Eine stolze Tradition
Die Avenue Clémenceau ist eine breite, eher ruhige Strasse mit einem ungepflasterten Mittelstreifen, den sich mächtige Kastanienbäume mit schräg parkierten Autos teilen. An ihrem mittleren Abschnitt bei der Busstation «Phalsbourg» grenzt die «Ecole militaire» – ein langer, monumentaler, roter Backsteinbau aus der Vorkriegszeit – ein Quartier mit hohen bürgerlichen Jugendstil- und Art-déco-Wohnungen ab.
Mit ihren vereinzelten kleinen Läden erinnert die Gegend an Paris, auch wegen dem kosmopolitischen Publikum. Aber wir bewegen uns nicht in Paris, sondern in Strassburg. Zwei Synagogen sind hier gleich um die Ecke, insgesamt zählt das stolze Strassburg nicht weniger als 16 jüdische Gebetshäuser. Koschere Restaurants aber gibt es nur ein paar wenige – und eines davon ist das «Autre Part» an der Avenue Clémenceau 60. Weil es einen guten Ruf hat, wagt man sich denn auch in das Lokal hinein, das äusserlich ein wenig heruntergekommen aussieht und mit seinem nicht gerade strahlenden, schmalen Eckeingang und der Bierlaterne zur Hauptstrasse hin wie eine gewöhnliche Quartierkneipe wirkt.
Der kleine Saal ist blitzsauber, alle Tische sind blütenweiss gedeckt, während immer noch Lieferanten mit Salatkistchen und Kartons rein- und rauseilen. Am Tresen telefoniert Wirt Elie Marciano ohne Unterbruch vor dem Bestellungsbuch und wirft zugleich einen Blick auf die angelieferte Ware. Ein Karton mit Melonen weist er, ohne seine Gespräche zu beenden, mit einer klaren Handbewegung zurück – anscheinend gefallen sie ihm nicht. Es muss jetzt alles sehr schnell gehen, denn in ein paar Minuten kommen die ersten Gäste.
Durchmischtes Publikum
Den Anfang macht eine betagte Dame mit Perücke und langem Rock, die mit ihrem Gehstock ihren Stammplatz mitten im Saal ansteuert. Flink ist Elie bei ihr, um sie zu begrüssen, mit einem Scherz aufzuheitern und ihr die Angebote des Tages vorzutragen. Und schon füllt sich Schlag auf Schlag das moderat klimatisierte und mit kleinen Halogensternen an der himmelblauen Decke beleuchtete Lokal. Am Tresen warten Kunden aus der Nachbarschaft auf bestelltes Essen zum Mitnehmen. Das Catering funktioniert besonders gut, seit Marciano auch Pizza und Flammenkuchen ins Programm genommen hat. «Nein, nein, ich bin kein Italiener», sagt Elie lachend. «Ich bin ein marokkanischer Jude», legt er nach, mit Stolz in den Augen. Damit ist er in Strassburg zwar kein Einzelgänger, aber innerhalb der hiesigen jüdischen Gemeinschaft doch in der Minderheit. Hier leben traditionell mehr Aschkenasim, ursprünglich aus dem Osten eingewanderte Juden. «Hier im Elsass haben sie ein Gefühl einer verwurzelten langen Präsenz, das ihnen ein Selbstbewusstsein gibt, das sie gut zu verteidigen wissen», schrieb die Wahl-Strassburgerin und Schriftstellerin Barbara Honigmann kürzlich. Im «Autre Part» ist das Publikum am heutigen Tag so gemischt, wie es sich ein Wirt nur wünschen kann. Alle Altersgruppen sind vertreten, Europäer und Nordafrikaner und viele Gläubige mit Perücke oder Kippa. Eine Tafel an der Wand zeigt mit Datum an, bis wann das Koscher-Zertifikat des Rabbinats für das Restaurant gültig ist. Eine Stärke in Elie Marcianos Konzept ist neben dem sehr reichhaltigen Angebot an Pizzas und Tarte Flambées die Fischkarte, die schon im grossen Vorspeisenverzeichnis beginnt. Den lauwarmen Salat mit gegrilltem Filet vom Rouget (9.50 Euro) bestellt man am besten gleich zu zweit, weil die Portion einfach gigantisch ist. Und dazu ist sie mit ihren knackfrischen Salaten, Champignons, Pinienkernen, italienischer Petersilie und dezentem Knoblauchdressing eine Einstimmung, wie sie schöner nicht sein könnte.
Gut, aber schwer
Damit wir auch beim Getränk sichergehen, koscher verpflegt zu werden, entscheiden wir uns für einen 2005-er Elsässer Pinot Noir aus Sigolsheim. Dieser hellfarbene Burgunder passt nicht nur zu den zarten Bitternoten der Rougets, sondern auch gut zum kräftigen Thunfischsteak an Pfeffersauce sowie zum grillierten Lachs als Hauptgang (18.80 respektive 14.50 Euro). Seit vielen Jahren wird der Wein unter der Aufsicht des Rabbinats Strassburg in der Cooperative von Sigolsheim nach strengen Regeln der Kaschrut gekeltert.
Nach dem frischen, ofenwarmen Apfelkuchen, nicht zu süss und nicht zu sauer und damit perfekt, kommen wir ins Träumen, denn die grossen Portionen haben uns zugesetzt. Nicht nur gut war sie, die alte jüdische (Feiertags-)Küche, sondern auch üppig. Und es erinnert uns an eine alte ostjüdische Anekdote: «Ein Ketzer erklärt: ‹An Gott glaube ich nicht, aber an die Auferstehung der Toten glaube ich.› ‹Wo bleibt da die Logik?› ‹Wenn ein Jude so viel Wein, Tee, Fisch und Kugel in sich hineinstopft und dennoch vom Mittagsschlaf lebendig aufsteht, dann ist auch an der Auferstehung der Toten nicht zu zweifeln.›»
Gérard Wirtz


