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7. November 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 45 Ausgabe: Nr. 45 » November 6, 2008

Boomende Vorzeigestadt

von Lior Dattel und Lital Grossman, November 6, 2008
Die Wohnungspreise in Tel Aviv steigen raketenhaft in die Höhe, es hat nicht genügend Parkplätze und die Vorschulklassen sind heillos überlastet. Dennoch geht es der Stadt eigentlich ganz gut.
TEUER UND RAR Im Zeitraum zwischen 2006 und 2008 sind die Wohnungsmieten in Tel Aviv um 57 Prozent gestiegen

Tel Aviv ist unbestritten die kulturelle Hauptstadt Israels, das dynamischste Unterhaltungszentrum und das grösste Geschäftszentrum des Landes. Tel Aviv zieht junge Leute aus ganz Israel an. Dank einer in den letzten Jahren ausgezeichneten Steuerverwaltung ist es der Stadtverwaltung gelungen, Budgets für die Förderung der Stadt zum Wohl ihrer Einwohner zu reservieren. Nach Jahren der Vernachlässigung sieht Tel Aviv heute besser aus als auch schon. All dies brachte der Stadt im Städte-Index der Wirtschaftszeitung «The Marker» und des Gratisblattes «Hair» den vierten Rang ein. Dennoch ist nicht alles rosig. Zu den seit Jahren bekannten Problemen wie Parkplatz-Knappheit, ungenügendes öffentliches Verkehrsnetz und Umweltverschmutzung kommt heute eine Wohnungsknappheit hinzu, welche junge Leute aus der Stadt vertreibt. Es werden weniger Neubauten errichtet und weniger junge Paare lassen sich in Tel Aviv nieder.
In den letzten Jahren unterzog sich Tel Aviv einem Facelifting, das es sich dank einer Rieseninvestition von durchschnittlich 977 Schekel pro Einwohner in den Jahren 2004 bis 2006 leisten konnte. In den anderen untersuchten Städten machte dieser Betrag im Durchschnitt lediglich 601 Schekel pro Kopf aus. 2006 gab Tel Aviv 558 Millionen Schekel für die Stadtentwicklung aus, und laut Angaben der Stadtverwaltung stieg diese Summe letztes Jahr auf 800 Millionen.

Überall Renovationen

Die Verbesserungen sind augenfällig: Die Kaplan-Strasse wurde verbreitert, und die Häuser der ehemaligen Templersiedlung Sarona wurden in einer komplizierten und teuren Aktion an einen anderen Ort verlegt, um Platz für einen gepflegten Park zu machen. Die Ibn-Gvirol-Strasse wird derzeit renoviert. Das hat zwar Ärger bei den Anwohnern gemacht, doch das Erinnerungsvermögen der Menschen ist bekanntlich ein kurzes. Entlang der Strasse werden Fahrradwege angelegt, und es wurden Quartierparks und Spielplätze errichtet. Das akkumulierte Defizit von Tel Aviv ist mit 785 Millionen Schekel (per Ende Dezember 2006) zwar beachtlich, doch die Situation der Stadt präsentiert sich trotzdem in einem viel besseren Licht als die anderer untersuchter Städte. Im Entwicklungsbudget von Tel Aviv ist ein riesiger Überschuss von 1,2 Milliarden Schekel verborgen, und auch angesichts der hohen Bevölkerungszahl der Stadt stellt dieser Überschuss einen Betrag von über 900 Schekel pro Kopf der Einwohner dar, verglichen mit einem durchschnittlichen Fehlbetrag von 181 Schekel in den anderen untersuchten Städten.
Tel Aviv ist Israels wichtigstes Geschäftszentrum, und so sind kommerzielle Steuern die wesentlichsten Einnahmequellen der Stadt. Verglichen mit anderen untersuchten Städten (21 Prozent) tragen die Einwohner von Tel Aviv mit 14,7 Prozent proportional am wenigsten zum Haushalt der Stadt bei. Die Einwohner profitieren also von Dienstleistungen, für die sie nicht direkt bezahlen. Als Folge sind Tel Avivs Ausgaben pro Einwohner mit 7000 Schekel klar höher als der Durchschnitt der anderen Städte (4700 Schekel).
Auf der anderen Seite wirft man Tel Aviv vor, seinen Verwaltungsangestellten überrissen hohe Löhne zu bezahlen. Die Stadt steht auf der «schwarzen Liste» des Lohnüberwachers beim Finanzministerium. Dem hält ein Sprecher der Stadtverwaltung entgegen, dass alle Unregelmässigkeiten bezüglich Lohn («wenn es solche denn überhaupt gegeben hat») korrigiert worden seien. «Die Löhne aller Angestellten der Stadtverwaltung sind vom Lohnüberwacher überprüft worden.»

