Gastro-Erlebnisse auf höchstem Niveau
Die Internetseite «www.restaurants-in-israel.co.il» deutet es an. Zu Tel Aviv gibt es 1515 Einträge, zu Jerusalem nur 532. Die weisse Stadt am Mittelmeer ist zweifellos die gastronomische Hauptstadt Israels. Kein Monat vergeht, ohne dass ein neues Restaurant eröffnet. Und das ist eine riesige Untertreibung. Gil Hovav, einer der führenden Gastrokritiker des Landes und bekannt durch seine Kochbücher sowie Kochsendungen auf Keshet-TV, geht davon aus, dass wöchentlich mindestens sieben Speiselokale ihr Glück in Tel Aviv versuchen: durchschnittlich also ein neues Lokal pro Tag. Dazu müssen Investoren umgerechnet gut eine halbe Million Franken in die Hand nehmen, wobei immer mehr gehobene Restaurants die Gastroszene bereichern.
Pro Jahr kommen laut Hovav rund ein halbes Dutzend Gourmettempel dazu. «Seit wir die Rezession überwunden haben, ist plötzlich auch Geld für teurere Restaurants vorhanden. Die Szene wird grösser und grösser», beobachtet er. Der Urenkel von Eliezer Ben-Yehuda, der das Hebräische als Muttersprache wiederbelebte, geht davon aus, dass diese Art von Restaurants umgerechnet eine Million und mehr Franken kosten.
Wie sich koscher und Gourmet vertragen
In diese Kategorie des Tafelns auf höchstem Niveau gehört das Fischrestaurant «Deca» mit seinen von Chaim Cohen kreierten Menüs. Das weniger als ein Jahr alte Lokal hat deshalb einen Meilenstein gesetzt, weil es gleichzeitig koscher und kulinarisch in der obersten Liga geführt ist. Cohen glaubt, dass Ausgehen in koschere Restaurants ein Trend der Zukunft ist. Nur hätten koschere Restaurants einen schlechten Ruf, weil es jahrelang nur wenige Lokale gegeben habe. Das «Deca» profitiert davon, dass orthodoxe Geschäftsleute aus Belgien nach gehobenen Restaurants fragen und es leid sind, immer nur in Hotels zu essen.
Hovav bezeichnet das Restaurant als «high end, aber nicht trendig, weil Tel Aviv keine orthodoxe Stadt ist». Koscheres Essen sei auch in Tel Aviv weniger reichhaltig als in anderen Restaurants, erklärt er. Beim «Deca» sucht man beispielsweise vergeblich Menüs mit Fleisch oder – verständlicherweise – Meeresfrüchten auf der Karte. Der Gastrokritiker, der ab August mit «The Flying Chef» sonntags, montags und dienstags eine neue Kochsendung ebenfalls auf Keshet-TV haben wird, erhält prominenten Zuspruch. Rafi Cohen, Chef des In-Lokals «Raphaël», ist überzeugt: «Die koscheren Produkte sind nicht so gut wie die nicht koscheren. So werden viele Zutaten gefroren geliefert. Und das Lamm ist in der koscheren Küche eben nicht Lamm-, sondern Hammelfleisch.» Zudem hätten viele Besitzer koscherer Restaurants wenig Ahnung davon, was es an Qualität brauche. Die Monopolstellung verschiedener Lieferanten schaffe dem nicht unbedingt Abhilfe. Cohen weiss, wovon er spricht, war er doch vor dem «Raphaël» Chef des koscheren Restaurants «King David» im gleichnamigen Jerusalemer Traditionshotel.
