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24. Oktober 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 43 Ausgabe: Nr. 43 » October 23, 2008

Rückkehr zum einstigen kulturellen Erbe

Gerard Wirtz, October 23, 2008
70 Jahre nach der Zerstörung der Lörracher Synagoge in der Pogromnacht durch die Nazis erhält die jüdische Gemeinde der Stadt ein neues Gotteshaus.
NEUE SYNAGOGE FÜR LÖRRACH Gebäude mit räumlicher und konzeptioneller Klarheit

Die deutsche Grenzstadt Lörrach, lange als hässliches Nachkriegsentlein vor den Toren Basels verspottet, hat sich zur zarten, heranwachsenden Schönheit im Euroland entwickelt. Eine kluge Regierung hat rechtzeitig nicht nur auf eine vertiefte Zusammenarbeit mit den angrenzenden Nachbarländern gesetzt, sondern vor allem auch auf Kultur und Wirtschaftsförderung. Jetzt setzt Lörrach an auf einen weiteren Sprung in die Völkergemeinschaft des 21. Jahrhunderts. Mit einem Neubau der 1938 von den Nationalsozialisten zerstörten Synagoge im Zentrum der Stadt wird ein Stück dunkler Vergangenheit ein wenig aufgehellt. Damit kehrt die Stadt bewusst zu ihrem einstigen multikulturellen Erbe zurück. Am kommenden 9. November kann die örtliche jüdische Gemeinde die neue Synagoge einweihen.
Der Neubau konnte nicht am ursprünglichen Platz des zerstörten Gotteshauses errichtet werden, denn das Grundstück am Marktplatz ist mit einem Geschäftshaus aus den sechziger Jahren überbaut. Immerhin weist seit 1976 eine Gedenktafel auf die einstige Synagoge hin, und seit 1991 heisst der Durchgang zum Marktplatz «Synagogengasse». Mit dem neuen Standort an der Rainstrasse steht das Gotteshaus im Zentrum der Stadt.

Konzentration nach innen und aussen

Im Jahre 1933 zählte Lörrach 162 jüdische Einwohner. Aufgrund der in jenem Jahr einsetzenden Repressionen und der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts wanderte in den folgenden Jahren ein grösserer Teil der jüdischen Einwohner aus oder zog in andere Städte.
Heute zählt die Israelitische Kultusgemeine Lörrach erneut 450 Mitglieder. Ab November haben diese nun wieder ein Haus für das gemeinsame Gebet. Entworfen hat die Synagoge der Lörracher Architekt Fritz Wilhelm. «Wir wollten an diesem Ort keine jüdische Architektur erfinden, sondern eine eigene, zeitgenössische Architektur mit jüdischen Bezügen generieren», sagt Wilhelm. «Die Gestaltungsidee beim Entwurf eines Synagogenbaus ist – wenn man von der Spiritualität und dem Symbolwert absieht – vergleichbar mit anderen Bauaufgaben auch: Es sind der Ort, die Funktion und die Form, verbunden mit der Haltung, die wir als Architekten in unsere Arbeit einfliessen lassen, gekoppelt mit dem Aufspüren dessen, was der Bau sein, was er ausdrücken und darstellen will.»
Weiter erklärt Wilhelm: «Der Symbolwert dieser Synagoge bedeutete für uns auch Toleranz, Offenheit und Konzentration nach innen und aussen. Wir haben den Ort und die Aufgabe mit einem quadratischen, würfelförmigen Kultbau belegt, den ein gläserner Zwischenbauteil mit dem Servicebau verbindet. Der Kultbau von elf Metern Breite und Höhe soll vom Boden weg, doch darin verankert, fest aufgesetzt erscheinen. Er ist über eine Rampe von Westen und einer Treppe von Osten durch den Verbindungsbau erschlossen.» Wilhelm sagt, dass «die Grundform des Quadrats als Integrität, der eingeschriebene Kreis der Frauenempore als die Unendlichkeit und der Kubus selbst als Autonomie verstanden werden sollen». Der Architekt erklärt weiter, dass er «dieses Thema in Grund- und Aufriss bis ins Detail verfolgt hat, um dem kleinen Bau Kraft und Selbstbewusstsein zu geben».

Streit um Grundstück

Bauwerk und Innenausstattung mussten so preisgünstig wie irgend möglich sein. Details, Materialien und die Ausstattungen sind aus diesem Grund sehr einfach gehalten, Möbel und Leuchter wurden vom Architekten entworfen und von Moshe Moscovits, einem Künstler aus Israel, mit Symbolen versehen. Der Gebetsraum soll Konzentration und gleichzeitig Ruhe ausstrahlen. Im Servicebau sind die Mikwa, zwei Küchen, Büros, eine Bibliothek, Jugend- und Rabbinerräume, Lager und die notwendigen Nebenräume entstanden. Auf der Terrasse über dem Synagogenbau, mit schöner Aussicht in die Stadt, kann das Laubhüttenfest gefeiert werden.
«Die junge Gemeinde sucht nach Identität, die Immigranten nach einer neuen Heimat. Hierzu kann der kleine, kraftvolle Bau hilfreich sein, er ist weniger Tempel als Gemeindezentrum, er ist eher ein skulpturaler Blickfang», hält Wilhelm fest. Dem nunmehr vollendeten Neubau war ein jahrelanger hässlicher Streit in der Öffentlichkeit vorangegangen. Zankapfel war das Grundstück auf einem ehemaligen Schulhof. Eltern der benachbarten Schule hatten gegen das Bauvorhaben Protest eingelegt und so eine schier endlose Debatte losgetreten. «Letztlich ging es nur darum, dass wir einen Platz suchten, an dem wir gemeinsam beten können», sagt Jacob Goldenberg vom Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, «so wie andere Religionsgemeinschaften auch.»
Die Vernunft obsiegte schliesslich, als bewiesen werden konnte, dass der Schulhof nicht nur dauernd von Wildparkierern, sondern auch von den Pädagogen selbst als Privatparkplatz missbraucht wurde. Ende gut – alles gut? Man wird sehen.   





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