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24. Oktober 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 43 Ausgabe: Nr. 43 » October 23, 2008

Alles gut gemacht?

Harald Neuber, October 23, 2008
Zum 50. Todestag von Papst Pius XII. ist die Debatte um seine Mitschuld am Holocaust neu entbrannt.
PAPST PIUS XII. Zum 50. Todestag wehrt der Vatikan Vorwürfe ab

Natürlich war das Datum bewusst gewählt: Zum 50. Todestag von Papst Pius XII. hat der Amtsinhaber Benedikt XVI. seinen Vorgänger ausdrücklich gegen den Vorwurf verteidigt, er habe durch sein Schweigen zum Holocaust beigetragen. Am 9. Oktober rief Joseph Ratzinger als Oberhaupt der katholischen Kirche im Vatikan zu einer Gedächtnismesse für Pius XII., um für dessen Seligsprechung zu beten. Sein 1958 verstorbener Vorgänger habe nicht nur oft «im Geheimen» gehandelt, um den Massenmord an den europäischen Juden durch die Hitlerfaschisten zu verhindern, sagte der Amtsinhaber bei dieser Gelegenheit. Seine Absicht sei es über dies gewesen, den «grossen Krieg» abzuwenden.
Die Debatte um die Rolle von Pius XII. läuft seit Jahrzehnten. Immer wieder haben Historiker dem Italiener Eugenio Pacelli alias Pius XII. vorgeworfen, während seiner Amtszeit von 1939 bis 1958 zum Mord von Juden geschwiegen zu haben. «Wie lassen sich die Beweise von besonderer Vorliebe erklären», fragte etwa der israelische Historiker Saul Friedländer, «die dieser Papst (...) den Deutschen in reichem Masse zukommen liess?» Immerhin habe Pacelli vor seiner Wahl zum Kirchenoberhaupt von 1917 bis 1929 zwölf Jahre in Deutschland verbracht und den Aufstieg der Faschisten miterlebt.

Unklare Aussage

Der jetzige Amtsinhaber Joseph Ratzinger trat diesen Vorwürfen nun erneut entgegen. Pius XII. habe mitnichten geschwiegen, sagte er bei dem Gedenkgottesdienst vergangene Woche, um sogleich auf die Weihnachtsbotschaft des Papstes im Jahr 1942 zu verweisen. Damals habe Pius XII. die Lage der «Hunderttausenden Personen» angesprochen, «die ohne eigene Schuld, mitunter wegen ihrer Nationalität oder Volkszugehörigkeit, dem Tod geweiht sind». Aus der Sicht Ratzingers war dies als klarer Hinweis auf die Judenvernichtung in Deutschland zu verstehen gewesen. Doch eben das ist strittig, denn die Gegner des Hitlerregimes erwarteten damals eine offenere Positionsbekundung.
Spekuliert wird auch fünf Jahrzehnte nach dem Tod Pius' XII. über die Gründe seines Schweigens. Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf führt die Passivität auf die Erfahrungen aus dem Kulturkampf zwischen der katholischen Kirche und dem preussischen Staat Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Pius XII. habe es deswegen vorgezogen, eine erneute offene Ausein¬andersetzung mit dem Staat zu vermeiden. Auch das Scheitern seines Vorgängers Benedikts XV. habe zu der Haltung beigetragen: Dieser war gegen Ende des Ersten Weltkriegs im August 1917 mit einer Friedensinitiative gescheitert. Auch Ratzinger nimmt dies implizit zum Anlass, Pius XII. eine Geheimdiplomatie zugutezuhalten.
Ob dies wirklich zutrifft, wird sich nur sehr schwer überprüfen lassen. Zwar hat Ratzinger im Februar 2006 die Unterlagen des Vatikanischen Geheimarchivs zwischen Februar 1922 und Februar 1939 der Forschung zugänglich gemacht. Doch die kritischen Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und ab Beginn des Holocaust bleiben weiterhin unter Verschluss.
Geht es um die Rolle der katholischen Kirche im Zweiten Weltkrieg, ist die Schuldfrage zweifellos nicht nur in Rom zu suchen. Zwar hatte sich Pius XII. offen für das sogenannte Reichskonkordat zwischen den Katholiken und der Hitler-Führung 1933 eingesetzt. Doch es waren die deutschen Kirchenfunktionäre, die auf eine weitere Entspannungspolitik setzten: Die katholische Zentrumspartei stimmte im Reichstag im März 1933 für das «Ermächtigungsgesetz», und fünf Tage später nahm die deutsche Bischofskonferenz in Fulda ihre Warnung vor den Faschisten zurück. Hitler hingegen konnte das Abkommen mit der katholischen Kirche propagandistisch ausnutzen. Durch das Konkordat sei gewährleistet, «dass sich die Reichsangehörigen des römisch-katholischen Bekenntnisses von jetzt ab rückhaltlos in den Dienst des neuen nationalsozialistischen Staates stellen werden», hiess es.

Geschlossene Archive

Während die Frage der Mitschuld nicht individuell zu klären ist, ist der Blick auf die ideologischen Berührungspunkte zwischen der katholischen Kirche und den Nazis aufschlussreich. Denn auch wenn sich Pius XII. nach 1939 gegen den Antisemitismus wandte, stimmte er dem Antikommunismus der Faschisten zu. Nach seiner Ankunft in Deutschland 1917 war er als Nuntius, eine Art Botschafter des Vatikans, zunächst in München tätig gewesen, wo er im Verlauf der deutschen
Revolution 1918 die kurze Existenz der Räterepublik miterlebte. Fortan sah er im Bolschewismus einen der Hauptgegner. Diese Frontstellung verband ihn mit führenden deutschen Katholiken wie Clemens August Kardinal Graf von Galen. Dieser hatte sich in den Jahren der NSHerrschaft zwar öffentlich gegen die Tötung Behinderter und Kranker ausgesprochen, doch auch er war ein entschiedener Antikommunist. In seinem bekannten Hirtenbrief, in dem er die Nazis Mitte September 1941 wegen deren Euthanasie-Politik attackierte, lobte er zugleich, dass «der Führer und Reichskanzler» mit dem Überfall auf die Sowjetunion einige Wochen zuvor den «Russenpakt», also den deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag von 1939, für nichtig erklärt habe. Die vatikankritische deutsche Theologin Uta Ranke-Heinemann wies darauf hin, dass von Galen in diesem Zusammenhang «zustimmend Hitlers Wort von der ‹jüdisch-bolschewistischen Machtherrschaft› in Moskau» aufgriff. Einen Widerstand von Galens gegen das Ermorden von Juden habe es nie gegeben. Dessen ungeachtet wurden von Galen und zwei führende katholische Geistliche, Joseph Frings und Konrad Graf von Preysing, nach dem Sieg über Hitlerdeutschland von Pius XII. in den Kardinalsstand erhoben.
Ratzingers Versuch, die Schuldfrage auf Pius XII. zu beschränken, ist vor diesem Hintergrund ein kluger Zug. Ehrlicher aber wäre eine vollständige Öffnung der vatikanischen Archive, gerade auch aus den Jahren 1939 bis 1945. Erst dann könnte es später auch über Joseph Ratzinger heissen, was Papst Johannes XXIII. in seiner Trauerrede auf Pius XII. aus dem Markus-Evangelium zitierte: «Er hat alles gut gemacht. Die Tauben machte er hören und die Stummen reden.»


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