Zu teure Wohnungen

Das schlechte Transportwesen und die Parkplatznot bereiten den Einwohnern von Tel Aviv weiterhin Sorgen. Die Wohnungsknappheit, welche zu hohen Mieten und zu weniger verfügbaren Wohnungen geführt hat, ist zu einem noch akuteren Problem geworden. Von 2006 bis 2008 sind die Mieten hier um 57 Prozent gestiegen (verglichen mit 50 Prozent in den anderen Städten des Landes). Mietwohnungen werden nicht selten illegal in kleinere Einheiten unterteilt, welche wiederum zu einem Mietzins von 1000 Dollar pro Monat angeboten werden. Auch wenn sich das alles auf einem freien Markt abspielt, spricht  Bürgermeister Huldai von einem «Wahnsinn». Unlängst wurde eine Kommission mit der Aufgabe betreut, die Wohnungsknappheit zu bekämpfen.
Interessanterweise scheinen die Wohnungsbesitzer nicht übermässig von der Lage zu profitieren. Die jährliche Durchschnittsrendite in Tel Aviv liegt bei 3,6 Prozent, verglichen mit dem allgemeinen Landesdurchschnitt von 4,7 Prozent. Grund ist der raketenhafte Anstieg der Wohnungspreise in den letzten Jahren: 62 Prozent in den Jahren 2006 bis 2008 in Tel Aviv, gegenüber 43 Prozent in den anderen Städten. Der durchschnittliche Wert einer Wohnung von 100 Quadratmetern liegt in Tel Aviv bei 1,8 Millionen Schekel, dem Doppelten des allgemeinen Durchschnitts. Eine Person mit einem durchschnittlichen Einkommen müsste in Tel Aviv 19 Jahre arbeiten, um sich eine Wohnung kaufen zu können.
84 Prozent der in einer Umfrage interviewten Tel Aviver bezeichnen denn auch die Wohnungspreise als «hoch oder zu hoch». Dennoch bleibt die Stadt attraktiv: 0,8 Prozent der Einwohner haben sich in den Jahren 2004 bis 2006 dort niedergelassen.
Ein weiteres Problem sind die Luxuswohnungen. Zwar wurden in den Jahren 2004 bis 2006 in Tel Aviv über eine Million Quadratmeter Wohnraum gebaut, doch die meisten neuen Wohnungen befinden sich in Luxustürmen und sind für die Reichen und Superreichen bestimmt.
Rund 70 Prozent der Tel Aviver sind dabei unzufrieden mit der Parkplatz- und Transportsituation in der Stadt. Zwar befindet sich ein grosser Parkplatz in Bau (Mann-Auditorium), doch wird dieser die Autofahrer dazu veranlassen, mit ihrem Privatwagen ins Zentrum zu fahren, anstatt sich der öffentlichen Verkehrsmittel zu bedienen. Staus werden die Folge sein. Die Stadtverwaltung spricht von rund 100 000 fehlenden Parkplätzen.
Um mit einer positiven Nachricht zu schliessen: Die Stadt Tel Aviv investiert viel Geld in Bildung. So werden die Budgets der Schulen zu rund 49 Prozent subventioniert, verglichen mit einem Durchschnitt von 36 Prozent in den anderen Städten. Dass Tel Aviv punkto Bildung trotzdem nur auf Platz sechs im Land steht, hat vor allem mit der hohen Abgängerrate an den Oberschulen von 3,5 Prozent gegenüber 2,7 Prozent in den anderen Städten zu tun. Ein weiteres Problem sind die fehlenden Vorschuleinrichtungen. Junge Familien sind eine Seltenheit in Tel Aviv, wo die Einwohner sich mehrheitlich aus Betagten und Singles zusammensetzen. Die Zunahme an Geburten, die es in den letzten Jahren dennoch zu verzeichnen gibt, hat den Druck auf die Vorschulen wachsen lassen. Private Vorschulen kosten sehr viel Geld, nicht zuletzt wegen der hohen Wohnungsmieten. Laut Angaben der Stadtverwaltung ist man dabei, das Problem in den Griff zu bekommen: Dieses Jahr wurden 27 neue Vorschulklassen eröffnet, im letzten Jahr waren es 23 gewesen.





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