Wechselbeziehung Religion und Politik
Mit der direkten und gleichzeitig offenen Frage «Ist mit Religion ein Staat zu machen?» wandte sich die Paulus-Akademie in Zürich am 2. Oktober der Wechselbeziehung zwischen Religion und Politik zu. An der inhaltlich breit gefächerten Tagung referierten Experten unter anderem darüber, wie die politische Kultur der Schweiz und Europas religiös geprägt ist, sowie darüber, ob die Politik der USA und islamischer Staaten ohne Entschlüsslung der religiösen Dimension verstanden werden kann.
Der bekannte deutsche Philosoph Hermann Lübbe sagte zum Verhältnis zwischen Politik und Religion in der Moderne: «Nach dem Ende des Kalten Krieges sind abermals Religionen weltweit als ein Faktor politischer Auseinandersetzungen auffällig geworden und zwar vor allem (...) als konfliktverschärfende Kräfte.» Dass Lübbe damit eine These aus Huntingtons «Kampf der Kulturen» aufnahm, ein Werk, welches «moralisch fragwürdig und politisch gefährlich» sei, war für ihn kein Problem: «Bücher werden nützlich, wenn man sie von ihrer starken Seite nimmt» und ohne «gesellschaftsphilosophische Ansprüche schlicht als Beschreibung nutzt». Was folgte, war eine schier endlose Auflistung von Fakten, welche die These, dass religiöse Kräfte weltpolitische Fronten eröffnet haben, unterstrich: von den Balkankriegen, den Atommächten Indien und Pakistan über die Zerstörung der Buddha-Grossstatuen in Afghanistan, die innerislamischen Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten zu den Problemen der Zukunftsfähigkeit des türkischen Laizismus unter der Herausforderungen des Islamismus sowie dem «im Märtyrer-Terrorismus sich manifestierenden Willen fundamentalistisch orientierter Palästinenser, sich als Staatsnation zu konstituieren».
Wichtiger Säkularisierungsprozess
Die Frage «Was tun?» liegt auf der Hand. Gemäss Lübbe setzen «einige Kommentatoren ihre Hoffnung auf Fortschritte der Modernisierung», sprich auf den Säkularisierungsprozess, welcher die kulturelle und politische Position der Religion schwächen werde. Lübbe bezeichnete den Säkularisierungsprozess in Europa als «weit fortgeschritten», derweil sich die USA als säkularisierungsresistenter erweisen würden. In den USA bestehe zwar auch eine strikte Trennung von Kirche und Staat, doch im Gegensatz zu Europa gab es in den USA keine Staatskirche, so Lübbe. Demzufolge sei die Trennung von Kirche und Staat in den USA nicht laizistisch, sondern religiös motiviert, «im Interesse der Freiheiten zahlloser Religionsgemeinschaften», so Lübbe weiter.
Religion in den USA sei somit «weder staatskirchenrechtlich privilegiert noch laizistisch privatisiert», sondern Teil des öffentlichen Lebens und der Politik, wie Lübbe ausführte. Aussenpolitisch erwiesen sich die USA beispielsweise in der Handhabung der jüngsten Balkankrise als kompetenter als die EU, denn die USA erwiesen sich als «das Land der grösseren Empfindlichkeit für die religionspolitischen Implikationen der Sache», erklärte Lübbe. Er relativierte aber zugleich: «Für den zweiten Irak-Krieg gilt etwas anderes.» Für ihn war klar, dass zu einer völkerrechtlich unzweifelhaften und antiterroristisch erfolgreichen Politik auch der religionspolitische Aspekt der Sache gehöre.
Religion als ein Teil der Gesellschaft
Lübbe brachte sein Erstaunen darüber zum Ausdruck, dass prominente europäische Intellektuelle den amerikanischen Präsidenten als «Ayatollah» sowie als «christlichen Fundamentalisten» bezeichnen, der einen heiligen Krieg führe und der einem «Freund-Feind-Denken» verfallen sei. Lübbe betonte, dass die USA am 11. September 2001 Objekt eines Angriffs gewesen seien, welcher über 3000 Tote gekostet habe. «Das Subjekt eines solchen Angriffs pflegt man doch auch nach alt-europäischer Überlieferung, einen ‹Feind› zu nennen», wie der Philosoph sarkastisch bemerkte. Lübbe sagte gegen Schluss: «Die diffamierend gemeinte Kritik an der in der Tat unübersehbar zivilreligiös konnotierten amerikanischen Politik verkennt die scharf gewordenen politischen Potenziale der Religion.» Darüber hinaus verkenne sie die historischen Gründe, welche die Religion in den USA als einen Faktor des öffentlichen und politischen Lebens sichtbar werden lasse.
Dass die Pluralität der Religion sowie die staatlich gesetzten Rahmenbedingungen im Einwanderungsland USA als Integrationshilfe für Migranten dienen, erkannte der Soziologe Peter Voll, welcher zudem betonte, dass es heute schwierig sei, Gesellschaft ohne Religion im Plural zu begreifen, denn die Religion alleine schaffe keine Gesellschaft mehr. «Die Religion ist ein Akteur, der ein Mobilisierungspotenzial aufweist, beispielsweise beim Ergreifen eines Referendums», so der Soziologe. Für Voll, der davon ausgeht, dass Konflikte gesellschaftsbildend sind, wären religiöse Konflikte also als Katalysator gesellschaftsbildender Prozesse zu verstehen.


