Jeschiwa-Universität in Nöten
Führende Persönlichkeiten der New Yorker Jeschiwa-Universität (YU) betonen, man werde nicht, um die Buchhaltung auszugleichen, die Investitionen der letzten fünf Jahre in Frage stellen, die teilweise für das Defizit von 24 Millionen Dollar verantwortlich sind, welche die Institution im laufenden Fiskaljahr ausweisen muss.
Stattdessen will man vorsichtig zu Werke gehen und Ausgaben kürzen, ohne Aufgaben und Stellung dieser religiösen und akademischen Festung der modernen Orthodoxie zu gefährden. Die Auswirkungen auf das Leben der Studenten sollen möglichst gering sein. «Wir werden keine Kompromisse eingehen, was die Qualität betrifft», sagte YU-Präsident Richard Joel gegenüber der «Jewish Week». «Wir müssen die kommenden Generationen jüdischer Führungskräfte mit einer Bildung ausrüsten, die sowohl von hoher Qualität als auch von hoch stehendem jüdischem Inhalt ist.» Er sei sich bewusst gewesen, fügte Joel hinzu, dass die Programmbereicherungen, die er 2003 einführte, als er Nachfolger von Norman Lamm wurde, Kosten von 30 Millionen Dollar pro Jahr verursachen würden, und dass zusätzliche Spenden mobilisiert werden müssten. Die derzeitige weltweite Finanzkrise habe er jedoch nicht voraussehen können.
«Die Universität setzt stets ihre Mission an erster Stelle auf die Prioritätenliste», sagte Joel. «Als ich mein Amt vor über fünf Jahren antrat, lautete mein Mandat, alles Nötige zu unternehmen, damit unsere Institution eine grossartige jüdische Universität werde.»
Ein Spenden-Rekordjahr
Vor einem Monat hatte Richard Joel dem Direktorium der YU die Budgetprobleme gemeldet und für Ende November eine überarbeitete Version des 564-Millionen-Dollar-Haushaltes angekündigt. Diese Mitteilung kommt vor dem Hintergrund eines Rekordjahres, was die Spendenmobilisierung für das Institut betrifft: Man konnte total Einnahmen von 104 Millionen Dollar verzeichnen, eingeschlossen 30 Spenden von je einer Million Dollar oder mehr.
Die Medaille hat aber auch ihre Kehrseite. So stand die Jeschiwa-Universität im Jahre 2006 landesweit an neunter Stelle, was die Personalkosten
betrifft. Richard Joel selber soll fast 620 000 Dollar bezogen haben. In seiner bisherigen Amtszeit hat der Präsident nicht weniger als 75 neue Arbeitsplätze an seiner Universität in Manhattan geschaffen. Die Jeschiwa-Universität betreibt College-Klassen für männliche und weibliche Studierende, hat ein Rabbinerseminar und zahlreiche weitere Programme wie Wirtschaft, Sozialarbeit und je eine medizinische und eine Rechtsschule. 2005 lancierte die YU zudem ein Zentrum für jüdische Zukunft, das unter anderem Rabbiner vermittelt, sich um die Stärkung jüdischer Gemeinden kümmert und die Platzierung von Frauen an Führungsstellen fördert.
In den letzten Jahren hat die YU auch intensive Infrastrukturinvestitionen getätigt. Der Bau des Glueck-Zentrums für Jüdische Studien in Washington Heights, ein 32-Millionen-Dollar-Projekt, geht seiner Vollendung entgegen. Es enthält eine Lernhalle für Thorastudium und weitere Einrichtungen. Zudem hat vor Kurzem ein neues medizinisches Forschungslabor an der Albert-Einstein-Schule für Medizin in der Bronx seinen Betrieb aufgenommen.
Ein einzigartiges Projekt
Joel erinnert daran, dass die YU schon in den siebziger Jahren, zu Beginn von Lamms Amtsperiode, beinahe bankrott war, die Krise aber überwinden konnte. «Wir hatten keine Aktiva, dafür aber 70 Millionen Dollar Schulden», sagte er. Dank des «heroischen Einsatzes» von Lamm und anderer Persönlichkeiten konnte man mit den Banken eine Einigung finden und die YU überlebte.
Joel gab sich der «Jewish Week» gegenüber zuversichtlich, dass die Freunde der YU auch in den gegenwärtigen unruhigen und unsicheren Zeiten positiv reagieren würden. «Wir haben ein Produkt, das seinesgleichen sucht», meinte der Präsident der Universität, gab aber zu, dass man sich künftig einschränken und strikter sein müsse. Harte Entscheidungen würden sich aufdrängen.