Neueröffnungen Montefiore und Herbert Samuel
Es verwundert deshalb nicht, dass in Tel Aviv die meisten neuen und trendigen Restaurants nicht koscher geführt sind. Im historischen Teil von Tel Aviv, umgeben von Bauhaus-Gebäuden und in der Nähe des Rothschild-Boulevards, nahm beispielsweise Ende Juni im gleichnamigen Boutique-Hotel das Restaurant «Montefiore» seinen Betrieb auf. Es gehört den gleichen Besitzern, welche die populären Lokale «Coffee Bar» an der Yad-Harutzim-Strasse 13 und das «Brasserie» am Rabin Square führen. Vor weniger als einem Jahr, um ein weiteres Beispiel zu nennen, eröffnete in der Nähe des Dan-Panorama-Hotels das «Herbert Samuel», das eine moderne, mediterrane Küche geradezu zelebriert und ebenfalls nicht koscher ist. «Es ist fast unmöglich, einen Tisch zu bekommen», weiss Gil Hovav. Jonathan Roschfeld, einst Chef im exklusiven Restaurant «Mul Yam», empfängt hier Gourmets aus aller Welt.
Anders als etwa in Barcelona, wo das Born-Viertel bekannt für eine Vielzahl von guten Speiselokalen ist, verteilen sich die Neueröffnungen Tel Avivs nicht auf ein Quartier, sondern ziehen sich über die ganze Stadt, wobei das Quartier Neve Zedek auch wegen dem Nachtleben und den Boutiquen und Galerien besonders angesagt ist. Im alten Hafen im Norden der Stadt wiederum, wo praktisch aus dem Nichts rund 40 Lokale entstanden sind, ist es angenehm, auf den neu errichteten Holzstegen die Meeresbrise zu geniessen. Das Angebot reicht von Fischspezialitäten über Pizza bis Glace. Doch mit Ausnahme des «Mul Yam» befinden sich die allerbesten Restaurants nicht in dieser Gegend. Die Lokale richten sich an ein Strandpublikum, bei dem nicht primär das Essen, sondern die Lage eine wichtige Rolle spielt.
Essen im umfunktionierten TV-Studio
Wie vielfältig die Szene in der pulsierenden Metropole hingegen geworden ist, beweist Star-Chef Eyal Shani, der vor den Toren Tel Avivs das «Salon» eröffnet hat, das dreimal wöchentlich geöffnet ist, und zwar immer dann, wenn nicht in den gleichen Räumen eine TV-Sendung produziert wird. Als «sehr kreativ, modern und sehr gut» bezeichnet Hovav das Restaurant «Zebra» von Chef Avi Konforty, der hier den Kochlöffel zu panasiatischen Gerichten schwingt.
Der Gastro-Trend in Israel zeige, so Hovav, Richtung mediterran und asiatisch. Die Molekularküche, von der die ganze Welt spricht, sei in Israel nicht sehr erfolgreich. «Ich war im weltbekannten katalanischen Restaurant ‹El Bulli› in Spanien. Es war eine riesige Show, aber Popcorn mit Huhn isst man nur einmal im Leben und dann nie wieder», erklärt Hovav weiter. Eyal Shani zeige, wie gut einfaches Essen mit lokalen Zutaten sein kann. Das spricht die Israeli, die auch charakterlich sehr direkt und nicht gekünstelt sind, viel mehr an. «Was die Gaumen in der Schweiz begeistert, läuft in Tel Aviv nicht automatisch. Lokale Produkte wie Tehina oder Zutaten mit einem besonderen Joghurt kommen bei uns am besten an», bestätigt Rafi Cohen ebenso. Die Zeit, möglichst alles unter einem Dach anzubieten, also etwa Sushi und mediterran, sei vorbei. Auch Cohen mag es simpel, legt aber höchsten Wert auf die Qualität der Produkte. Dazu reist er ständig durch Israel, um neue Ideen für sein Restaurant aufzuspüren. Und er schwärmt für die «Luxemburgerli» von Sprüngli.
