Zwischen Gedenken und Politik
Heute Donnerstag sprechen in einer Gedenkstunde Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident, und Elli Wiesel im Bundestag, der mittlerweile im ehemaligen Reichstagsgebäude ansässig ist. Sicher hätte es auch dem neuen Bundespräsidenten Johannes Rau gut angestanden, zu diesem Tag der deutschen Bevölkerung ein paar klare Worte auf den Weg in den Alltag mitzugeben, wie es ansonsten seine Art ist.
Auch sollte an diesem Tag der Grundstein für das Denkmal für die ermordeten Juden Europas gelegt werden. Dazu kommt es nicht, sondern es werden symbolisch Schilder aufgestellt. Es hatte schon zehn Jahre vor allem privater Initiative verschlungen, bis überhaupt ein solches Denkmal gebaut wird und man denke nur zurück an die Ausschreibungen, Verwerfungen und insgesamt Querelen, bis zu diesem Tag. Doch diese Sache ist auf dem Weg. Auch wenn der Regierende Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, in einer Krönung von Unsensibilität der symbolischen Grundsteinlegung bewusst fern bleibt. Er wisse noch nichts Genaues über die Konzeption und die Kosten und deshalb komme er nicht. Anders als Bundeskanzler Schröder, der auch noch mal die Bedeutung des Denkmals hervorgehoben hatte.
Ja, und das wird’s dann wohl an diesem Tag gewesen sein. Sicher wird in der einen oder anderen Stadt, Schule und Orten, an denen man sich berufsmässig mit dem Nationalsozialismus beschäftigt, wie Gedenkstätten, Gedenkveranstaltungen geben. Aber eine breite Bevölkerungsschicht ist sich dieses Tages nicht bewusst. Es ist ein normaler Tag, im Fernsehen läuft das übliche Programm, in Berlin finden die Misswahlen für die schönsten Damen und Herren Deutschlands statt und arbeitsfrei hat niemand, denn es ist kein offizieller nationaler Gedenktag.
Das hängt sicher nicht nur damit zusammen, dass dieser Gedenktag erst zum vierten Mal begangen wird. In der Jüdischen Gemeinde fand immer eine Gedenkveranstaltung am 27. Januar statt.
Aber das war eine reine Insider-Veranstaltung. Nur dieses Jahr nicht. Übrigens schrieb am 27. Januar 1985 die Autorin zum ersten Mal für die JR einen Artikel über die Gedenkveranstaltung in der Jüdischen Gemeinde. Heinz Galinski sprach: «Wehret den Anfängen.» Zwischenzeitlich ist viel geschehen, von Wiedervereinigung bis Rechtsradikalismus, von europäischer Vereinigung bis Ausgrenzung. Die Nachkriegsgeneration war mit Verdrängen beschäftigt und seit Anfang der achtziger Jahre gab es eine Aufarbeitung der Geschichte. Doch das hat nie eine breite Basis gefunden. Das zeigt der Holocaust-Gedenktag 2000. Es ist an der Zeit, dass das Denkmal für die ermordeten Juden Europas gebaut wird, damit das, was mit dem Lauf der Jahre verblasst, die Erinnerung an die Schrecken der Vergangenheit, einen immanenten Ort in Deutschland findet.


