Zwischen Panzertüren und Sicherheitskameras
Der letztwöchige Anschlag eines weissen Rassisten gegen ein jüdisches Gemeindezentrum in Los Angeles hat unter amerikanischen Juden Sorge über die Sicherheit in Synagogen und anderen jüdischen Institutionen in den USA ausgelöst. In Europa und anderen Orten der Welt demgegenüber gehören derartige Sicherheitsüberlegungen bei jüdischen Institutionen seit Jahrzehnten schon zur Routine. «Wie ist es möglich, dass Amerikaner diesen Dingen keine Aufmerksamkeit schenken?», wundert sich Annie Sacerdoti, Redakteurin des «Il Bolletino», des Magazins der jüdischen Gemeinde von Milano. Terrorattacken rechtsgerichteter Gruppen und Individuen ebenso wie von arabischer und extrem linker Seite haben viele europäisch-jüdische Gemeinden schon in den 70er Jahren gezwungen, teure und ausgedehnte Sicherheitsmassnahmen einzuführen, die inzwischen zur Routine geworden sind. Oft installieren Gemeinden interne Vorkehrungen und stellen privates Sicherheitspersonal an, um den von der lokalen Polizei gewährten Schutz zu ergänzen. In Rom und Milano, aber auch vor gewissen jüdischen Häusern in der Schweiz dürfen Autos nicht parkieren. Zu den Hohen Feiertagen erhöht die Polizei die Bewachung und blockiert hin und wieder ganze Strassenzüge. Gottesdienstbesucher werden gefilzt, und mit Walkie-Talkie ausgerüstetes Sicherheitspersonal ist zur Stelle. Viele Gemeinden haben doppelte Sicherheitstüren und manchmal sogar kugelsichere Scheiben einrichten lassen. «Manchmal fühle ich mich in Synagogen in den USA unbehaglich», gab ein in Rom zu Besuch weilender amerikanischer Jude zu. «Niemand kontrolliert am Eingang, und Autos dürfen direkt neben der Türe parken.» Bei einem palästinensischen Terrorangriff auf die Hauptsynagoge von Rom kam im Oktober 1982 ein Kleinkind ums Leben; viele Personen wurden verwundet.
Dieser Anschlag, der auf die israelische Invasion des Libanons erfolgte, war Teil einer massiven antijüdischen Terrorwelle, die in den 70er und Anfang der 80er Jahre Europa heimsuchte. Die meisten Attacken wurden von Arabern oder ihren Verbündeten, hin und wieder auch von Rechtsextremisten, verübt. Ziele waren jüdische Institutionen, die als Israel nahestehend galten. In Frankreich wurden 1976 Synagogen, Schulen, Geschäfte, Gedenkstätten und Restaurants von Anschlägen heimgesucht. Bei einer Attacke an Simchat Thora 1980 kamen in einer Pariser Synagoge vier Personen ums Leben. Im gleichen Jahre forderte ein Bombenanschlag auf ein sich in jüdischem Besitz befindliches Restaurant ein Todesopfer (ein Kind) und 24 Verletzte. 1981 zählte man total fünf Tote und über 100 Verwundete bei einem Granaten- und Maschinengewehranschlag auf die grösste Synagoge Wiens und bei der Explosion einer Autobombe vor einer Synagoge in Antwerpen. Sechs Personen kamen ums Leben, als im August 1982 aus Maschinengewehren das Feuer auf ein Pariser Restaurant eröffnet wurde, und sogar 24 Menschen wurden getötet, als 1986 Palästinenser einen Anschlag auf eine Synagoge in Istanbul verübten.
Auch in den 90er Jahren riss die Kette von Anschlägen auf jüdische Stätten und Institutionen in aller Welt nicht ab, wobei die Täter oft nicht gestellt werden konnten. Über 100 Opfer und mehrere hundert Verletzte mussten so bei zwei Anschlägen auf jüdische und israelische Einrichtungen in Buenos Aires 1993 und 1994 beklagt werden. Im letzten Jahr verlief ein Brandanschlag auf die Warschauer Synagoge ohne Verluste an Menschenleben, und im Frühling 1999 starben drei irakische Juden bei einer Attacke auf ein jüdisches Gemeindehaus in Bagdad. Vor wenigen Wochen schliesslich konnte eine Bombe vor einer Moskauer Synagoge rechtzeitig entschärft werden.
JTA*****
Die Angst geht um
Weltweit ist in den letzten Wochen die Zahl der Terroranschläge (vgl. JR der letzten Wochen und «Aus aller Welt» auf dieser Seite) gestiegen. Nicht ein weltweites Netz von terroristischen Zellen oder Organisationen sind Urheber der Taten, sondern meist Einzeltäter. Die auf den ersten Blick zufällige Anhäufung von Anschlägen in jüngster Zeit verängstigt Jüdinnen und Juden in der Diaspora. Waren es in den letzten Jahren vor allem fundamentalistische islamische Organisationen wie Hamas, die mit einem flächendeckenden Netz von Anschlägen drohten, richtet sich die jüngste Welle nicht mehr direkt gegen Israel, sondern gegen Juden in der Diaspora. Jüngstes Beispiel ist das Messer-Attentat in Zürich von letzter Woche. Mit der heutigen Ausgabe beginnt die JR das Phänomen und die Reaktionen darauf zu untersuchen.
Die Redaktion