Als ob sich Hovav und Cohen abgesprochen haben, ist ihre Meinung nahezu genauso einhellig, wenn sie nach ihrer Lieblingsküche gefragt werden. Hovav nennt marokkanisch oder französisch angerichtete Speisen, Cohen das Restaurant «Yacout» in Marrakesch, das für viele als das weltweit märchenhafteste gilt. «Heute präsentiert sich die Restaurantszene Tel Avivs wie in Manhattan. Wir haben hier sämtliche Stilrichtungen und sind nicht so traditionell wie Jerusalem», sagt Cohen. Und er weiss nur zu gut, dass er mit seinem eigenen Restaurant «Raphaël», das er seit 2001 mit 140 Angestellten führt, viel zur Qualität und Vielfalt beigetragen hat.
Reto E. Wild
Restaurants in Tel Aviv
Adressen
«Cordelia»
Yefet Street 30 (Jaffa)
Telefon +972 (0)3 518 46 68
Täglich geöffnet von 19 bis 24 Uhr
www.cordelia.co.il
Entweder mag man das bewusst im Stil eines Palasts kitschig und opulent eingerichtete Restaurant in einer Seitenstrasse in Jaffa oder man mag es nicht. Selbst die Toiletten sind originell. Stark von gut aussehenden Einheimischen frequentiert. Kreative Speisen. Ein Sieben-Gang-Menü auf der von Chef Nir Zook kreierten französisch-mediterranen Speisekarte kostet rund 60 Franken. In der Nähe befinden sich mit der «Jaffa Bar» und dem «Bistro Noa» zwei weitere In-Adressen, die unter dem Label «Cordelia» laufen.
«Deca»
Hataasyah Street
Telefon +972 3 562 99 00
So–Do 19 bis 24 Uhr
(Koscher, nur Fisch- und Milchprodukte)
Neues und sehr exklusives Fischrestaurant mit dem aus dem Fernsehen bekannten Chef Chaim Cohen, der in gastronomischen Fragen berät. Die Lage im Industrieviertel Tel Avivs könnte besser sein, aber die Innenarchitektur und das Design machen das «Deca» laut Gil Hovav zum «schönsten Restaurant Tel Avivs». Chef Yaniv Caspi verwendet regionale Produkte wie das dickflüssige Joghurt Labane, das er zum Füllen der Tortellini verwendet. Die tränkt er in Olivenöl und Zaatar.
«Mul Yam»
Tel Aviv Port
Telefon +972 3 546 99 20
Täglich von 12.30 bis 16.30
sowie 19.30 bis 24 Uhr.
www.mulyam.com
Gilt mit seiner mediterranen Küche als eines der teuersten Restaurants Israels, das die Zubereitung von Fisch revolutioniert hat. Die Rohprodukte werden oft importiert: Thunfisch-Sashimi ist ein Traum. Raritäten wie schwarzer Reis aus China oder zum Abrunden den Levi-Grappa aus dem Piemont. Ripasso als Hauswein. Alle Menüs werden traumhaft präsentiert. Etwas steife Atmosphäre.
«Orca»
Nachlat Binyamin Street 57
Telefon +972 3 566 55 05
Mo–Sa 12.30 bis 15 Uhr
sowie 19.30 bis 1 Uhr morgens.
Urban eingerichtet mit gestyltem Design und kreativen Menüs. Französisch angehauchte Karte mit Speisen wie Carpaccio aus Coquilles St. Jacques, Pistazien und Trüffelöl oder Kalbfleisch mit Mandeln, begleitet von Meeresfrüchte-Fettucine. Galt schon als trendig, bevor «Wallpaper» das Restaurant entdeckt hat.
«Raphaël»
Hayarkon Street 87
Telefon +972 3 522 64 64
Täglich von 12 bis 16 Uhr
sowie von 19 bis 23 Uhr.
Der in Jerusalem aufgewachsene Chefkoch Rafi Cohen ist bereits eine Ikone – dank seinen einfallsreichen Speisen aus einfachen Rohprodukten. Obwohl das Restaurant mit seiner internationalen Karte elegant ist, strahlt es eine lockere Bistro-Atmosphäre aus; die Angestellten servieren in Jeans. Schöner Ausblick aufs Mittelmeer. Reto E. Wild


