen Platten in der amerikanischen Gesellschaft» wie eine Blaupause für das von Obama umrissene Programm der Veränderung und der Erneuerung. Der Demokrat erscheint so in zweifacher Hinsicht als «transformative Figur»: als Symbol und Agent eines Wandels, der noch nach neuen Formen sucht, aber als Prinzip die bleibende Konstante in dieser angeschlagenen, aber immer noch erstaunlich vitalen Gesellschaft ist.





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