Kampf um das Gedenken
Der 9. November ist der Tag, an dem sich Deutschlands Weg mehrmals wendete. Vor 90 Jahren, am 9. November 1918, trat der Kaiser zurück, das Kaiserreich fiel in sich zusammen und die Sozialdemokraten riefen die Republik aus. Fünf Jahre später versuchte Adolf Hitler einen Putsch, indem er mit einigen Getreuen in München zur Feldherrenhalle marschieren wollte, aber von Polizei mit Waffengewalt gehindert wurde. Vor 70 Jahren, am 9. November 1938, brannten in ganz Deutschland in einem staatlich angezettelten Pogrom Synagogen und viele weitere jüdische Einrichtungen. Und vor 20 Jahren öffnete die DDR-Führung die Mauer, die die beiden deutschen Staaten trennte.
Geschichtsverdrehung
Wie bereits die Nationalsozialisten erachten viele Rechtsextreme die Ausrufung der Republik auch heute noch als «Verrat an einer ungeschlagenen Armee», da das
Kaiserreich durch einen «Dolchstoss» von innen gefallen sei. Den Hitler-Putsch verklären sie als eine Tat «junger deutscher Idealisten, welche von flammendem Gerechtigkeitsempfinden und Liebe zu ihrem Volk beseelt, die Ehre ihres Vaterlandes wiederherzustellen» getrachtet hätten. In rassistisch motivierter Opfer-Täter-Umkehr behaupten viele Neonazis, Juden selbst seien die Drahtzieher der Pogromnacht gewesen. Diese habe, so der untergetauchte Neonazi-Justizflüchtling Gert Ittner im Jahr 2004, für «die Reichsführung völlig überraschend» stattgefunden: «Niemand konnte – trotz der allgemeinen Unbeliebtheit der Juden im Deutschen Volk – zu jenem Zeitpunkt weniger Interesse an einem solchen Ausbruch des Volkszorns gegen diejenigen haben (...) als die politische Führung des Deutschen Reiches.» Ittner orakelt: «Wieder wurde Deutschland Opfer einer Intrige, deren Hintermänner der Erkenntnislage» demnach in jüdischen Kreisen zu suchen sind.
Und den Mauerfall sehen Rechtsextremisten als Tag der Gründung der «Gross-BRD: noch immer ohne Friedensvertrag (den ohnehin nur das Deutsche Reich schliessen kann)» und «unter andauernder Kuratel USraels mit erheblichem jüdischen Einfluss auf die als Marionettenregierung eingesetzten Vasallen der Siegermächte». So umschrieb es vor vier Jahren Gerd Ittner, unter anderem Ex-Mitglied der NPD und heute untergetauchter Justizflüchtling.
Zweifelhaftes Gedenken
Ausrufung der Republik, Hitler-Putsch, «Reichskristallnacht», Mauerfall. Der 9. November ist aber auch Anlass für vielfältiges Gedenken. Einerseits gedenken Rechtesextreme bei konspirativ durchgeführten Veranstaltungen der «Gefallenen der Bewegung» des Jahres 1923, andererseits attackieren sie staatliches oder zivilgesellschaftliches Erinnern an die «Reichskristallnacht» aktionistisch.
Im vergangenen Jahr beispielsweise legten Rechtsextreme in der fränkischen Kleinstadt Weiden (nähe Nürnberg) Steine mit den Namen von NS-Verbrechern wie Heinrich Himmler oder Adolf Eichmann auf den jüdischen Friedhof und entfernten gleichzeitig Gedenksteine mit den Namen der während der NS-Zeit ermordeten jüdischen Bürger der Stadt. Nach der Gedenkstunde zur «Reichspogromnacht» am 9. November 2006 am Gedenkstein für die einstige Synagoge in Frankfurt/Oder rissen Neonazis die niedergelegten Blumengebinde weg, zertraten sie und schlugen Grablichter kaputt. Zwei der Angreifer urinierten auch auf den Gedenkstein. Als die Polizei eingriff, wurde mehrfach aus der Gruppe heraus «Sieg Heil!» gerufen. Am gleichen Tag entwendeten Unbekannte nach einer Gedenkveranstaltung die Ehrenkränze von einem Denkmal am jüdischen Krankenhaus in Berlin. Im brandenburgischen Bernau machten sich einige NPD-Anhänger bei einer offiziellen Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Reichspogromnacht breit. Am 9. November 2006 organisierte die Burschenschaft Franconia zu Münster eine Vortragsveranstaltung zu den «verlorenen deutschen Ostgebieten».
Ein «Kampf der Symbole»
Wenn Rechtsextreme an den Tagen um den 9. November aufmarschieren, führen sie ihren «Kampf der Symbole». Eine geschändete Gedenkstätte erinnert nicht mehr an die Opfer des Nationalsozialismus, sondern an die Gegenwart des heutigen Rechtsextremismus. Ein aufgesprühtes Hakenkreuz verschiebt die Zeitkoordinaten des Gedenkens: Nicht die Vergangenheit mahnt die Heutigen, sondern ein Symbol der Vergangenheit dominiert die Gegenwart. Aus dem «Nie wieder» wird ein «Wir sind wieder da!».
Manchmal nutzen Rechtsextreme den Gedenktag aber auch, um die Gründung eigener Organisationen historisch aufzuwerten. Im Tagungshaus des Collegium Humanum (CH) im nordrhein-westfälischen Vlotho gründete am 9. November 2003 die internationale «Crème» der Holocaust-Leugner den Verein zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten. Der auf Initiative des notorischen Antisemiten Horst Mahler ins Leben gerufene Verein, dessen erster Präsident der Schweizer Bernhard Schaub war, wollte einen «Feldzug gegen die Offenkundigkeit des Holocaust» führen. Bei der Gründungsversammlung bezeichnete die CH-Leiterin Ursula Haverbeck die Reichspogromnacht als den «Beginn der grossen Lüge, die endgültig zu Fall zu bringen Anliegen unseres Vereins sein wird: die Auschwitz-Lüge». Ende April 2008 verbot der deutsche Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble sowohl das Collegium Humanum wie den Verein der Holocaustleugner.


