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31. Oktober 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 44 Ausgabe: Nr. 44 » October 30, 2008

Ein «Gerechter unter den Völkern»

von Valerie Doepgen, October 30, 2008
In diesem Monat feierte Sebastian Steiger in Basel seinen 90. Geburtstag. Ein Besuch bei dem Mann, der in den Vierzigerjahren im besetzten Frankreich als Lehrer und Mitarbeiter der Kinderhilfe des Roten Kreuzes rund 100 jüdische Kinder betreute und vor der Deportation bewahren konnte.
SEBASTIAN STEIGER Zu seinem 90. Geburtstag gratulierten ihm ehemalige Kinder von La Hille aus aller Welt

Sebastian Steiger öffnet die Tür seiner Altbauwohnung im Basler Paulusquartier, die sich im zweiten Stock befindet – einen Fahrstuhl gibt es nicht. Lächelnd zeigt der 90-Jährige erst auf das Treppenhaus, in dem ein Poster von Jerusalem hängt, und dann auf seine Beine, und er sagt: «Alles, was wir nicht benutzen, rostet ein.» Dieser Satz gilt offenbar auch für sein beeindruckendes Gedächtnis, denn Steiger erinnert sich an zahlreiche Details seines langen Lebens. Sein Gesicht hat eine jungenhafte Ausstrahlung, und er zeigt seinen Geschenktisch im Zimmer, auf dem vor allem ein grosser Rosenstrauss ins Auge sticht. «Der ist von Rosa», sagt er, von einem der ehemaligen Kinder, die er von 1943 bis 1945 im besetzten Frankreich im Schloss La Hille in Montégut-Plantaurel betreut hat. Noch heute hat er Kontakt zu zahlreichen Menschen aus jener Zeit, die sein Leben bewegt habe wie keine andere, so Steiger. Der Witwer lebt allein, seine beiden Kinder sorgen sich aber um das Wohlergehen ihres Vaters.

Unermüdlicher Einsatz

Im Jahr 1918 in Oltingen, Baselland, als Sohn des reformierten Pfarrers Walter Steiger geboren, wuchs Sebastian Steiger mit vier Geschwistern auf. Später zog die Familie nach Binningen, wo Steiger die Sekundarschule besuchte, anschliessend besuchte er das Lehrerseminar in Schiers; 1940 schloss er mit dem Lehrerpatent ab. Bis 1943 machte er Stellvertretungen und absolvierte ein Semester am Heilpädagogischen Seminar in Zürich. Während dieser Jahre beobachtete der junge Mann von der Schweiz aus die Situation im nationalsozialistischen Deutschland, er erlebte einige jüdische Flüchtlinge, die bei seinem Vater Schutz suchten und vielfach auch fanden: «Einige von ihnen konnten bei uns zu Hause übernachten und essen», erinnert er sich. Ihm missfiel die Schweizer Flüchtlingspolitik: «Ich hatte das Gefühl, ich würde auf einem riesigen, sicheren Dampfer leben», so Steiger. «Es kam mir vor, als würden um uns he-rum zahlreiche kleine Schiffe in Not schwimmen, denen unser Dampfer nicht hilft. Mit der Aussage‚ ‹das Boot ist voll› konnte ich angesichts der notleidenden Menschen nicht leben.»
So beschloss Steiger als junger Mann, als Mitarbeiter des Roten Kreuzes nach Südfrankreich zu gehen, um Flüchtlingen vor Ort zu helfen. Über Umwege, die Steiger ausführlich und interessant in seinem Buch «Die Rettung der Kinder von La Hille» schildert, gelangte er in den Ort nahe der Pyrenäen, in dem in einem damals unbewohnten Schloss etwa 100 Kinder versteckt wurden. Unermüdlich setzte sich Steiger zusammen mit den anderen Betreuern für die Kinder ein, die ihre Eltern verloren hatten. «Ich war natürlich nicht nur Lehrer, sondern Bezugsperson. Ich versuchte ihre Lebensfreude wieder zu erwecken, verarztete sie und kümmerte mich um diejenigen, die psychische Probleme hatten. «Anfangs war die Aufgabe nicht immer leicht, da die Kinder vollkommen verwildert waren», so Steiger. Aber er kümmerte sich Tag und Nacht um sie, besonders um die «Kleinen», die auf seinen unermüdlichen Einsatz mit Liebe, Zuneigung und Respekt reagierten.

