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24. Oktober 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 43 Ausgabe: Nr. 43 » October 23, 2008

De mortius...

Editorial Jaques Ungar, October 23, 2008

Entschluss. Carl Djerassi kam in Wien in einer jüdischen Familie zur Welt. Die Nazis veranlassten seine Mutter, Europa zusammen mit dem jungen Carl zu verlassen. In den USA wurde der heute 85-jährige Djerassi zum berühmten Schriftsteller und Chemiker, der unter anderem an der Entwicklung der Anti-Baby-Pille mitwirkte. Jetzt, im hohen Alter, zieht es den Mann wieder nach Wien zurück. Der TV-Sender 3Sat widmete Djerassi einen Dokumentarfilm. Verständlich aus seiner individuellen Sicht, vor dem Hintergrund der  Gesamtgeschichte aber fast schon peinlich sind die Versuche des sonst mit beissender Selbstkritik nicht geizenden Schriftstellers, seine Rückkehr ins Wien der Gegenwart zu rechtfertigen. Die Juden Wiens, so meinte er unter anderem, seien immer zuerst Österreicher gewesen, und erst dann Juden. Das Wien der Gegenwart? Verbirgt sich hier die Feststellung, das Wien der Vergangenheit mit den bedrückenden Szenen von den Anschlussfeiern des Jahres 1938, das Wien der nur zögernd und fast unwillig gewährten Wiedergutmachung, oder das Wien des Ex-Nazis Kurt Waldheim sei vergessen, verdrängt oder gar überwunden? Schön wär`s, denn Wien hat kulturell, kulinarisch und überhaupt viel zu bieten. Es wäre, möchte man meinen, echt schade, die Stadt auf eine schwarze Liste zu setzen. Zu einer Zeit, da die Auswanderung von Sowjetjuden noch gefährlich war, wirkte sie als Drehscheibe für die Emigranten – Dank des Einsatzes übrigens des jüdischen Kanzlers Bruno Kreisky, einem lauten Israel-Kritiker. Und warum sollte man ein Österreich meiden, in dem in den Sommer- und Winterferien immer mehr orthodoxe Juden aus aller Welt, Israel eingeschlossen, in eigens für ihre Bedürfnisse hergerichteten Hotels Erholung finden?



Skandal. Dass das «Links-Liegenlassen» Österreichs für Israeli und andere Juden eine überlegenswerte Variante ist, bekamen wir dieser Tage erneut vordemonstriert, hammerhart, ohne Entschuldigungen und Ausreden. Der Rechtspopulist Jörg Haider, strammer Sohn strammer Nazis, war in den Tod gerast, gemäss Ermitlungen betrunken. Der Mann, dem die Relativierung der Naziverbrechen und die Verniedlichung Hitlers ein Anliegen war, verabschiedete sich genauso skandalös von der Welt wie sein Wirken in dieser ein Skandal gewesen ist. Rund 25 000 Menschen kamen zur Beerdigung und unterstrichen damit den Wunsch, in Österreich das Gestern zum Heute und zum Morgen zu machen. Kanzler und Staatspräsident machten mit ihrer Anwesenheit zynischen Gebrauch vom Sprichwort «de mortuis nihil nisi bene» («Über die Verstorbenen rede nur wohlwollend»). Wie gewöhnlichen Toten soll offenbar auch Haider nur Gutes nachgesagt werden. Vergessen war die lange aussenpolitischen Isolierung, die Wien Ende der neunziger Jahre nach Haiders Koalitionsbeitritt in Kauf nehmen musste. Israel und die Juden sollten sich ernsthaft überlegen, bis zur politischen Neubesinnung an der Donau einen Bogen um Wien zu schlagen.

Standpunkt. Die Sehnsucht nach dem Burgtheater, nach Nockerln und Zwetschgenknödeln treibt Leute wie Djerassi dazu, die ihnen gestohlene österreichische Staatsbürgerschaft wieder dankbar anzunehmen. Da lobe ich mir meinen verstorbenen Vater. «Mir versetzt man nur einmal einen Tritt in den Hintern», meinte Heinrich Ungar, vor 1938 Amateur-Fussballer bei Hakoah Wien und Schneiderlehrling in seiner Geburtsstadt, als ihm dieselbe Gunst offeriert wurde. Djerassi macht viel beklatschte intellektuelle und literarische Purzelbäume, um die Rückkehr nach Wien zu rechtfertigen. Meinem Vater reichte ein knapper Satz, um seinen gegenteiligen Beschluss zu begründen.    



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