Eine unsichere Stimmung
Die Ende letzten Jahres erfolgte Wahl des umstrittenen Jacob Zuma zum Präsidenten des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) hat bei vielen jungen Juden Südafrikas den Gedanken an die Emigration wachsen lassen. «Nach 1994 war ich relativ optimistisch», sagte Evan Cohen, Marketingleiter einer finanziellen Dienstleistungsfirma. «Nelson Mandela hatte eine erstaunliche Versöhnung bewerkstelligt, und unter Mbeki boomte die Wirtschaft.» Heute sieht er die Dinge schon anders. Der ANC werde von einer «Gruppe undisziplinierter linkslastiger Populisten» angeführt, weshalb er sich Sorgen über die Zukunft mache.
Was die Emigration betrifft, wartet Cohen aber ab. Letztes Jahr wanderten 178 Juden aus Südafrika aus, doch im laufenden Jahr könnten es nach Ansicht des Israel-Centers bei der Zionistischen Föderation Südafrikas dreimal mehr werden. Ofer Dahan, Direktor des Centers und Alija-Emissär, schätzt, dass dieses Jahr noch rund 500 Personen emigrieren dürften, vorwiegend mit Spezialflügen. Im Juli flogen mit einem solchen Flug über
100 mehrheitlich junge Menschen nach Israel, weitere 100 Person, dieses Mal vorwiegend Familien, werden mit einem Flug im Dezember folgen, und für einen dritten Flug nächstes Jahr besteht bereits eine Warteliste. «In Südafrika haben wir heute», wie Dahan betont, «eine der besten zionistischen Gemeinden der Welt.»
David Saks vom Jüdischen Gemeindebund von Südafrika weist darauf hin, dass die Zahl der 2008 an den jüdischen Tagesschulen des Landes eingeschriebenen Kinder die Meldungen von einer neuen Auswanderungswelle widerlegen.
Die Abwanderung ist spürbar
In Johannesburg gibt es sieben jüdische Mittelschulen, und in Kapstadt eine. Die Zahl der Primarschulen ist noch höher. Seit den siebziger Jahren liegt der Anteil der jüdischen Kinder, die solche Schulen besuchen, bei über 80 Prozent. Unlängst bezeichnete Saks die jüdische Gemeinde als zahlenmässig stabil, zusammenhängend und «ausserordentlich gut organisiert». Trotzdem würde man die Konsequenzen der jüdischen Netto-Abwanderung aus dem Land seit den achtziger Jahren noch auf viele Jahre hinaus spüren. Trotz der zunehmenden Auswanderung aber sei die effektive Zahl der südafrikanischen Juden ziemlich unverändert geblieben. Der Grund liege in einer gestiegenen Geburtenrate, bei rückkehrenden Emigranten und dem Zustrom von Juden aus Zimbabwe.
Von 120 000 Personen in den siebziger Jahren ist die Zahl der südafrikanischen Juden bis heute auf etwa 75 000 gesunken. Über 50 000 von ihnen leben in Johannesburg, und 16 000 in Kapstadt. Seit 2000 sind 44 Prozent der Emigranten nach Australien gegangen, 18 Prozent in die USA, (nur) zwölf Prozent nach Israel und neun Prozent nach Kanada. Saks ist der Ansicht, den Juden Südafrikas gehe es bedeutend besser als den meistenDiaspora-Gemeinden, was den Antisemitismus und die Assimilation betreffe, den beiden ernsthaftesten Problemen für jüdische Gemeinden ausserhalb Israels. Die Mischehenrate in Südafrika bewegt sich um maximal zehn Prozent. Zwar gebe es «starke antisemitische Nester», gab Saks zu, doch die betreffenden Personen würden nur selten effektiv antisemitisch handeln.
Unsicherheiten durch Veränderungen
Die Repräsentanten des organisierten Judentums bleiben zuversichtlich, was die Zukunft betrifft. «Für Panik besteht kein Grund», sagte Zev Krengel, nationaler Vorsitzender des Gemeindebunds. Nur wenige Tage vor Mbekis Abtritt von der politischen Bühne war er mit dessen Nachfolger Jacob Zuma zusammengekommen. «Der ANC hat seine Politik gegenüber Minderheiten in diesem Land nicht geändert. Mbekis Türe stand immer offen für uns, und auch Zuma war sehr zuvorkommend. Der ganze Prozess ist Bestandteil unserer Demokratie, und Veränderungen schaffen immer, wie überall anderswo auch, eine gewisse Unsicherheit.»