In Kontakt mit seinen Schützlingen

Sebastian Steiger steht auf, er unterbricht die Erzählungen über seine «Schützlinge», um sich eine Jacke zu holen: «Ich weiss, es ist warm hier, aber mir läuft immer noch ein Schauer über den Rücken, wenn ich von dieser Zeit erzähle», sagt er und berichtet kurz darauf weiter von dem Alltag im Schloss, der Angst, dem Hunger (er selbst wog zu dieser Zeit nur noch 57 Kilogramm und litt eine Zeit lang an Gelbsucht) und der täglichen Bedrohung durch die Nationalsozialisten, die «Frankreich wie mit einem Rechen nach Juden durchkämmten». Er beschreibt die Verstecke für die Kinder, die er unter Einsatz seines eigenen Lebens rettete. Als er 1945 nach Basel zurückkam (auch die Geschichte seiner Rückkehr ist eine eigene, mitreissende Geschichte), war er «trostlos». Er vermisste die Kinder, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs in aller Welt ein neues Zuhause fanden, aber er hielt Kontakt, der vielfach bis heute anhält. Zurück in der Schweiz, beendete Steiger seine Studien in Zürich mit dem Diplom des Heilpädagogischen Seminars. Er wurde erst Lehrer in Arlesheim, 1947 wurde er nach Basel an die Mädchenschule berufen. 1956 heiratete er und gründete seine eigene Familie.

Engagement und Ehrungen

Von 1958 bis 1990 organisierte Sebastian Steiger alljährlich Mitte Mai den sogenannten Tag des jüdischen Kindes, einen Gedenktag für die 1,5 Millionen Kinder, die während der Herrschaft der Nationalsozialisten umgebracht wurden. Zu dem Tag wurden alle jüdischen Kinder Basels und alle Schulkinder Basels von der vierten Klasse aufwärts in die Israelitische Gemeinde Basel eingeladen, und Steiger erzählte ihnen über das Judentum, er zeigte seine eigenen Filme aus Israel und machte es sich zur Aufgabe, die Kinder über die jüdische Kultur aufzuklären.
Ferner besuchte Steiger Schulklassen in der Schweiz und in Deutschland und hielt Vorträge. Im Jahr 1982 wurde er pensioniert und schrieb anschliessend an seinem Buch über die Zeit in La Hille. Heute ist Steiger engagiert in der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft, in der Gesellschaft Schweiz-Israel sowie im Komitee der Freunde des Schweizer Kinderdorfs Kiriat Yearim. Äusserst bewegend war für ihn ein Treffen 1985 in Israel, an dem ehemalige Kinder von Schloss La Hille zusammenkamen. Auch die Einweihung des Denkmals von Schloss La Hille im Jahr 2000 und die Eröffnung des Museums der Kinder von La Hille im Gebäude der Gemeindebibliothek in Montégut-Plantaurel im Jahr 2007 (vgl. tachles 28/07) zählen zu den grossen Momenten seines Lebens. Sebastian Steiger wurde für sein Engagement von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem mit einer Medaille als «Gerechter unter den Völkern» sowie mit einer Urkunde des Simon-Wiesenthal-Zentrums geehrt. Stolz und gerührt zugleich zeigt er beide Auszeichnungen und sagt: «Diese Zeit in La Hille hat mein ganzes Leben bestimmt und geprägt.» Die Erlebnisse dieser Jahre sind ihm sehr präsent und er lässt sie durch den Austausch mit den damaligen Kindern, die ihm bis heute die Treue halten, immer wieder aufleben.    



Sebastian Steiger: Die Rettung der Kinder von La Hille. Brunnen Verlag, Basel 2006.



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