Zuma hat unter Umständen mit einem Strafverfahren zu rechnen wegen angeblichen Betrugs und anderer Vergehen im Zusammenhang mit einem kontroversen Milliarden-Waffengeschäft mit ausländischen Lieferanten. Zur Zeit des Deals war Zuma Vizepräsident unter Mbeki. Am
25. September wählte das Parlament Kgalema Motlanthe, Zumas Stellvertreter im ANC, zum Präsidenten, doch Zuma dürfte das Amt nach den allgemeinen Wahlen im ersten Halbjahr 2009 übernehmen. Laut Saks ist Motlanthe bereits mit Vertretern der jüdischen Gemeinde zusammengekommen und hat bei diesen einen guten Eindruck hinterlassen. «Die Ängste bezüglich Zuma beziehen sich mehr auf seine korrupte Gefolgschaft», meinte Saks.
«Der Abschied von Mbeki ist nur ein weiteres Indiz für das Durcheinander, das in unserem Land zur Tagesordnung geworden ist», sagte Ruth Rabinowitz, eine Parlamentarierin der Inkatha-Freiheitspartei. «Unser System hat ein verwirrendes politisches Gebilde mit Doppelläufen geschaffen, das durch Ineffizienz sowie mangelnde Transparenz und Zuverlässigkeit auffällt. Geld, Macht und Populismus prägen heute unser Land.» Nicht überall allerdings wird Mbekis Ausscheiden als Verlust für Südafrika gesehen. Tony Leon etwa, der frühere Vorsitzende der oppositionellen Demokratischen Allianz, sieht die Zukunft der jüdischen Gemeinde verbunden mit der weissen Gemeinschaft der Mittelklasse. «Ich weiss, dass viele in der oppositionell eingestellten jüdischen Gemeinde die gegenwärtigen Geschehnisse mit Ablehnung verfolgen und die bevorstehende Ankunft Jacob Zumas mit einer Begeisterung, die sich vergleichen lässt mit der Begeisterung, mit welcher die Römer die Goten begrüssten.» Leon anerkennt zwar eine «gewisse wirtschaftliche Stabilität», die Mbeki in Südafrika geschaffen hat, wirft ihm aber vor, die politischen und diplomatischen Gewinne seines Vorgängers Nelson Mandela verspielt zu haben.
Angst vor Kriminalität
Am Vorabend ihrer Emigration zusammen mit ihrem Gatten und zwei kleinen Kindern nach Australien brachte die Bankangestellte Galia Durbach ihre Besorgnis über die Zukunft Südafrikas zum Ausdruck: «Ich habe nicht das Gefühl, dass die Politiker die wirklich dringenden Angelegenheiten anpacken.» Besonders problematisch sei die Situation im Bereich der Erziehung und bei der Bekämpfung der Armut. Das habe die Verbrechensrate erhöht. Bei einer «realistischen Behandlung der Probleme» würde Galia Durbach eine Rückkehr nicht ausschliessen, doch zunächst gehe sie mit einer jungen Familie nach Australien, einem fortschrittlichen Land mit einer niedrigen Kriminalitätsrate, einem ähnlichen Klima wie in Südafrika und vor allem einer starken, grossen jüdischen Gemeinde.
Auf der lokalen jüdischen Website haben Inserate für den Verkauf von Möbeln und Haushaltsgeräten seit der Ankündigung der Machtübernahme Jacob Zumas stark zugenommen. Ein Vertreter der chassidischen Lubawitscher Bewegung will vom Auswandern aber nichts wissen: «In der Vergangenheit sind potenziell explosive Situationen wie durch ein Wunder mit demokratischen Mitteln entschärft worden», sagt Rabbiner Shabsy Chaiton von der Lubawitscher Toar-Akademie. Die 29-jährige Mish Myers dagegen, die seit zwei Jahren in London lebt, meinte anlässlich eines Aufenthalts in Johannesburg zu den hohen Feiertagen, sie habe Südafrika verlassen, um ihre Zukunft zu verbessern und weil sie genug habe von Raubüberfällen, Autodiebstählen, Vergewaltigungen und generell der wachsenden Kriminalität. «Unsere politischen Führer wechseln, der Afrikanische Nationalkongress ändert sich, doch für die Menschen selber gibt es nicht genug Veränderung. Ich fühle mich sicher in London, doch würde sofort nach Südafrika zurückkehren, wenn das Verbrechen unter Kontrolle gebracht werden könnte und das Land stabiler wäre. Süd¬afrika ist der beste Ort auf der Welt.»


